Eckard Christiani
Umwelt | Wasser & Boden, 01.06.2025
Gegen die Flut
Für weniger Plastik im Wasser
Wie ein Start-up den globalen Plastikstrom an der Quelle stoppt. Das Unternehmen Plastic Fischer zeigt, was gegen die globale Plastikflut wirklich wirkt – konkret, sozial und ohne Greenwashing.
Ein Junge watet durch knietiefes Wasser. In der einen Hand ein zerbeulter Plastikball, in der anderen eine leere Shampoo-Flasche. Das Wasser trüb, schillernd von Ölfilmen, durchzogen von Müllfahnen. Um ihn herum treiben zerfetzte Tüten, Einwegflaschen, zerbrochenes Styropor. Der Fluss wirkt wie eine Müllhalde – grau, still, voller Plastik. Kein Fisch, kein Vogel, kein Leben. Nur Abfall. Hier gibt es nichts zu spielen. Szenen wie diese sieht Karsten Hirsch im Jahr 2019 während einer Reise nach Vietnam. Sie verändern sein Leben. Und sie führen zur Gründung von Plastic Fischer, einem Sozialunternehmen, das dort ansetzt, wo die Krise beginnt: in den Flüssen – bevor der Müll das Meer erreicht.Plastik ist das neue CO2
Jedes Jahr produziert die Menschheit über 430 Millionen Tonnen Plastik. Bis 2060, warnt die OECD, wird sich diese Menge verdreifachen. Und mit ihr die Emissionen: Plastik basiert auf fossilen Rohstoffen, seine Produktion verursacht bereits heute rund zwei Milliarden Tonnen CO2 – mehr als doppelt so viel wie der gesamte internationale Flugverkehr.Hinzu kommt: Fast 40 Prozent der Plastikprodukte sind Einwegverpackungen, die oft nicht recycelt, sondern verbrannt oder deponiert werden. Die weltweite Recyclingquote liegt bei unter neun Prozent.
Das bringt unsere Ökosysteme an ihre Grenzen. Der sichtbarste Teil des Problems ist der Müll in den Meeren. Rund 80 Prozent dieses Plastikmülls gelangen über Flüsse in die Ozeane. Dort zersetzen sie sich zu Mikroplastik. Mikroplastik findet sich heute im Eis der Arktis, in Meeresorganismen vom Plankton bis zu Walen, im menschlichen Blut, ja, in nahezu jedem Ökosystem – und behindert zusätzlich die Fähigkeit der Meere, CO2 zu speichern, weil es biologische Prozesse stört, mit denen Plankton Kohlendioxid bindet. Und im Wasser setzt es selbst klimaschädliche Gase wie Methan und Ethylen frei.
„Wir versprechen keine perfekte Lösung, aber eine funktionierende.”
Karsten Hirsch
Vom Balkon am Mekong zur globalen Lösung
Karsten Hirsch entschließt sich zu handeln. Gemeinsam mit zwei Mitgründern entwickelt er ein einfaches, aber effektives Konzept: sogenannte TrashBooms – schwimmende Barrieren, die Müll aus verschmutzten Flüssen an der Wasseroberfläche stoppen. Das Prinzip: lokal, simpel, skalierbar. Die Barrieren bestehen aus vor Ort verfügbaren Materialien, können einfach gebaut und gewartet werden. Kein Hightech, sondern Low-Cost-Ingenieurskunst – mit maximaler Wirkung. Lokale Teams fahren täglich mit Booten hinaus, sammeln das Plastik per Hand ein, bringen es in Sortieranlagen, die das Unternehmen vor Ort aufbaut.. Was dort beginnt, ist eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Realität. Denn das meiste, was geborgen wird – Plastikbeutel, Folien, Einwegverpackungen – ist nicht recycelbar. Nur drei bis fünf Prozent können wiederverwertet werden. „Wir versprechen keine perfekte Lösung, aber eine funktionierende", sagt Karsten Hirsch.
Was recycelt werden kann, wird lokal verwertet. Der Rest wird in Zementwerken unter hohen Temperaturen und unter Einsatz von Filtersystemen verbrannt – deutlich sauberer als wilde Deponierung oder offene Verbrennung. Parallel entwickelt das Unternehmen Upcycling-Ideen – etwa für Mülleimer am Strand, neue TrashBooms oder Warnwesten und Kunststofffliesen.
