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Technologie und Jugend

Die Kraft Europas - Entscheidende Faktoren europäischer Nachhaltigkeit

In den vergangenen Jahren hat "Nachhaltig Wirtschaften" in Europa Erfolge gefeiert, aber zwei Elemente zu selten einbezogen: Technologie und Jugend. Wenn sich das ändert, wird eine von Technologiezukünften vereinnahmte Wirtschaft besser als bisher Nachhaltigkeit praktizieren und eine Jugend, die sich bislang eher an den Rand gedrängt fühlt, aus ihrer eigenen Sicht heraus produktiver werden können.

© Ines Maria EckermannIn Europa besteht spätestens seit dem Brexit 2016 eine Dichotomie zwischen dem privaten Technologiesektor, seiner öffentlichen Verwaltung und dem Nachhaltigkeitsgedanken: Drei miteinander verknüpfte, aber noch nicht ausreichend konvergierende Dimensionen. Denn obwohl die wichtigsten Nationen Europas zu den qualitativ hochwertigsten Technologieherstellern gehören und ein hochentwickeltes Nachhaltigkeitsbewusstsein zu erkennen geben, weist der Kontinent ein eher bescheidenes Profil auf, wenn es um vielversprechende experimentelle Technologieinnovationen und ihre öffentliche Bereitstellung geht.

Der private Sektor – noch immer Weltspitze
Europas privater Technologiesektor gehört seit Jahren zur Weltspitze. Laut offiziellen EU-Daten hat der Frühphasen-Tech-Sektor von 2015 bis 2018 seine Investitionen und die Gründung erfolgreicher Start-ups vervierfacht. Im Jahr 2018 erreichte das Gesamtinvestitionsvolumen einen Rekord von 23 Milliarden US-Dollar, verglichen mit 3 Milliarden US-Dollar fünf Jahre zuvor. Im Jahr 2019 lag die Summe bereits bei 34 Milliarden US-Dollar, was auf einen Trend zu stetigem Wachstum hindeutet. Die Coronavirus-Pandemie von 2020-21 unterbrach diesen Trend nur kurzfristig. Laut Darstellung der Risikokapitalfirma Atomico sammeln europäische Start-ups inzwischen wieder bis zu 41 Milliarden US-Dollar im Jahr ein.

Auch neue und kleinere Technologieunternehmen verzeichnen im Vergleich zu den USA in Europa nach dem Börsengang eine bessere Wertsteigerung. Im Jahr 2018 er zielten US-Startups durchschnittlich eine Steigerung von 42 Prozent bei ihrem Börsengang, europäische Unternehmen hingegen 222 Prozent. Auch die Überlebensrate von Start-ups, ein wichtiger Indikator für die Nachhaltigkeit von Investitionen in technologische Innovationen, zeigt, dass die Anzahl europäischer Start-ups in der Summe zwar niedriger ist als in den USA, ihre Überlebensrate in den ersten fünf Jahren jedoch etwa siebenmal höher.

All das zeigt: Was den privaten Technologiesektor angeht, schneidet Europa im internationalen Vergleich gut ab. Mit der Entwicklung im fernen Osten, etwa in China, ist ein Vergleich allerdings schwer möglich. China hat ein ganz anderes Verständnis vom „privaten Sektor" einschließlich der Schnittstelle zwischen „privat" und Technologie, beispielsweise in den Bereichen Datensammlung, Datennutzung und Überwachung. Im Gegensatz dazu versucht Europas privater Sektor, sich auf die Integration von Nachhaltigkeit, grüner Technologie und Nischentechnologien zu konzentrieren. Und er versucht, in diesen Bereichen zu den Besten zu gehören, ohne Handelskriege zu führen.

Die staatliche Sphäre – Strategie und Geld sind Mangelware
Wie steht es um die zweite Dimension: die staatliche Sphäre? Im Gegensatz zum privaten Sektor ist die europäische Technologie-Governance noch nicht ausreichend für das neue Nachhaltigkeits-Paradigma gerüstet. Dies gilt für Nationalstaaten ebenso wie für die EU, vor allem im Blick auf grüne Technologie-Voraussicht und strategische Antizipation. Im Gegensatz zum privaten Sektor tut die EU noch zu wenig, um eine gemeinsame Wirtschafts- und Technologiestrategie mit Nachhaltigkeitsbezug zu fördern und zu unterstützen. Nationale Strategien sind oft eher kurzsichtig und sind daher eher taktische Pläne des Austestens als Antizipation im präziseren Sinne.

Zum Beispiel startete die deutsche Bundesregierung im November 2018 ihre Strategie für Künstliche Intelligenz (KI) und erneuerte sie mit einer aktualisierten Strategie im Dezember 2020. Es handelt sich um ein ehrgeiziges Vorhaben im Hinblick auf „grüne KI-Technologie" als Alleinstellungsmerkmal und Wettbewerbsvorteil. Auch in Bezug auf die bürgerschaftliche Dimension und die demokratische Beteiligung ist die deutsche Position beispielhaft. Die Schwäche liegt jedoch in den Zahlen. Noch in der Merkel-Ära wurde beschlossen, ungefähr die gleiche Menge Geld für die Entwicklung von „KI mit menschlichem Antlitz" zu investieren, die einzelne chinesische High-Tech-Zonen pro Jahr aufwenden. Diese Diskrepanz spiegelt sich in den öffentlichen Investitionen der EU in nachhaltigkeitsorientierte KI-Forschung und Innovation, wofür im „EU-Prioritätsprogramm 2019-2025" nur 1,5 Milliarden Euro bereitgestellt wurden mit dem Ziel, diese Summe bis Ende des Jahrzehnts auf 20 Milliarden Euro zu erhöhen.
 
