66 seconds for the future - forum zeigt Zukunftsgestalter:innen und Nachhaltigkeitspionier:innen

Olympische Winterspiele auf wackligem Boden

Mehr als die Hälfte aller 98 geplanten Bauprojekte werden erst nach dem Ende der Winterspiele fertig

Möglichst viel Beton und Stahl verbauen: Das scheint die Nachhaltigkeitsstrategie der Olympischen Winterspiele in den italienischen Alpen zu sein. Betroffen sind vor allem Berggemeinden. Das Tüpfelchen auf dem i ist der Bau einer neuen Seilbahn auf einem abrutschenden Hang in Cortina.

Eine der umstrittensten Olympio-Baustellen: Die Gondelbahn Apollonia-Socrepes in Cortina. © Fabio TullioTrotz geologischer Bedenken, Widerstand aus der Bevölkerung und einer negativen Umweltprüfung entsteht in Cortina eine neue Gondelbahn auf einem erdrutschgefährdeten Hang. Renommierte Seilbahnfirmen haben sich für das problematische Bauprojekt gar nicht erst beworben – aus gutem Grund: Erst letzten Sommer öffnete sich ein 40 Meter langer Riss quer durch den Hang. Bis zuletzt blieb unklar, ob die Seilbahn überhaupt bis zu den Winterspielen fertig wird. 

Zwangsverwaltung statt Umweltverträglichkeit
Das Olympische Dorf in Cortina wird nach den Spielen wieder abgebaut. @ Fabio TullioAnfangs hatte die Stiftung «Milano Cortina 2026» Umweltorganisationen zum Gespräch geladen, um die Umweltverträglichkeit aller Bauvorhaben zu bewerten. Dann kam es jedoch zum Bruch, die Stiftung stellte die Baustellen unter Zwangsverwaltung: Damit wurden mehr als die Hälfte aller Bauprojekte von einer Umweltverträglichkeitsprüfung ausgenommen. Als Reaktion auf dieses intransparente Vorgehen entstand das Bürgernetzwerk «Open Olympics 2026» mit zwanzig Partner-NGOs, darunter auch CIPRA Italien. Dem Netzwerk zufolge werden mehr als die Hälfte aller 98 geplanten Bauprojekte erst nach dem Ende der Winterspiele fertig, sie fallen für die Betreibergesellschaft der Spiele in die Kategorie «Vermächtnis».
 
Dabei handelt es sich Grossteils um Strassenbauprojekte. Insgesamt werden 3,5 Milliarden Euro investiert, drei Viertel aller Bauarbeiten werden nicht im Zeitplan fertig, manche erst mit bis zu drei Jahren Verspätung. Die letzte Baustelle soll im Jahr 2033 abgeschlossen sein. In Rekordzeit aus dem Boden gestampft wurde dagegen die umstrittene, 118 Millionen Euro teure Bobbahn von Cortina. Auch im Südiroler Biathlon- und Langlaufmekka Antholz wurden trotz Widerstand der Bevölkerung 2,5 Hektar Wald in einem Naherholungsgebiet gerodet, um ein neues Speicherbecken für die Beschneiung der Langlaufloipen zu bauen. Die CIPRA fordert in ihrem neuen Positionspapier umfassende Reformen vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) und den Gastgeberländern. 

Stimmen zu Mailand-Cortina 2026
«Mailand-Cortina 2026 verdeutlicht die grosse Kluft zwischen Anspruch und Realität bei Olympischen Winterspielen. Statt nachhaltiger Entwicklung profitiert nur die Bauindustrie auf Kosten der Menschen, der Umwelt und der Natur vor Ort. Denn die Alpen sind ein sensibler Lebensraum und kein Spielplatz für kurzfristige Interessen.» 
Jakob Dietachmair, Geschäftsleiter von CIPRA International

«Hinter dem Glanz der olympischen Feierlichkeiten drohen die Alpen von endlosen Baustellen erstickt zu werden. Zwischen Medaillen und Betonmischern erzählt Milano-Cortina 2026 vom Paradoxon eines Wintersportfests, das seinen eigenen Kunstschnee produzieren muss und dies als Fortschritt bezeichnet.» 
Vanda Bonardo, Präsidentin von CIPRA Italien

«Trotz Reformversprechen und einer Nachhaltigkeitsstrategie des IOC zeigen die Vorbereitungen für Mailand-Cortina 2026 einmal mehr, dass das aktuelle olympische Modell alles andere als nachhaltig ist.» 
Uwe Roth, Präsident von CIPRA International

«Wieder einmal sind es die Bergregionen, die den grössten Druck, die grösste Belastung für die Bevölkerung und die grösste Umweltzerstörung zu tragen haben. Aber ohne sie könnten die Spiele nicht stattfinden: In Mailand kann man schliesslich nicht Ski fahren!» 
Francesco Pastorelli, Geschäftsführer von CIPRA Italien

