Ralf Röchert
Umwelt | Biodiversität, 19.05.2026
Geht Wohlstand ohne Biodiversität?
Wie Ökosysteme Wirtschaft sichern – und was auf dem Spiel steht
Ein Drittel der Tier- und Pflanzenarten in Deutschland ist bedroht, mehr als die Hälfte des Welt-BIPs hängt von Ökosystemdienstleistungen ab. Unternehmen, Forschung und Finanzwelt zeigen längst, dass langfristiger (Unternehmens-)Erfolg nur mit lebendiger Natur zu haben ist.
Anfang des Jahres veröffentlichte das Weltwirtschaftsforum seinen „Global Risks Report 2026". Auch wenn darin kurzfristig geoökonomische Disruptionen und Desinformation als wichtigste Risiken für die Weltwirtschaft angesehen werden –- auf Sicht von zehn Jahren sind extreme Wetterereignisse, der Verlust biologischer Vielfalt und die Zerstörung von Ökosystemen ganz oben gelistet. Verbunden mit dem Hinweis: Wie hoch diese Risiken in zehn Jahren wirklich sein werden, entscheiden wir heute. Eine Studie vont PricewaterhouseCoopers (PwC) stellte schon im Jahr 2023 fest: 55 Prozent des globalen Bruttoinlandsproduktes in einem Gesamtwert von 58 Billionen US-Dollar sind abhängig von Leistungen der Natur. Gleichzeitig ist laut dem „Faktencheck Artenvielfalt" die Hälfte der Lebensräume in Deutschland in einem ökologisch bedenklichen Zustand, ein Drittel der in Deutschland beheimateten Tier- und Pflanzenarten sind gefährdet, und die biologische Vielfalt geht dramatisch und weiträumig zurück. Internationale Studien des Weltbiodiversitätsrats (IPBES) und des Weltklimarats (IPCC) zeichnen ein ähnlich alarmierendes globales Bild.
Warum Biodiversität ein ökonomisches Risiko ist
Was erstmal abstrakt wirkt, hat sehr konkrete Folgen: Mit dem Verlust von Biodiversität schwinden die als selbstverständlich erachteten Voraussetzungen für wirtschaftliche Prosperität und stabile Lebensbedingungen. Sauberes Wasser, gesunde Luft, ein erträgliches Klima, produktive Böden, eine gute Versorgung mit den wesentlichen Dingen des Alltags – sie alle basieren auf komplexen Kreisläufen und Leistungen der Natur. Geht die Vielfalt der Ökosysteme, Arten und genetischen Ressourcen verloren, verarmen wir nicht nur metaphorisch, sondern realwirtschaftlich.
Wenn Klimakrise und Artenverlust Lieferketten sprengen
Wie stark der Klimawandel Wirtschaftsprozesse verändern kann, zeigt sich für den Leipziger Wissenschaftler Johannes Förster vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) beispielhaft im Kakao- und Olivenanbau. Erhebliche Ernteverluste in wichtigen Anbauregionen führten in einem Zeitraum von vier Jahren zu globalen Preiszuwächsen um das Vierfache – mit entsprechend negativen Auswirkungen auf nachfolgende Wertschöpfungsketten und Verbraucher.
Aber auch Unternehmen, die nicht direkt mit der Natur wirtschaften, spüren die Folgen. Als im Jahr 2023 in Slowenien großflächig Hochwasser zu Komplettausfällen bei Zulieferbetrieben führten, waren gleich mehrere Produktionsstandorte der Automobilindustrie betroffen – mit finanziellen Schäden im dreistelligen Millionen-Bereich.
Beispiele, die verdeutlichen: Wirtschaftliche Abhängigkeiten von stabilen ökologischen Rahmenbedingungen werden häufig unterschätzt. Oft braucht es eine sorgfältige Bestandsaufnahme entlang der gesamten Wertschöpfungskette, um zu erkennen, wie sehr die häufig komplex ineinandergreifenden Produktions- und Wirtschaftsprozesse auf vielfältige biologische Ressourcen und funktionierende Ökosysteme angewiesen sind. Biodiversität zu schützen ist somit auch eine Frage betriebswirtschaftlicher und volkswirtschaftlicher Vernunft.
Bedenkliche Rückschritte in der Politik
Im aktuellen politischen Diskurs dagegen werden Regelungen zu Naturschutz, zur Nachhaltigkeitsberichterstattung oder zur Sorgfaltspflicht entlang von Lieferketten überwiegend negativ und als Wirtschaftshemmnis bewertet. Sorge vor übermäßiger Regulierung, zu viel Aufwand und Bürokratie dominieren, zudem sei Biodiversität schwer messbar. Politische Rückschritte beim Biodiversitäts- und Umweltschutz bestrafen jedoch diejenigen, die schon längst aufgebrochen sind, um ein aktiver Teil der Lösung zu sein, und untergräbt die Planungssicherheit für notwendige Transformationsprozesse der Wirtschaft. Der frühere UFZ-Forscher Tobias Wildner betont: „Naturrisiken verringern sich nicht durch verringerte Compliance-Anforderungen."
Der European Green Deal will das Wirtschaftswachstum vom Ressourcenverbrauch entkoppeln, was laut einschlägiger Studien zwar theoretisch möglich, in naher Zukunft aber nicht wahrscheinlich scheint. Der Weltbiodiversitätsrat (IPBES) fordert daher einen transformativen Wandel hin zu einem nachhaltigen Wirtschaftssystem innerhalb planetarer Grenzen – jenseits vom Paradigma des unendlichen Wachstums.