Das kontinentale Europa ist in seiner Unternehmensproduktivität vielleicht weniger fruchtbar, aber im Allgemeinen nachhaltiger.

Ob damit langfristig entscheidende Anreize zur Ankurbelung von Spitzentechnologie im Nachhaltigkeitsbereich geschaffen wurden, darf bezweifelt werden. Allein für das Jahr 2020 hatte die chinesische Regierung Ankündigungen für Investitionen in „progressive" KI in Höhe von 70 Milliarden US-Dollar vorgenommen. Und im Mai 2020 gab sie Pläne für ein Technologie-Investitionsprogramm in Höhe von 1,4 Billionen US-Dollar bis 2025 bekannt. Das Ziel ist klar: In allen strategischen Bereichen voranschreiten, um Demokratien zu übertreffen, die Legitimation des autoritär-populistischen Systems zu stärken und die eigene Überlegenheit zu beweisen.

Während autoritäre Regime in neue Technologien investieren, dabei aber den Nachhaltigkeitsgedanken nur in der Rhetorik an zentraler Stelle führen, meinen es europäische Gemeinwesen ernst mit dem Zusammenschluss von Technologie und nachhaltigem Wirtschaften. Doch sie investieren zusammengenommen zu wenig, um nachhaltigen Technologien den Durchbruch im globalen Wettbewerb der Systeme „autoritär versus demokratisch" zu ermöglichen. Wenn Demokratien ihre Systeme verteidigen wollen, werden Europas Regierungen gut daran tun zusammenarbeiten, um das Nachhaltigkeits-Rad so schnell wie möglich auch im Technologiebereich zu drehen, um ihn durch die Fusion und Integration von regionalen, nationalen und europäischen Förder- und Anreizprogrammen und pluralistisch ausgerichteten „Aufklärungs"-Maßnahmen für neue und avantgardistische Technologien zu positionieren.

Der Faktor Jugend
Ein weiterer im Nachhaltigkeitsdiskurs vernachlässigter Faktor ist die Jugend. Die Post-Covid-Phase erfordert jedoch ein Europa, das seine jungen Menschen auch in Bezug auf nachhaltiges Wirtschaften stärker berücksichtigt. Neben Fragen zur Umweltkrise und zur Zukunft der Arbeit gehören die Stärkung der Zivilgesellschaft, die Beteiligung der Bürger und vor allem die Einbeziehung der jungen Generation in Entscheidungsprozesse zu den wichtigsten Zukunftsthemen, die heute von den Jugendlichen in allen EU-Staaten genannt werden. Doch eine neue, oft ideologienahe Moralisierung der Politik wirkt oft als Ausschlussmechanismus. Rhetorisch wird die Einbeziehung der jungen Generation zwar beschworen. Aus Sicht der Jugendlichen selbst wurde sie bislang jedoch nicht ausreichend realisiert. Viele junge Menschen identifizieren sich (unbewusst) mit Kassandra: der Unheilsprophetin, der niemand Gehör schenken wollte.

Dabei ist die Jugend von heute nicht mehr eine „No-future"-Generation wie in den 1980er Jahren. Sie ist „ernsthaft", weil sie informierter ist und in Echtzeit an globalen Prozessen teilnimmt. Sie erlebt Krisen aus erster Hand; und sie wird die Umwelt-Schulden, die wir heute verursachen, begleichen müssen. Wer über die jungen Menschen von heute lamentiert, versteht nicht ihren „stillen" und offenen Widerstand der tiefgreifend politisch und meta-politisch zugleich ist.

Fazit: Wir sollten mehr auf unsere Jugend hören und zusammen mit ihr für eine positive Zukunft arbeiten – gerade im Bereich des nachhaltigen Wirtschaftens. Hier empfehlen sich angemessene soziale Werkzeuge wie zum Beispiel „Hackathons", um Probleme gemeinsam zu lösen; oder die weit verbreitete Einführung von „Futures Literacy", also der von der UNESCO entwickelten „Zukunftskompetenz" im schulischen Bereich; oder die regelmäßige Organisation von „Futures Literacy Labs": Zukunftslabore mit breiter Beteiligung von Jugendlichen und Bürgern auf lokaler und regionaler Ebene. Dies sind konkrete Möglichkeiten für einen in die Zukunft schauenden Nachhaltigkeitsdialog.

Prof. Roland Benedikter ist Co-Leiter des Center for Advanced Studies von Eurac Research Bozen, Italien, UNESCO-Lehrstuhlinhaber in Anitizipation & Transformation und Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften.

Gesellschaft | Politik, 01.03.2024
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