«Alle Austragungsorte müssen zu hundert Prozent mit Kunstschnee versorgt werden, da es keinen natürlichen Schnee gibt. Nun mangelt es an Wasser für die Beschneiung. Die Organisatoren ignorieren dies jedoch einfach. Sie behandeln Wasser, als wäre es ihr Eigentum und kein Gemeingut.» 
Hanspeter Staffler, Geschäftsführer von CIPRA Südtirol

«Die Olympischen Winterspiele sollten sich an ihre Gastgeberregionen anpassen, nicht umgekehrt. Mailand-Cortina 2026 zeigt, wie die Ignorierung lokaler Bedürfnisse dazu führen kann, dass Infrastruktur ohne echte Zukunft zurückbleibt. Wintersport braucht gesunde Berge, und das olympische Erbe sollte zum Schutz dieser Berge beitragen.» 
Agnese Moroni, Präsidentin von Protect Our Winters Italy

«Die Olympischen Winterspiele 2026 sind nicht nachhaltig. Die strategische Umweltprüfung (SUP) für alle geplanten Bauvorhaben wurde umgangen – ein unverzichtbares Instrument, um die Nachhaltigkeit zu bewerten und auch die Null-Option in Betracht zu ziehen. Die lokale Bevölkerung und die Verbände wurden nicht in die Planung der 98 im olympischen Programm vorgesehenen Projekte einbezogen. Diese Olympischen Spiele stehen für das Scheitern der Olympischen Agenda 2020 + 5 des IOC.»
Luigi Casanova, Präsident von Mountain Wilderness Italien

«Als eines der grössten und schönsten Sportereignisse der Welt sollten die Olympischen Spiele – ob Sommer oder Winter – auch als Leuchtturm für Natur und Umwelt dienen und mit möglichst wenigen neuen, eigens dafür errichteten Anlagen auskommen. Diese Winterspiele beweisen einmal mehr, dass dies nicht der Fall ist, da neue Sportstätten mit grossem Aufwand gebaut werden, ohne zu berücksichtigen, dass Alternativen in der Nähe bereits vorhanden sind.» 
Georg Simeoni, Präsident des AVS (Südtiroler Alpenverein)

«Grosse Sportveranstaltungen wie Olympische Spiele müssen komplett neu überdacht werden, um ihre Auswirkungen auf Natur und Landschaft zu minimieren. Vorschriften für eine nachhaltige und transparente Organisation solcher Grossveranstaltungen müssen weiterentwickelt und anschliessend von den Veranstaltern eingehalten werden."
Barbara Ernst, Präsidentin des Club Arc Alpin

Kontakt: CIPRA International, Michael Gams | michael.gams@cipra.org | www.cipra.org



     
        
Cover des aktuellen Hefts

forum Nachhaltig Wirtschaften heißt jetzt forum future economy

forum 01/2026

  • Zukunft bauen
  • Frieden kultivieren
  • Moor rockt!
Weiterlesen...
Kaufen...
Abonnieren...
10
FEB
2026
E-world energy & water
Der Branchentreffpunkt der europäischen Energiewirtschaft
45131 Essen
11
FEB
2026
BootCamp Impact Business Design
Professional Training zum Update Ihrer Transformationsskills
81371 München
26
FEB
2026
Fördermittel für die Transformation
Praxiswissen für den Mittelstand
Online
Alle Veranstaltungen...
forum goes international! Download the international edition for forum free of charge.
Anzeige

Professionelle Klimabilanz, einfach selbst gemacht

Einfache Klimabilanzierung und glaubhafte Nachhaltigkeitskommunikation gemäß GHG-Protocol

Pioniere & Visionen

Großzügigkeit und Wohlwollen
Christoph Quarch wünscht sich einen Relaunch des Nikolaus-Festes
B.A.U.M. Insights
Lassen Sie sich begeistern von einem Buch, das Hoffnung macht.

Jetzt auf forum:

6. Runder Tisch der Infrarotheizungsbranche am 15. April 2026 in Würzburg

Bildung: die Tür zur Zukunft

Olympische Winterspiele auf wackligem Boden

Internationale Fachtagung für Tragwerksplanung im Holzbau (HTK), 18./19. März 2026 in Memmingen

Italien zeigt Bio-Kompetenz auf der BIOFACH

BIOFACH Kongress 2026

Der Mensch als Herr und Meister über die Natur?

Sphera erstellt mit Rolls-Royce Power Systems Umweltproduktdeklarationen (EPDs) für mtu-Notstromaggregate

  • Engagement Global gGmbH
  • Futouris - Tourismus. Gemeinsam. Zukunftsfähig
  • Global Nature Fund (GNF)
  • toom Baumarkt GmbH
  • TÜV SÜD Akademie
  • Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e.V. (BNW)
  • Protect the Planet. Gesellschaft für ökologischen Aufbruch gGmbH
  • circulee GmbH
  • NOW Partners Foundation
  • WWF Deutschland
  • DGNB - Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen
  • Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG
  • BAUM e.V. - Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften
  • SUSTAYNR GmbH
  • World Future Council. Stimme zukünftiger Generationen