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Nina Eisenmenger

Klimaneutralität braucht Kreislaufdenken

R-Strategien fürs Klima – wie Kreislaufwirtschaft Emissionen und Risiken senkt

Das politisch gesetzte Ziel der Klimaneutralität erfordert die Dekarbonisierung des Konsums und wirtschaftlicher Aktivitäten: Gebäude brauchen eine bessere Dämmung und neue Heizsysteme, der Verkehr muss vollständig auf Ökostrom umsteigen und in Industrie sowie Gewerbe gilt es, fossile Geräte und Maschinen durch klimafreundliche Alternativen zu ersetzen. Doch wie lassen sich diese Ziele mit der Kreislaufwirtschaft vereinbaren, die darauf abzielt, den Verbrauch von Primärrohstoffen sowie die Abfall- und Emissionsproduktion drastisch zu senken?

Visualisierung der Modellergebnisse © Valerie-Sophie SchönbergKreislaufwirtschaft & Wertschöpfung
Ein interdisziplinäres Team von Forscher*innen der Wiener Universität für Bodenkultur (BOKU) und des Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) hat diese Frage für die Sektoren Gebäude, Verkehr (Personen- und Güterverkehr) sowie Elektrizität untersucht. Es wurde konkret geprüft, wie Maßnahmen zur Dekarbonisierung, Kreislaufwirtschaft und Bodenverbrauch gemeinsam erreicht werden
können.

Maßnahmen zur Dekarbonisierung
Die bloße Dekarbonisierung führt zu einer 7 prozentigen Reduktion des Materialverbrauchs bis 2040 – im Vergleich zu einem Referenzszenario. Der Wegfall fossiler Energieträger überkompensiert den zusätzlichen Materialverbrauch für Umbauten. Allerdings wird das Ziel der Kreislaufwirtschaft verfehlt, da hier eine Reduktion des Materialverbrauchs um 25 Prozent bis 2030 und um 80 Prozent bis 2050 angestrebt wird.
 
Die Dekarbonisierung erfordert zudem erhebliche Mengen an Ökostrom sowie kritische Rohstoffe wie Lithium und seltenen Erden. Hierfür sind schnellere Genehmigungsverfahren und stabile Lieferketten notwendig.

Maßnahmen entlang der R-Strategien
© Maki Japan@stock.adobe.com
Durch die Anwendung der R-Strategien der Kreislaufwirtschaft (refuse, rethink, reduce) sowie der Verlängerung von Lebensdauern (slow) kann der Materialbedarf zusätzlich gesenkt werden. Wird die Wohnfläche pro Kopf im Neubau reduziert und der Individualverkehr auf effiziente öffentliche Verkehrsmittel sowie Rad- und Fußverkehr umgestellt, führt dies zu einer Verbesserung von 15 Prozent und einer geringeren Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen. Trotzdem werden die Kreislaufwirtschafts- und Bodenverbrauchsziele nicht erreicht.

Dekarbonisierung und starke Kreislaufwirtschaft
Erst eine Kombination aus Dekarbonisierung und einer starken Kreislaufwirtschaft kann die Dreifachziele erfüllen. Dies erfordert Maßnahmen wie den Stopp des Ausbaus von Gebäuden und Straßen auf unbebautem Land, eine längere Nutzung von Gebäuden, die Verlagerung von Verkehr und konsequentes Car-Sharing.
 
Diese Maßnahmen reduzieren den Materialbedarf bis 2040 um 75 Prozent. Der reduzierte Bedarf an Ökostrom und ein kleinerer Fuhrpark verringern zudem Risiken bei Genehmigungen und in den Lieferketten für kritische Rohstoffe. Besonders bemerkenswert ist der Anstieg der Zirkularitätsrate: Sie steigt von nur 12 Prozent bei Dekarbonisierung auf 34 Prozent bei einer starken Kreislaufwirtschaft, weil der Verbrauch an Primärrohstoffen erheblich gesenkt wird.

Chancen für Wirtschaftswachstum
Da ein häufiger Einwand ist, dass solche Maßnahmen die Wirtschaft schrumpfen lassen, Arbeitsplätze kosten und das Einkommen verringern, wurde dies ebenfalls mit einer Makromodellierung analysiert.

Wie die Ergebnisse zeigen (siehe Grafik), kann ein starkes Kreislaufwirtschaftsszenario die Ziele der Klimaneutralität und der österreichischen Kreislaufwirtschaftsstrategie erreichen und dabei Wertschöpfung und Beschäftigung generieren. Das hängt allerdings stark davon ab, wie die eingesparten Ressourcen verwendet werden: werden frei gewordene Finanzmittel nicht gespart, sondern in die Dienstleistungsbranche investiert, wird nicht nur das Bruttoinlandsprodukt (BIP) gesteigert, sondern auch die Schaffung neuer Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor gefördert. Dies führt zu einer nachhaltigem und inklusiven Wirtschaftsentwicklung.


Dieser Artikel ist in forum 04/2025 - Zukunft gestalten erschienen.



     
        
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