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Anna Köhl

Tourismus als Multiplikator der Kreislaufwirtschaft

Wie können der Tourismus und sein Wachstum nachhaltig gestaltet werden?

Der Tourismus trägt etwa 10 Prozent zum weltweiten Brutto­inlands­produkt bei – und ist für 9 bis 12 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich. Gleichzeitig ist er in hohem Maße von einer intakten Natur abhängig. Bei einem jährlichen Wachstum von fast 5 Prozent stellt man sich diese Frage.

Schlau: Die Kamera in Kombination mit der Waage erkennt Lebensmittelabfälle. Das spart weltweit bereits $70 Mio. an Lebensmittelkosten. www.winnowsolutions.com © Winnow
Die Antwort lautet: durch eine Kreislaufwirtschaft, die ökonomische, soziale und ökologische Aspekte unternehmerisch in Einklang bringt. Denn als Multiplikator hat der Tourismus die Macht, Endverbraucher und Produktionssystem gleichermaßen zu beeinflussen. Damit könnten die Emissionen im Tourismussektor bis 2030 um bis zu 41 Prozent im Vergleich zu 2019 reduziert werden. Davon sind 49 Prozent direkt durch die Tourismusunternehmen beeinflussbar. Nachfolgend einige Handlungsmöglichkeiten.

Unterkünfte
Gebäude sind für etwa 30 Prozent der Treibhausgasemissionen im Tourismussektor verantwortlich, wobei davon 74 Prozent auf den Betrieb entfallen. Interessant ist, dass Hotels durchschnittlich zweimal so energieintensiv sind wie Wohngebäude. Tourismusbetriebe können hier durch modulare Bauweisen, Renovierung statt Neubau sowie den Einsatz energieeffizienter Systeme erhebliche Einsparungen erzielen. Neben diesen großen Investitionen spielen auch kleinere Hebel wie die zirkuläre Beschaffung eine entscheidende Rolle. Dabei geht es darum, dass die beschafften Produkte nach den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft hergestellt und nach Gebrauch wiederverwendet werden können. Langlebigkeit, Reparierbarkeit und Modularität stehen hier im Vordergrund.

Was auf den ersten Blick teuer erscheint, kann auch sehr kostengünstig sein, wie das Beispiel der Upcycling Zimmer im Hotel Kogler in Bad Mitterndorf zeigt. Anstatt die Möbel der in die Jahre gekommenen Zimmer komplett zu entsorgen, wurden diese von lokalen HandwerkerInnen abgeschliffen, neu lackiert und mit kleinen Details aufgewertet. Antike Möbel wurden auf Second-Hand-Plattformen gekauft und bilden die Highlights der Zimmer. Vereinzelte moderne Stücke runden das Bild ab. Neben der Investitions- und Ressourcenersparnis entsteht so eine positive Geschichte, die die Gäste stärker an das Hotel bindet.

Gastronomie und Essen
Die Lebensmittelwertschöpfungskette ist ein weiterer ressourcenintensiver Bereich des Tourismus, in dem erhebliche Einsparungen und wirtschaftliche Vorteile möglich sind. Ein kreislauforientierter Ansatz in der Gastronomie umfasst den Einkauf lokaler Produkte, die Vermeidung von Verpackungen und den Einsatz effizienter Küchengeräte. Der größte Hebel liegt jedoch in der Auswahl der Lebensmittel, denn sie verursachen extreme Systemkosten: Für jeden Euro, der für Lebensmittel ausgegeben wird, zahlt die Gesellschaft zwei Euro (Gesundheit, Umwelt, Wirtschaft). Umso wichtiger ist besonders die Reduzierung von Lebensmittelabfällen, denn 33 Prozent der weltweiten Nahrungsmittelproduktion werden verschwendet.

Vorher ein konventionelles und altbackenes Hotelzimmer © Hotel KoglerIn der Tourismusbranche kann die Verschwendung durch einen konsumoptimierten Wareneinsatz sowie die kreislauforientierte Verwertung von Abfällen geschehen. Ein innovatives Start-up zeigt, wie das mit Unterstützung von KI funktionieren kann. Kernstück ist eine Küchenwaage mit eingebauter Kamera. Alle Lebensmittelabfälle werden gewogen und mit Hilfe der Kamera identifiziert. Das Ergebnis ist eine automatisierte Analyse der Abfälle, die mit weiteren Daten wie Wetter, Uhrzeit, Feiertagen etc. gekoppelt wird. Das selbstlernende System erstellt daraus eine Prognose für den Wareneinsatz. In einem Pilotprojekt konnten die Lebensmittelabfälle in sieben Hotels um 36 Prozent reduziert werden, was zu jährlichen Einsparungen von über 10.000 Euro pro Hotel führte.

Best Practice-Beispiel Green Solution House Denmark
Wenn alle Bereiche der Kreislaufwirtschaft aktiv genutzt werden, kann sich daraus eine starke Positionierung entwickeln. Ein gutes Beispiel dafür ist das Green Solution House in Dänemark: Die Strategie des Hotels ist es, als lebendes Labor für die Kreislaufwirtschaft zu agieren und damit andere in der Tourismus- und Bauindustrie zu inspirieren: Materialien werden wiederverwendet, Solarzellen produzieren Strom für das Hotel, recyceltes Glas dient als gläserner Weg im Park. Die Naturfläche um das Hotel wurde unter Berücksichtigung der Artenvielfalt angelegt, das Duschwasser wird aufbereitet und wiederverwendet und Schafe haben die Rasenmäher ersetzt. Selbstverständlich sind Küchenabfälle längst minimiert. Insgesamt wurden über 75 Kreislauf Maßnahmen umgesetzt, die das Hotel zu einem erfolgreichen Gesamtkonzept machen.