Wirkung statt Symbolik
Der Unterschied zu vielen Umweltprojekten? Die Wirkung ist konkret und nachvollziehbar. Mehr als 2 Millionen Kilogramm Plastik hat Plastic Fischer seit Gründung gesammelt. 43 Standorte in Indonesien und Indien sind aktiv – betreut von über 80 Mitarbeitenden, die faire Löhne, Gesundheitsversorgung und langfristige Verträge erhalten. Zwei der Projekte sind OBP-zertifiziert, eines wurde von der UN Ozean Dekade ausgezeichnet.Die Cleanups schützen sensible Habitate – etwa die Mangrovenwälder bei Mumbai, ein Hotspot der Biodiversität. Über 35.000 Menschen wurden bereits durch Bildungsprogramme, Kampagnen und Aktionen erreicht – auch in Deutschland.
„Wir liefern einen Reality Check", sagt Felix Vieg, Partnership Manager bei Plastic Fischer. „Wir zeigen, wie es um das Thema Plastik wirklich steht – und dass man trotzdem etwas tun kann."
Kein Greenwashing – echte Partnerschaften
Plastic Fischer ist keine klassische NGO. Es ist eine GmbH mit einem nachhaltigen Geschäftsmodell, das Unternehmen ermöglicht, ihre CSR- und ESG-Ziele mit realer Umweltwirkung zu verknüpfen. Pro investiertem Euro wird eine klar definierte Menge Plastik gesammelt – dokumentiert, fotografiert, verarbeitet. Mehr als 50 Partnerunternehmen aus Europa, APAC und den USA sind bereits dabei. Dazu zählen große Namen wie die Allianz, Innovatoren, wie der Logistikpioneer forto, Mittelständler wie Knipex oder nachhaltige Marken wie GOT BAG. Die Vorteile liegen auf der Hand: kein Kompensations-Märchen, sondern eine messbare, überprüfbare Wirkung, die gleichzeitig Umwelt, Klima und soziale Entwicklung unterstützt.
Für Unternehmen bedeutet das:
- glaubwürdiges Engagement
- konkrete Nachhaltigkeitskennzahlen
- Content für Kommunikation und Branding
- ein Projekt, das Mitarbeitende stolz macht
„Weil echte Wirkung nicht nur die Umwelt stärkt, sondern auch Arbeitgebermarken – durch greifbares Engagement, das Mitarbeitende überzeugt", sagt Vieg.
Teil eines globalen Netzwerks
Plastic Fischer ist kein Einzelkämpfer. Projekte wie The Ocean Cleanup, Bubble Barrier, One Earth-One Ocean oder Plastic Odyssey ergänzen das globale Engagement gegen den Plastikstrom – mit jeweils eigenen Ansätzen: von Luftblasen in Amsterdams Kanälen bis zu Recycling-(Forschungs)-schiffen. Plastic Fischer fokussiert sich dabei auf die Flüsse Asiens – dort, wo der meiste Müll ins Meer gelangt. Gemeinsam entsteht ein globales Mosaik konkreter Lösungen.
Jetzt ist die Zeit zu handeln
Plastic Fischer bringt sechs Jahre Erfahrung im Kampf gegen Plastikverschmutzung mit – und zeigt, dass wirksames Handeln möglich ist. Noch ist das Unternehmen klein im Vergleich zur Größe der Krise, doch der Ansatz funktioniert, ist skalierbar und liefert messbare Ergebnisse. Es lädt Unternehmen ein, Teil einer Lösung zu werden, die auf Transparenz, Wirkung und Haltung setzt – statt auf Greenwashing oder Symbolpolitik. „Warten, bis alles perfekt ist, führt zu Stillstand", sagt Vieg. „Wir bestärken alle, die jetzt Verantwortung übernehmen und handeln."
Eckard Christiani ist Journalist, Corporate Publisher und Herausgeber der Buchreihe „morgen – wie wir leben wollen". Er schreibt regelmäßig über gesellschaftlichen Wandel, neue Perspektiven und das Morgen.
Dieser Artikel ist in forum 03/2025 - Der Wert der Böden erschienen.
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