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Spargelernte in Deutschland: Ausbeutung vor unserer Haustür

Studie zeigt unhaltbare Arbeitsbedingungen im Spargel- und Erdbeeranbau

Saisonarbeiter*innen, die Spargel, Erdbeeren und Gemüse für deutsche Supermärkte ernten, erleben Ausbeutung und schlechte Arbeitsbedingungen: Lohndumping, Wuchermieten und unzureichender Krankenversicherungsschutz sind weit verbreitet. Mitverantwortlich ist der enorme Preisdruck deutscher Supermarktketten auf Bäuer*innen. Das zeigt die neue Oxfam-Studie „‘Das hier ist nicht Europa.‘ Ausbeutung im Spargel-, Erdbeer- und Gemüseanbau in Deutschland". Oxfam und die Initiative Faire Landarbeit fordern, dass die Rechte der Saisonbeschäftigten besser geschützt werden und die Supermärkte den enormen Preisdruck auf Zulieferer beenden.

© Jai79, pixabay.comAnders als für frühere Studien hat Oxfam nicht in Anbaugebieten von Südfrüchten recherchiert, sondern direkt vor unserer Haustür. Das Ergebnis: Auf deutschen Spargel- und Erdbeerhöfen herrschen unhaltbare Bedingungen. Grundlage der Studie ist sind eigene Recherchen und ein Bericht des PECO-Instituts, für den Arbeiter*innen bei vier Betrieben interviewt wurden. Mittels Testkäufen wurden diese als Lieferanten deutscher Supermärkte identifiziert.

Akkordlöhne und Wuchermieten für Baracken 
Die Ergebnisse der Recherche sind erschreckend: Löhne werden systematisch gedrückt, viele Arbeiter*innen sind mit einer kaum durchschaubaren Kombination aus Stunden- und Akkordlöhnen konfrontiert und berichten von schwer oder gar nicht erreichbaren Zielvorgaben. „Das sind keine Einzelfälle. Beschäftigte klagen regelmäßig über falsche Angaben bei der Arbeitszeiterfassung, wodurch sie mehr arbeiten müssen, als sie bezahlt bekommen”, sagt Benjamin Luig von der Initiative Faire Landarbeit. „Zehn Stunden schwere und monotone körperliche Arbeit sind Alltag in der deutschen Landwirtschaft. Aber Lohndumping und massiver Leistungsdruck dürfen kein Geschäftsmodell sein.” Mitgliedsorganisationen der Initiative Faire Landarbeit beraten deutschlandweit Saisonarbeiter*innen zu ihren Arbeitsrechten.

Ein weiteres Problem sind hohe Lohnabzüge. Arbeiter*innen zahlen für einfachste Gemeinschaftsunterkünfte mehr als die Durchschnittsmieten deutscher Großstädte. „Für eine Baracke ohne Küche verlangt einer der Betriebe 40 Euro pro Quadratmeter. Die durchschnittliche Kaltmiete in der Münchner Innenstadt liegt bei 23 Euro. Hier werden alle Spielräume, Menschen um ihren gerechten Lohn zu bringen, ausgenutzt", sagt Steffen Vogel, Oxfam-Referent für globale Lieferketten und Menschenrechte im Agrarsektor. Besonders ein Betrieb in Brandenburg erweist sich als skandalös: Die Unterkünfte gleichen Baracken, in den Zimmern wächst Schimmel. Eine Küche gibt es nicht, gekocht wird auf mobilen Herdplatten. „Das hier ist nicht Europa.", resümiert ein befragter Arbeiter. Supermarktgigant Edeka, pries derweil „Unterkünfte mit Hotelcharakter" an.

Kündigung bei Krankheit
Die Studie belegt auch die unzureichende Versicherung der Arbeiter*innen. Die meisten haben keinen umfassenden Krankenversicherungsschutz oder geben an, gar nicht versichert zu sein. Ein Großteil wird über das Modell der kurzfristigen Beschäftigung angestellt. Für diese Arbeiter*innen schließen Betriebe meist private Gruppen-Krankenversicherungen ab, die ein weit geringeres Leistungsspektrum als gesetzliche Versicherungen bieten. Manche berichteten, dass sie ihre Behandlungskosten selbst bezahlen mussten. Wegen extrem kurzer Kündigungsfristen von bis zu einem Tag kommt es vor, dass Arbeiter*innen noch krank oder verletzt die Heimreise antreten.

Marktmacht: Ja, Verantwortung: Nein. Supermärkte drücken Preise ins Bodenlose
Die Verantwortung für diese unhaltbaren Arbeitsbedingungen liegt nicht nur bei den Betrieben, sondern auch bei den deutschen Supermärkten, die für Spargel, Erdbeeren und Gemüse ruinös niedrige Preise zahlen. In Deutschland teilen die Big Four – Edeka, Rewe, Aldi und die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland mehr als 85% des deutschen Lebensmitteleinzelhandels unter sich auf. „Die Supermärkte üben einen brutalen Preisdruck aus", sagt Tim Zahn, Referent für globale Lieferketten, Menschenrechte und Migration bei Oxfam. „Den Preisdruck geben die Betriebe nach unten weiter: an die Arbeiter*innen auf den Feldern. Und er hat weitere Folgen: Viele kleinere landwirtschaftliche Betriebe geben auf. Die Supermärkte stehlen sich hier seit Jahren aus der Verantwortung, sie müssen endlich dazu gebracht werden, angemessene Preise zu zahlen." Oxfam Deutschland und die Initiative Faire Landarbeit fordern deshalb, dass der Einkauf unter Produktionskosten verboten wird. Die Bundesregierung muss zudem dafür sorgen, dass Saisonarbeiter*innen grundsätzlich sozialversicherungspflichtig beschäftigt werden, unter anderem, damit sie vollen gesetzlichen Krankenversicherungsschutz vom ersten Tag an erhalten. 

Ab Veröffentlichung ist die Studie hier zu finden.

Kontakt: Oxfam, Annika Zieske | azieske@oxfam.de | www.oxfam.de



     
        
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