Die fehlende Bilanzierung von Ökosystemdienstleistungen
Es gibt aber ein systemisches Problem: Die Leistungen der Natur werden als „selbstverständlich" angenommen, haben damit vermeintlich wenig Wert, sind ökonomisch selten eingepreist und werden in herkömmlichen Wirtschaftsbilanzen meistens erst dann relevant, wenn sie verloren sind. Die internationale TEEB-Initiative (The Economics of Ecosystems and Biodiversity) verfolgt daher explizit das Ziel, dass ökologische Werte auf allen Entscheidungsebenen wirtschaftlichen Handelns auch ökonomisch angemessen in Wert gesetzt werden.
Auch das „Natural Capital Project" der Universität Stanford hat über lange Jahre Modelle, Datenzugänge und Bewertungs-Tools entwickelt, die Entscheidungsträgern ermöglichen, den „Kapitalwert" der Natur in ökonomischen Abwägungsprozessen angemessen zu berücksichtigen. Selbst Umweltorganisationen wie „The Wildlife Trusts" setzen mittlerweile auf ökonomische Bewertungsmodelle, um den monetären Wert der Biodiversität in ihren Schutzgebieten zu erheben und kommunizieren zu können.
Biodiversität ist ein Wirtschaftsfaktor
Die gute Nachricht: Inzwischen gib es zahlreiche Initiativen, Forschungsprojekte und Unternehmen, die beweisen, dass ökonomischer Erfolg und naturverträgliches Handeln sich nicht ausschließen. Ein von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) geförderter Praxisleitfaden der Umweltstiftung Michael Otto zur Biodiversitätsberichterstattung hilft Firmen, ihre Abhängigkeit von Naturleistungen zu erkennen, Risiken zu managen und zur Wiederherstellung der Natur beizutragen. Auch das Weltwirtschaftsforum zeigt in einer Reihe von sektorspezifischen Studien, wie bedeutende Wirtschaftszweige sich bis 2030 „natur-positiv" transformieren könnten.
Die von der DBU kürzlich veröffentlichte Handlungsfeldanalyse „Biodiversität und Wirtschaft" (siehe unten) bietet einen dezidierten Überblick über die Möglichkeiten einer Integration von Biodiversität in Unternehmensstrategien, speziell für den Mittelstand. So erhalten KMU praktische Unterstützung und Förderung, um Biodiversitätsaspekte in ihrem Handeln stärker aufgreifen und verankern zu können.
Einbezug von Biodiversitätsverlusten in den Finanzmarkt
Vielversprechende Anfänge sind also gemacht, aber das Ziel noch nicht erreicht – das offenbarte eine Umfrage der Wirtschaftsberater von PwC und ein aktuelles Bankenrating von WWF Deutschland. Sie zeigte, wie stark die deutschen Finanzinstitute die Risiken der Biodiversitätskrise noch unterschätzen, obwohl die Zentralbanken „nature-related risks" inzwischen als systemisches Risiko für die globalen Finanzmärkte einstufen. Seit Anfang 2025 verlangt die European Banking Authority (EBA), dass Banken Biodiversitätsverluste dabei ganz explizit einbeziehen.
Umso konsequenter sollten die politischen Rahmenbedingungen deshalb auf Trendumkehr beim Biodiversitätsverlust und nicht auf Rückschritt gesetzt werden – auch im ureigensten Wirtschaftsinteresse. International werden die Stimmen lauter, wirtschaftliches Produktivkapital, Sozialkapital und Naturkapital als ein Gesamtsystem zu betrachten. Erste Pioniere richten sich bereits an planetaren Biodiversitätsgrenzen und dem Gemeinwohl aus. Sie organisieren sich z.B. in den Initiativen Biodiversity in Good Company oder Food for Biodiversity. Sie setzen auf Zirkularität, Sharing Economy, langlebige Produkte, Reparierbarkeit und echte Bedarfsdeckung statt Wachstumsfetischismus und künstlicher Schaffung von Nachfrage.
Echter Wohlstand misst sich nicht allein an Geld, sondern an gesunden Ökosystemen, stabilen Lebensbedingungen und gesellschaftlicher Resilienz. Es braucht jetzt ein Verständnis, das Naturkapital als Fundament unseres Wohlstands anerkennt – ökonomisch, politisch und kulturell.
Weiterführende Informationen: Liste an wichtigen Akteuren, Links und weiteren Informationen zum Thema Biodiversität und Wirtschaft
Biodiversität in forum
Die Wichtigkeit von Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen hat forum schon vor mehr als 15 Jahren dazu bewogen, die European Business and Biodiversity Campaign zusammen mit dem Global Nature Fund und weiteren internationalen Partnern zu gründen. In diesem Rahmen sind auch mehrere Ausgaben von forum CSR International erschienen.Ralf Röchert ist Leiter Strategische Wissenschaftskommunikation am Alfred-Wegener- Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI).
Ulf Jacob ist Leiter Politik und strategische Kommunikation am Zentrum für Umweltkommunikation der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU). Die DBU fördert innovative, modellhafte und lösungsorientierte Vorhaben zum Schutz der Umwelt unter besonderer Berücksichtigung der mittelständischen Wirtschaft.
Doris Wolst leitet die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig. Am UFZ werden Themen wie die biologische Vielfalt, Ökosystemleistungen, Wasserressourcen, Klimaschutz und -anpassung, Bioökonomie oder Ökotechnologien erforscht.
Dr. Stefanie Eichiner ist Vorsitzende des Unternehmensnetzwerks „Biodiversity in Good Company" und Mitglied im UNESCO Nationalkommittee „Mensch und Biosphäre".
Dieser Artikel ist in forum 02/2026 - Zukunft braucht Frieden erschienen.
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