Umwelt | Ressourcen, 18.10.2024
Wege zur Sanitär- und Nährstoffwende
Handbuch des Forschungsprojekts »zirkulierBAR« präsentiert Ansätze für eine innovative Kreislaufwirtschaft
Nach drei Jahren interdisziplinärer Zusammenarbeit hat das Fraunhofer
IAO gemeinsam mit den Partnern des Projekts »zirkulierBAR«
Lösungsansätze und Forschungsergebnisse zur Sanitär- und Nährstoffwende
in einem Handbuch veröffentlicht. Im Fokus stehen technische und
ökologische Möglichkeiten zur Kreislaufführung menschlicher
Ausscheidungen als Recyclingdünger. Das Handbuch ist ein Praxisleitfaden
für kommunale Mitarbeitende, Planende, Landwirtschaft und alle
Interessierten.
Wie können wir den Boden nachhaltig verbessern, Nährstoffe recyclen und
den Verbrauch von Erdgas und Rohphosphat verringern, und zudem im großen
Stil Trinkwasser sparen und die Belastung der Gewässer reduzieren? In
Recyclingdüngern aus Inhalten von Trockentrenntoiletten steckt viel
Potenzial. Das Forschungsprojekt zirkulierBAR hat gezeigt, dass es
technisch machbar und ökologisch sinnvoll ist, menschliche
Ausscheidungen zu Dünger aufzubereiten und diesen landwirtschaftlich zu
nutzen.Akzeptanz in der Bevölkerung
Mit einem systemischen und interdisziplinären Ansatz konnte zirkulierBAR in den letzten drei Jahren die Herstellung und Anwendung von Recyclingdüngern unter verschiedenen Aspekten erforschen. Das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO hat im Kontext des Projekts beleuchtet, welche Voraussetzungen für ein funktionierendes Innovationsökosystem notwendig sind. Darüber hinaus hat das Forschungsteam die Akzeptanz in der Bevölkerung sowie die Perspektive potenzieller Stakeholder erhoben. »Die Ergebnisse unserer Befragung bestätigen eine bereits hohe Akzeptanz von ressourcenorientierten Sanitärsystemen in der Gesellschaft. Jetzt braucht es einen rechtssicheren Rahmen, um Pflanzennährstoffe in einem Kreislauf zu führen. Dadurch können wir Wasser sparen, Schadstoffe reduzieren und Ressourcen schonen«, sagt Felix Bickert, Projektleiter des Fraunhofer IAO. Damit aus dem zirkulierBAR-Reallabor des Landkreises Barnim in Eberswalde Wirklichkeit wird, müsste u.a. das Düngemittel- und Abfallrecht angepasst werden. Ein Beispiel: Damit menschliche Ausscheidungen in die Düngemittelverordnung aufgenommen werden können, müssen sie als Bioabfall gelten - das ist momentan noch nicht der Fall.
Forschungsergebnisse und praktische Anwendungen
Die im Handbuch publizierten Ergebnisse aus Forschung und Entwicklung bilden eine fundierte Grundlage, auf der diese Zukunftstechnologie jetzt skaliert und breiter eingesetzt werden kann. Das Handbuch zeigt auf, wie ganz konkrete Transformationsschritte in Richtung regionale Kreislaufwirtschaft aussehen könnten.
Aus dem Inhalt:
- Wie gelang der Aufbau der Recyclinganlage in
Eberswalde? Sie ist die deutschlandweit erste Anlage, in dem Urin und
Fäzes gesammelt, hygienisiert und mit wissenschaftlicher Begleitung als
Recyclingdünger wiederverwertet werden.
- Untersuchungen im Rahmen der Qualitätssicherung haben
gezeigt, dass die Recyclingdünger gesundheitlich unbedenklich sind und
die fachlichen Anforderungen an Düngemittel erfüllen.
- Eine Umfrage unter Bio-Anbau-Verbänden zeigt, dass der
Einsatz von Recyclingdüngern in der ökologischen Landwirtschaft positiv
bewertet wird.
- In einer repräsentativen Studie wird deutlich, dass eine
gesellschaftliche Akzeptanz da ist: über 50 Prozent der Befragten
zeigten sich offen für Trenntoiletten und Recyclingdünger.
- Welche institutionellen Gestaltungsfragen ergeben sich
hinsichtlich einer öffentlichen, ressourcenorientierten
Sanitärversorgung? Erfahrungen aus Kommunen, die eine zentrale Rolle in
der Sanitärwende einnehmen.
- Welche rechtlichen Veränderungen sind notwendig, um einen
adäquaten Rechtsrahmen für den Einsatz ressourcenorientierter
Sanitärsysteme zu schaffen?
- Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte und am Leibniz-Institut für Gemüse- und Zierpflanzenbau (IGZ) koordinierte Projekt zirkulierBAR wird mit dem Jahr 2024 zu Ende gehen.
Auf der zirkulierBAR Abschlussveranstaltung am 17. Oktober 2024 in Berlin wurde das Handbuch zur Sanitär- und Nährstoffwende vorgestellt und an Vertreterinnen und Vertreter aus dem Netzwerk der beobachtenden Kommunen und weitere Stakeholder aus dem Innovationsökosystem übergeben.
Stimmen zum Handbuch und zur Sanitärwende
Michael Kellner, Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz in einem Video-Grußwort:Mich treibt die Frage um, wie wir in allen Lebensbereichen Kreislaufwirtschaft umsetzen können. zirkulierBAR ist hier mit dem Recycling von Nährstoffen neue Wege gegangen, dafür bedanke ich mich.«
Marco Schlüter, Referent und Koordinator für öffentliche Sanitäranlagen der Stadt Leipzig und Mitglied im Netzwerk beobachtender Kommunen sagte in seinem Statement:
Ich bin mittlerweile fest davon überzeugt, dass die Etablierung ressourcen-orientierter Sanitärsysteme richtig ist. [.] Ich nehme dieses Handbuch und die gesammelten Erfahrungen der letzten Jahre mit und mache mich hoffnungsvoll auf den Weg in eine Zukunft, in der wir sparsam mit kostbarem Trinkwasser umgehen, unsere Umwelt schützen und wertvolle Nährstoffe regional und effizient recyceln.«
Über die Entstehung des Handbuchs erzählten Anna Calmet und Annika Grebener von der Kontaktstelle Kommunen des Projekts zirkulierBAR:
Auf 124 Seiten haben wir nahezu alle Erkenntnisse aus unseren 3 Jahren Forschung zusammengefasst. Das Handbuch ist eine Anleitung, vom stillen Örtchen aus etwas fürs Klima zu tun. Es soll aus dem "Pfui" ein "Hui" werden lassen, zum Nachahmen und Weiterforschen anregen.«
Kostenloser Download
Die Publikation "Zurück in den Kreislauf - Handbuch für die Sanitär- und Nährstoffwende" kann unter folgendem Link kostenlos heruntergeladen werden.
Zum Handbuch
Projekt zirkulierBAR
zirkulierBAR ist ein Forschungsprojekt in Eberswalde. Kommunen, Unternehmen und Forschungseinrichtungen schaffen hier gemeinsam ein Reallabor für eine nachhaltige regionale Kreislaufwirtschaft. Vision ist es, Nährstoffe aus verzehrten Lebensmitteln zurückzugewinnen und diese wieder der Landwirtschaft zuzuführen. Das Projekt wird gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im...
- Zur Projektvorstellung (iao.fraunhofer.de)
- Zur Projektwebseite
Kontakt: Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO, Juliane Segedi | presse@iao.fraunhofer.de | www.iao.fraunhofer.de
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