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Die Kultur der Moral

Der aktuelle Neujahrskommentar von Alrun Vogt

Während der Mensch im technischen Bereich ungeheure Fortschritte gemacht hat, ist er in seiner moralischen Entwicklung nur wenig vorangekommen. Woran liegt das? Und wie sieht der Ausweg aus?

Der Wagenlenker: Bei Platon das Symbol der Vernunft, die Herr über die Begierden und Affekte (das Pferd) ist. © OpenClipart-Vectors, pixabay.comDas Dilemma des Menschen: Es wird deutlich, wenn wir den Menschen im Unterschied zur Natur betrachten. In der unangetasteten Natur gibt es eine Ordnung, die sich selbst trägt und reguliert. Die Nahrungskette, vom Löwen bis zur Laus, den Mikroorganismen und den Pflanzen, ist aufeinander abgestimmt: Keine Tier- und Pflanzenart nimmt überhand oder stirbt aus, solange keine Naturkatastrophen dazwischenspielen. All dies geschieht „automatisch", geschieht nur, indem jede Spezies ihrem Instinkt folgt.

Fluch und Privileg der Freiheit

Kommt der Mensch ins Spiel, fällt dieses Gleichgewicht aus dem Lot; zum Beispiel wenn er beginnt, Löwen zu erschießen. Dann gibt es keine natürliche Regulierung mehr. Denn ein „natürliches" Maß an Löwen, die der Mensch töten kann, gibt es nicht. Der Mensch kann sich mit seinem Verstand überlegen, wie viele Löwen er töten kann, ohne dass er das natürliche Gleichgewicht stört. Aber dies geschieht nicht von selbst durch einen natürlichen Instinkt.

Was wäre, wenn der Mensch seinem „Instinkt" folgen würde? Die Instinkte des Menschen umfassen zwar auch Eigenschaften wie Mitgefühl. Doch der Mensch, der unreflektiert und instinktiv wie ein Tier handelt, verliert dennoch gleichzeitig mehr und mehr das, was wir als menschlich ansehen. Sein Ich ist dann nicht mehr Herr im eigenen Haus, wie Freud es ausdrückte. Er ist affektgesteuert, neigt zur Maßlosigkeit, Gier, Geltungs- und Genusssucht.

Wie körperliche Fähigkeiten muss der Mensch die Tugenden pflegen und trainieren, sagte Aristoteles, heute würde man eher sagen: seinen Charakter. So nennt etwa der amerikanische Psychiater Robert Cloninger das Resultat dessen, was der Mensch aus sich selbst macht, indem er seine psychische Veranlagung bewusst wahrnimmt und mithilfe seiner ethischen Grundhaltung veredelt und kultiviert.

Die Natur erfüllt ihre Bestimmung also automatisch. Beim Menschen kommt das, was wir im Allgemeinen als menschlich und gut ansehen, zustande durch etwas, das sich gerade dadurch auszeichnet, dass es nicht "natürlich" und von selbst abläuft. Der Mensch muss es sich immer aufs Neue erarbeiten. Das ist das Dilemma des Menschen. Eine Bürde einerseits. Andererseits konstituiert sich daraus das altbekannte Privileg der Freiheit; der Freiheit zu entscheiden, in welche Richtung wir uns entwickeln wollen beziehungsweise ob wir uns überhaupt entwickeln wollen.

Von der Unumgänglichkeit einer allgemeinen Ethik
Nun ist diese Erkenntnis vielleicht banal. Aber ist sie auch wirklich Teil unserer Kultur? Wir sind zurecht stolz darauf, alte religiöse Dogmen und Zwänge und den Aberglauben überwunden zu haben. Wir haben mit der Wissenschaft und Rationalisierung die Welt entzaubert, wie es Max Weber ausdrückte. Aber was hat dieses alte Wertesystem ersetzt?

Zwar haben wir heute eine rechtsstaatliche, wertorientierte Verfassung. Aber was ist, wenn die Individuen einer Gesellschaft darüber hinaus keine eigene moralische Persönlichkeitsentwicklung verfolgen? Wenn die Einrichtungen dieser Gesellschaft auf der einen Seite nur den technisch-rationalen Verstand ansprechen und auf der anderen Seite die Begierden, die im Konsum ihre Befriedigung erhoffen? Es ist kaum wahrscheinlich, dass eine solche Gesellschaft auf Dauer kulturelle Höhen erreicht beziehungsweise aufrecht erhalten kann. Die hohen Ideale verkommen dann zu einer leeren Hülle und verlieren ihre Kraft, wodurch letztendlich auch die Verfassung zerbröckelt.

