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Katharina Urbaniak

Gerechtigkeit durch Digitalisierung

Interview mit Prof. Dr. Ralf Ziegenbein, Institut für Technische Betriebswirtschaft, Münster

Die Digitalisierung beeinflusst mehr und mehr unser soziales Miteinander und unsere Lebenswirklichkeit. Doch bei all den Gefahren, die von neuen Technologien und Medien ausgehen, bringt der Wandel vor allem große Chancen mit sich, so Prof. Dr. Ralf Ziegenbein im Interview mit Katharina Urbaniak.

Herr Ziegenbein, wie kann Digitalisierung für mehr Gerechtigkeit in der Bildung sorgen?
Prof. Dr. Ralf Ziegenbein ist Hochschullehrer am Institut für Technische Betriebswirtschaft (ITB) des Münster Centrum für Interdisziplinarität (MCI) und lehrt im Bereich Produktions- und Prozessmanagement. Darüber hinaus ist er Vorstandsmitglied des Instituts für Prozessmanagement und Digitale Transformation (IPD). © Katharina UrbaniakDurch das Internet haben praktisch alle Zugang zu umfassendem und vielschichtigem Wissen, und das an jedem Ort der Welt. Was das für uns als Individuen und Gesellschaft bedeutet, erschließt sich, wenn man in unsere Geschichte zurückblickt. Das Lesen und Verstehen der Bibel war gebildeten Mönchen vorbehalten, die so ein Wissensmonopol für sich beanspruchen konnten. Erst Mitte des 15. Jahrhunderts hat sich das geändert: Johannes Gutenberg druckte mit der Bibel in lateinischer Sprache das erste Buch der westlichen Welt und ermöglichte es so einer größeren Gruppe von Personen, sich eine eigene Meinung zu bilden und mündig zu werden. Heute sind wir noch einen Schritt weiter und beobachten, wie die Digitalisierung das Buch als analoges Medium zu einem großen Teil obsolet gemacht hat. Um sich Wissen anzueignen, muss man nicht mal mehr physisch eine Bibliothek aufsuchen, man klickt sich einfach digital zum Ziel.

In einer Zeit, in der wirklich jede und jeder zum Wissen im Netz beitragen kann, gibt es doch auch viele Falschinformationen?
Das stimmt natürlich. Eine kritische Auseinandersetzung mit den verfügbaren Inhalten ist zwingend erforderlich. Da sind zunächst wir als Gesellschaft stark gefordert. Aber die Politik muss hier zukünftig mehr Verantwortung übernehmen. Denkbar wäre etwa die schon lange geforderte Einführung eines Schulfachs „Medienkompetenz", um Schülerinnen und Schüler frühzeitig für dieses Thema zu sensibilisieren. Aber es gibt inzwischen auch sehr viele seriöse Angebote aus dem Bildungsbereich im Netz. Viele Professorinnen und Professoren stellen beispielsweise ihre Vorlesungen als sogenannte Massive Open Online Courses, kurz MOOC, ins Netz – kostenlos. Es gibt sogar die Möglichkeit, durch onlinebasierte Module einen Hochschulabschluss zu erlangen für vergleichsweise wenig Geld. Dies ist vor allem in den USA interessant, in denen hohe Studiengebühren an den Universitäten anfallen. Und der Zugang ist für Menschen auf der ganzen Welt ohne einen Umzug und ohne Einreisebeschränkungen möglich.
 
Mehr Gerechtigkeit durch Digitalisierung – welche weiteren Bereiche können davon profitieren?
Da gibt es zahlreiche Beispiele, und das Potenzial, das die Digitalisierung in sich birgt, ist enorm groß! Denken Sie etwa an Apps, die genau das wiedergeben, was das Auge in dem Moment sieht – für alle Sehbehinderten ein weiterer Schritt Richtung sozialer Teilhabe! Ein weiteres Beispiel ist M-Pesa, ein in Afrika inzwischen weit verbreitetes System für bargeldloses Zahlen, das ohne die Einrichtung eines Bankkontos funktioniert. Eine große Erleichterung für all diejenigen, die wegen einer fehlenden Infrastruktur oder aus anderen Gründen keinen Zugang zu einer Bank haben. Auch im medizinischen Bereich können digitale Technologien unterstützen und beispielsweise mithilfe von Datenbanken Vordiagnosen stellen, die eine Weiterleitung zur Fachärztin oder zum Facharzt empfehlen und Betroffenen die Sorgen nehmen können.
 
Die Digitalisierung transformiert auch unsere Arbeitswelt. Vor allem sachbearbeitende Berufe werden davon betroffen sein – eine Hürde für den Gerechtigkeitsgedanken?
Um 1900 haben die Deutschen durchschnittlich noch60 Stunden pro Woche gearbeitet, heute sind es 40 – Maschinen haben das möglich gemacht. Eine tolle Errungenschaft, die ursprünglich mit großen Ängsten verbunden war. Die Digitalisierung hat hier eine ähnliche Wirkung. Wurde durch die Industrialisierung die manuelle Routine automatisiert, ist es bei der Digitalisierung die kognitive Routine. Vor dem Hintergrund des zunehmenden Fachkräftemangels sehe ich eigentlich nur Chancen durch die Digitalisierung. Jeder Mensch wird mit einer unglaublich großen Neugier geboren, die uns durch enge gesellschaftliche Strukturen abtrainiert wird. Kognitive Routine wirkt dabei übrigens katalytisch. Wenn es uns gelingen würde, Menschen aus ihrer beruflichen kognitiven Routine herauszuholen, ihre Kreativität zu fördern und mehr Freiräume zum Denken zu schaffen, können wir ihr volles Potenzial ausschöpfen und der Forderung des Arbeitsmarkts der Zukunft nachkommen.
 
Abdruck mit freundlicher Genehmigung der FH Münster.
 

Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 03/2022 mit dem Schwerpunkt: Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft - Ist die Party vorbei? erschienen.



     
        
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