Christoph Quarch

Bleibt der Erde treu!

Christoph Quarch sieht im Weltraumboom den verzweifelten Versuch, den Willen zur Macht von der zerstörten Erde auf den Mond zu retten.

Für die russische Raumfahrt ist es herber Rückschlag: Beim Landeanflug auf die Südseite des Mondes ist die Sonde Luna-25 zerschellt. Bitter ist diese Panne, weil damit die von Russland geplante Errichtung einer bemannten Mondstation in weite Ferne gerückt sein dürfte. Und es könnte noch dicker kommen, wenn es Indien gelingen sollte, in den kommenden Tagen seinen Raumflugkörper Chandrayaan-3 auf dem Mond zu landen. Das Land wäre dann nach den USA, Russland und China die vierte Nation, der eine kontrollierte Mondlandung gelingt. 60 Jahre nach der ersten bemannten Mondlandung hat offenbar ein neuer Wettlauf ins All begonnen. Was steckt eigentlich dahinter? Darüber reden wir mit unserem Philosophen Christoph Quarch.
 © Yuri_B, pixabay.com
Herr Quarch, was ist der Treiber der Mondmissionen: geht es ums Prestige, um militärische Dominanz, um Propaganda – oder steckt noch mehr dahinter?
Ich denke, dass die von Ihnen genannten Faktoren die zentrale Rolle bei den Mondmissionen spielen. Man muss sich ja nur anschauen, welche Nationen sich an diesem Wettlauf beteiligen: allesamt Supermächte – aktuelle, verblichene, werdende – die auf diese Weise ihre Machtposition erhalten oder ausbauen wollen. Nur deshalb sind sie bereit, Milliardenbudgets für ihre Mondmissionen bereitzustellen. Es geht ausschließlich um Macht bzw. Vormacht – militärische Vormacht, wirtschaftliche Vormacht, mediale Vormacht. Denn so viel ist klar: Wer den Weltraum bzw. den Mond kontrolliert, kann den globalen Datenverkehr kontrollieren. Und wer das tut, dem winkt im Informationszeitalter die Weltherrschaft.

Auch die Europäische Union verfolgt ein Weltraumprogramm, mit dem nach eigenen Angaben neben militärische auch zivile und vor allem wissenschaftliche Zwecke verfolgt werden. Spielen nicht auch Forscherdrang und wissenschaftliche Neugierde eine Rolle?
Da bin ich skeptisch. Nach meinem Dafürhalten musste die Wissenschaft schon in der 1950er und 1960er Jahren als Feigenblatt herhalten, um die handfesten geopolitischen Interessen beim damaligen Wettlauf ins All zu verschleiern. Und selbst wenn damals – oder beim heutigen Europäischen Raumfahrtprogramm – wissenschaftliche Aspekte eine Rolle spielen sollten, dann steht auch das letztlich wieder hinter dem übergeordneten Ziel der Missionen: dem Ausbau der eigenen Macht. Mit Friedrich Nietzsche könnte man sagen, dass der für den neuzeitlichen Menschen so charakteristische Willen zur Macht kein eindrucksvolleres Symbol gefunden hat als die phallische Rakete, mit der machthungrige Nationen in die unendlichen Weiten des Weltraums eindringen wollen.

Aber was ist falsch daran. Immerhin hat die Raumfahrt eine ganze Reihe technischer Innovationen hervorgebracht, die uns das Leben heute angenehmer machen?
Nicht die Raumfahrt selbst ist falsch, sondern der Mindset, der sie antreibt – eben dieser ungebremste Willen zur Macht. Ich gestehe freimütig, dass ich als Kind total fasziniert von der Raumfahrt war – und dass noch heute ein Modell der Saturn V meine Fensterbank ziert. Diese Faszination will ich niemandem absprechen oder moralisch verurteilen. Nein, das Problem ist der Ungeist, der sich dieser Faszination bedient: Es ist ein Wille, der sich gegen das Leben wendet. Deshalb kehrt er sich ab von der Mutter allen Lebens, von der Erde. Es ist ein Ungeist, der seine Lust daran hat, sich die reine, unberührte, unverfügbare, jungfräuliche Dimension der Wirklichkeit gefügig zu machen. Mythologisch gesprochen geht es um die Vergewaltigung der jungfräulichen Mondgöttin.
 
Spiegelt sich darin aber nicht eine Dynamik, die hier auf Erden auch anderen Ortes stattfindet: etwa bei der Abholzung von Regenwäldern oder bei der Urbarmachung von Wüsten.
Exakt. Dort ist der gleiche Ungeist mächtig, den der Mythos der alten Griechen als das Titanische oder das Prometheische kennt. Der Titan Prometheus war es, der den Göttern das Feuer stahl, um es den Menschen zu geben. An seine Fackel erinnern mich die Raketen, die wir heute ins All schießen. Sie sind eine Kampfansage an das, was man einstmals als göttlich verehrte: die Natur, das Leben in allen seinen vielfältigen Facetten und seiner Unverfügbarkeit. Sie sind Symbole einer prometheischen Menschheit, die permanent Feuer legt und nur langsam erkennt, dass sie mit der Schändung der Erde sich selbst vernichtet. Ja, sie sind das Sinnbild des verzweifelten Versuchs, den Willen zur Macht von der zerstörten Erde auf den Mond zu retten. Dem möchte ich mit Nietzsche entgegenhalten: Bleibt der Erde treu!

Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum Nachhaltig Wirtschaften. © Christoph Quarch
Der Bestseller-Autor Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."
 
In seinem neuen Buch "Begeistern! Wie Unternehmen über sich hinauswachsen" geht's um Fragen wie diese:
Wie kommt der Geist in unsere Unternehmen? – Durch Begeisterung! Und wie entsteht Begeisterung? Anders als die meisten glauben.

Lesen Sie mehr von ihm unter www.christophquarch.de

Als forum-Redakteur zeichnete Christoph Quarch verantwortlich für den Sonderteil „WIR - Menschen im Wandel". 

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