Der zeitgenössische kanadische Philosoph Charles Taylor kritisiert in seinem Werk immer wieder, dass die Moderne Moralvorstellungen ins Private verbannt hat. Diese seien für eine Gesellschaft geradezu konstitutiv. Die heutige Ausklammerung von transzendenten Fragen führe zu einer Verflachung der Welt, zu einer Konzentration auf das Selbst und zu einem Desinteresse an der Gesellschaft. Jeder habe seine eigenen Werte, die nicht diskutabel seien, heißt es heute. Taylor und andere Philosophen wenden sich dagegen: Allein durch unsere allgemeine Begründungspraxis, durch unsere Art, die Dinge zu deuten, können wir das Gute und Moralische im Wesentlichen durchaus allgemeingültig definieren, können Ideale formulieren.

Das ist auch entscheidend für die Demokratie. Wie kann man von einem ethischen Fundament der Demokratie sprechen, wenn diese Demokratie keine ethischen Wahrheitsansprüche zulässt? So fragt der Philosoph Julian Nida-Rümelin in seinem Buch „Demokratie und Wahrheit". Seine Antwort: Demokratie ohne Wahrheitsansprüche, ohne gemeinsamen ethischen Konsens ist inhaltsleer, verkommt zu einem reinen Spiel der Interessen. Vielmehr muss sich die Demokratie immer aufs Neue in der Spannung zwischen normativer Universalität und den jeweiligen Partikularinteressen behaupten.

Ohne ethische Ideale geht es also nicht, auch nicht im säkularen Zeitalter. Die Demokratie braucht sie ebenso wie der Mensch als Einzelner.

Die heutige Herausforderung: Die freiwillige Unfreiheit
Die moralische Entwicklung des Menschen wurde in der Philosophie denn auch immer wieder als Voraussetzung für die Freiheit formuliert. Zum einen für die Freiheit des einzelnen, in dem Sinne, dass der Mensch Wagenlenker über seine Begierden ist, wie Platon es nannte. Zum anderen für die politische Freiheit. Was steht dieser Freiheit heute entgegen?

Zwei negative Zukunftsszenarien erlangten großen Bekanntheitsgrad. Georges Orwells „1984" und Aldous Huxleys „Schöne neue Welt". Vor allem Orwells Prophezeiung, dass wir von einer Macht von außen in totalitärer Weise unterdrückt werden würden, wurde berühmt. Doch entgegen der landläufigen Meinung haben Orwell und Huxley nicht dasselbe prophezeit. In Huxleys Vision ist ein Big Brother oder ein Ministerium der Wahrheit gar nicht mehr notwendig, um die Menschen ihrer Autonomie und Reife zu berauben. Er glaubte nämlich, dass es Technologien und Drogen geben würde, durch welche die Menschen ihre eigene Unterdrückung und Unfreiheit am Ende genießen würden. Orwell fürchtete jene, die Bücher verbieten würden. Huxley hatte Angst, dass es keinen Grund mehr geben würde, Bücher zu verbieten, weil kein Mensch überhaupt eines lesen wollte. Orwell hatte Angst, man würde uns die Wahrheit vorenthalten. Huxley fürchtete, dass die Wahrheit in einem Meer von Belanglosigkeiten untergehen würde. In Orwells Buch werden die Menschen durch zugefügten Schmerz in Schach gehalten. In „Schöne neue Welt" erfüllt das schiere Vergnügen den selben Zweck.

Das schiere Vergnügen – in einer Zeit, in der das Entertainment-Angebot so groß und erschwinglich ist wie noch nie und in der uns Internet, Social Media und Smart Phones fortwährend mit Unwesentlichem ablenken und zerstreuen, müssen wir uns die Frage stellen, ob wir die heutigen Aufgaben nicht verschlafen: Die Aufgaben, die unsere persönliche Entwicklung betreffen und die Aufgaben, welche die Welt mit all ihren Problemen betreffen – wobei Letzteres mit Ersterem zusammenhängt.