Betriebswirtschaftliche Chancen für Tourismus
Individuell: Die upgecycelten Zimmer im Hotel Kogler erstrahlen in neuem Licht mit alten Möbeln. Preiswertes Upcycling schafft ein modernes Ambiente © Oberoesterreich Tourismus / Martin FickertDie Circular Economy bietet Tourismusbetrieben Ansätze zur Kostenreduktion und Resilienz-Erhöhung. Längere Nutzungszyklen von Anlagen senken Investitionskosten und optimierte Ressourcen- und Abfallströme reduzieren Betriebskosten. Zirkuläre, faire und regionale Lieferketten steigern den Markenwert und verbessern das Risikoprofil. Zusätzliche Einkommensströme entstehen durch nachhaltige, regionale Produkte und Services in Kooperationen, denn die Kreislaufwirtschaft im Tourismus kann nur durch aktive Zusammenarbeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette erfolgreich umgesetzt werden. Ein Beispiel für die Zusammenarbeit mit Politik und Wissenschaft ist die Iberostar-Gruppe. Ihre Projekte reichen von der Wiederherstellung von Mangrovenwäldern in der Dominikanischen Republik bis hin zur Errichtung eines Korallenlabors. Hierbei entstehen win-win-win Situationen: neue touristische Einnahmequellen werden geschaffen, das Ökosystem regeneriert und die Forschung vorangetrieben.

Tourismus-Destinationen wachen auf
Die Destinationen spielen eine Schlüsselrolle bei der Förderung und Umsetzung der Kreislaufwirtschaft im Tourismus. Sie haben das Potenzial, ganzheitliche Strategien zu entwickeln und umzusetzen, die alle Aspekte des touristischen Angebots umfassen. Durch die Förderung regionaler Wirtschaftskreisläufe, wie beispielsweise die Initiative „Bewusst Tirol", können Destinationen die lokale Wirtschaft stärken und gleichzeitig die Umweltbelastung reduzieren.

Die wichtigste Frage kommt zum Schluss: Wie schnell wird die Wende von „Massentouristen" zu „Circular Touristen" kommen? Das ist ein neuer Typus von Reisenden, der sich durch ein hohes Bewusstsein für Nachhaltigkeit auszeichnet und aktiv nach Reiseerlebnissen sucht, die minimal negative Umweltauswirkungen haben. Und – dafür ist der Circular Tourist auch bereit, sich zu engagieren oder mehr zu bezahlen.

Kreislaufwirtschaft – Tourismus und Kooperation
Der Tourismus trägt etwa 10 Prozent zum weltweiten Brutto­inlands­produkt bei – und ist für 9 bis 12 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich. Gleichzeitig ist er in hohem Maße von einer intakten Natur abhängig. Bei einem jährlichen Wachstum von fast 5 Prozent stellt sich die Frage: Wie können der Tourismus und sein Wachstum nachhaltig gestaltet werden?

Anna Köhl ist Mitbegründerin von „endlich" und unterstützt Unternehmen, Organisationen und Regionen bei der zirkulären Transformation. Die endlich.academy bietet Lehrgänge für das Wissen einer zirkulären Zukunft an. Darüber hinaus forscht und lehrt sie an verschiedenen Hochschulen in Österreich.

Harald Friedl arbeitet global als Circular Economist und ist eine LinkedIn Green Top Voice. Er berät Top-Unternehmen und die UNO zum Thema Kreislaufwirtschaft. Harald ist Mitinitiator des jährlichen globalen „Circularity Gap Report" und war 2017-2020 CEO des Do-Tanks Circle Economy in Amsterdam.
 

Kreislauf konkret

Die ersten Schritte in die Kreislaufwirtschaft scheinen manchmal herausfordernd. Nachfolgende Tipps helfen:

Für Tourismusbetriebe
  • Reduzieren Sie Lebensmittelabfälle durch innovative Technologien
  • Entwickeln Sie nachhaltige Produkte und Services für neue Einkommensströme
  • Führen Sie zirkuläre Beschaffungspraktiken ein
  • Implementieren Sie modulare Bauweisen und energieeffiziente Systeme
 Für Destinationen und Regionen
  • Fördern Sie Kooperationen zwischen öffentlichen und privaten Akteuren
  • Entwickeln Sie Infrastruktur für Kreislaufwirtschaft
  • Positionieren Sie sich als nachhaltige Destination
Für Verbände und Organisationen
  • Setzen Sie Standards für nachhaltigen Tourismus
  • Bieten Sie Schulungen und Ressourcen zur Kreislaufwirtschaft an
  • Fördern Sie den Wissensaustausch zwischen Mitgliedern
Folgende Anlaufstellen bieten Unterstützung
  • Global Sustainable Tourism Council (GSTC): Standards für nachhaltigen Tourismus.
  • Welttourismusorganisation (UNWTO): Förderung nachhaltiger Tourismusstrategien.
  • Circle Economy & Ellen MacArthur Foundation: Thinktanks zur Kreislaufwirtschaft
  • Systemiq: „Better Travel and Tourism, Better World"
  • CE3060 Alliance: „Circular Economy in Travel and Tourism"
  • iDossiers: „Circularity in the hotel industry and competitiveness"

Dieser Artikel ist in forum 02/2025 - Save the Ocean erschienen.



     
        
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