Wege zu einer gelebten Ethik
Der Anfang einer Veränderung liegt darin, dass die Gesellschaft ein Bewusstsein davon erlangt, dass sich das Gute nicht von alleine durch eine funktionierende materielle Versorgung einstellt. Dass es auch nicht ausreicht, humanistische Werte nur als abstrakte Regeln anzuerkennen oder als eine Art Wokismus, nach dem es nur auf die richtige Meinung, Bekenntnis und Sprache ankommt. Dass moralische Ideale im Sinne einer Persönlichkeitsentwicklung vielmehr zu einem lebendigen Teil der Bildung und Kultur werden müssen. Weil sie nicht weniger sind als die Voraussetzung für die Entwicklung des Menschlichen im eigentlichen Sinne. Und das einzige nachhaltige Mittel gegen Krieg.

Dabei geschieht die Veredelung des Menschen nicht unbedingt durch abstrakte Ethik und schon gar nicht wird sie durch Zwang erreicht. Sie geschieht auch und gerade bei jungen Menschen durch alles Schöne, durch alles, was edle Gefühle, Ehrfurcht und Bewunderung in uns erweckt, durch die Kunst. Novalis nannte etwa die Poesie die „große Kunst der Konstruktion der transzendentalen Gesundheit". Und Schiller sprach davon, dass wir durch die Schönheit zur Freiheit gelangen können: Durch eine „ästhetische Erziehung" werde der Mensch so weit veredelt, dass moralisches Handeln zu seinem persönlichen Bedürfnis werde. Und nur dadurch könne es auch eine Verbesserung der politischen Verhältnisse geben.

Gegenwärtig können wir uns kaum eine Jugendkultur vorstellen, in der es als angesagt gilt, seine Persönlichkeit im ethischen Sinne zu vervollkommnen. So wie zum Beispiel 1528, als in Italien das Buch „Il Cortegiano" („Der Höfling") erschien, in welchem das Bild eines idealen Edelmanns beschrieben wurde. In ganz Europa wurde es damals zu einem Verkaufsschlager. Der ideale Edelmann hatte demnach Anmut und gleichzeitig eine humorvolle Gesinnung, er war geistreich, stets aufrichtig, ausgewogen in seinem Temperament, mutig und in den schönen Künsten gebildet. Generationen lang galt diese Charakterisierung als Vorbild und als Idealbild nicht nur für den Höfling, sondern für den Menschen als solchen.

Heute werden die Werte junger Menschen vor allem durch Social Media und die Werbeindustrie geprägt. Doch angesichts der Tatsache, dass das Streben nach Idealen und persönlicher Reife einem tiefen menschlichen Bedürfnis entspricht, könnten auch heute idealistische Werte wieder kulturprägend werden – einhergehend mit Sinnfragen. „Was ist der Sinn des Lebens?" „Was macht ein gutes Leben aus?" „Wie wird man glücklich?" „Was macht uns frei, was unfrei?" „Was macht das Menschliche aus?" – all diese Fragen könnten Bestandteil öffentlicher Diskurse und der Bildung sein. Die Medien könnten ihre Allgegenwärtigkeit und ihre Macht über die Meinungen der Menschen nutzen, um ein anderes Menschenbild zu vermitteln. Sie könnten Vorbilder zeigen und einen Blick auf die Welt, nach dem es primär nicht der Konsum und Äußerlichkeiten sind, die den Menschen glücklich machen, sondern intrinsische Werte.

Alrun Vogt. © privatEine solchermaßen gelebte Kunst, Bildung und Kultur würden uns dazu anregen, dass wir uns mehr auf das Wesentliche besinnen und unsere Wertorientierung hinterfragen. Sie könnte ferner dazu führen, dass wir erkennen, wie eine wirklich menschliche Wirtschaft und Wissenschaft aussehen muss. Sodass wir alles in allem zu all der Klugheit, die wir heute haben, zwei entscheidenden Werte hinzufügen, nämlich Weisheit und Liebe.

Hermann Hesse fand schöne Worte für eine solche gesellschaftliche Wandlung von innen:

„Je weniger ich im ganzen an unsere Zeit glauben kann, je mehr ich das Menschentum verkommen und verdorren zu sehen meine, desto weniger stelle ich diesem Verfall die Revolution entgegen und desto mehr glaube ich an die Magie der Liebe. In einer Sache schweigen, über die alles klatscht, über Menschen und Einrichtungen ohne Feindschaft lächeln, das Minus an Liebe in der Welt durch ein Plus an Liebe im Kleinen und Privaten bekämpfen: durch vermehrte Treue in der Arbeit, durch größere Geduld, durch Verzicht auf manche billige Rache des Spotts und der Kritik: Das sind allerlei Wege, die man gehen kann."
 
Alrun Vogt, Autorin des Buches „Wirtschaft anders denken" (oekom 2016), ist Mitglied der forum-Redaktion.

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