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Zinserhöhungen sind der falsche Weg

Der aktuelle Kommentar von Andreas Berner

Die FED hat die Leitzinsen erhöht, um die Inflation zu bekämpfen. Europa möchte bald nachziehen. Berücksichtigt werden bei dieser Maßnahme weder die Ursachen der Inflation noch die sonstigen Rahmenbedingungen.
 
"Was kann man gegen steigende Preise unternehmen? Die Lösung der Volkswirtschaftslehre lautet Zinserhöhungen. Vereinfacht gesagt: Höhere Zinsen sorgen für geringeren Konsum und ein langsameres Wirtschaftswachstum und somit auch für eine fallende Inflation", melden die WDR-Nachrichten.
 
Zinserhöhungen verfehlen ihr Ziel
Auch die Europäische Zentralbank will nun durch Zinserhöhungen die Inflation bekämpfen. © MichaelM, pixabay.comDie klassische Ursache für mit Zinserhöhungen zu bekämpfende Inflation ist eine zu hohe Nachfrage bei einem zu geringen Angebot. Zinserhöhungen sollen somit die Nachfrage nach Gütern, Dienstleistungen und auch Arbeitskräften wieder dämpfen. Dies ist ihr zentraler, intendierter Wirkmechanismus. Doch eine Zinserhöhung hat auch Auswirkungen auf die Angebotsseite, die diesen Mechanismus zum Teil konterkarieren. Denn steigende Zinsen stellen auch höhere Kosten dar und erzeugen Druck auf die Unternehmen, ihre Preise noch mehr anzuheben. Bevor also Zinsen erhöht werden, ist sicherzustellen, dass eine zu hohe Nachfrage, also ein „Überschießen der Konjunktur" oder auch ein „Heißlaufen der Wirtschaft" wirklich das Problem darstellt, das der Inflation zugrunde liegt.
 
Die eigentlichen Ursachen der Preissteigerung
Tatsächlich liegen zurzeit aber die wesentlichen Gründe für die hohe Inflation auf der Angebotsseite, und zwar sowohl im Konsumgüter- und Energiesektor als auch im Immobiliensektor. Die Inflation bei einer Reihe von Konsumgütern, insbesondere im Technik-Bereich, ist auf Corona und die dadurch an verschiedenen Stellen unterbrochenen Lieferketten zurückzuführen. Diese führen zum holprigen und teureren Angebot – nicht eine überschießende Nachfrage.
 
Bei den steigenden Preisen im Rohstoff- und Energiebereich wird auch im WDR-Artikel der Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg hergestellt. Hier ist die echte Knappheit von der Sorge um unzuverlässige Lieferungen zu unterscheiden, auch wenn beides zu steigenden Preisen führt. Alle Engpässe, die im Zusammenhang mit deutschen oder europäischen Sanktionen zu sehen sind, haben unsere Politiker zu verantworten. Abgesehen davon dürften Sanktionen eigentlich nur von den Vereinten Nationen verhängt werden, sonst stellen sie eine Art der hybriden Kriegsführung dar.
 
Der Preis der Sanktionen ist zu hoch
Sanktionen schaden zwar den Menschen in Russland, werden aber weder kurz- noch mittelfristig den Krieg beenden. Und sie schaden noch mehr den Menschen und der Wirtschaft in Europa auf unverantwortliche Art und Weise. Die Schlangen vor den Essensausgaben der Tafeln werden immer länger, aber Deutschland gibt lieber Milliarden für Waffen aus, als für die Menschen zu sorgen, die durch die Inflation in die Armut getrieben werden. Die Abhängigkeit von Energieimporten zu verringern, ist sicher ein richtiges Ziel. Doch vorschnelles Handeln gefährdet unsere Wirtschaft und den sozialen Zusammenhalt. Und Importe aus den USA zu höheren Preisen und mit größeren Umweltschäden (Fracking) sind weder für uns noch für das Klima eine Lösung. Der Preis der Sanktionen ist in jeder Beziehung zu hoch.
 
Wir sollten allerdings jetzt die Weichen stellen, um mittelfristig die erneuerbaren Energien so auszubauen, dass wir keine Energieimporte mehr benötigen. Doch steigende Zinsen helfen hier nicht, im Gegenteil, sie verhindern sogar sinnvolle Investitionen in die Umstrukturierung unserer Wirtschaft.
 
Immobilienpreise und die Spekulation als Inflationsfaktoren
Und für die Steigerung der Immobilienpreise sind zum einen, neben den höheren Preisen für Baumaterialien aufgrund der Lieferkettenstörungen und der Russland-Sanktionen, vor allem die steigenden Bodenpreise verantwortlich. Zum anderen wird seit Jahrzehnten der soziale Wohnungsbau vernachlässigt, so dass bezahlbarer Wohnraum schon lange zu knapp ist. Immer mehr Menschen erhalten Mietzuschüsse vom Staat, weil sie sich das Menschenrecht Wohnen nicht aus eigener Kraft leisten können. Zinserhöhungen verteuern die Baukosten für neue Wohnungen zusätzlich, sie werden also an der Inflation im Bereich Wohnkosten nichts ändern.
 
Andreas Berner, © privat In allen Bereichen, nicht nur bei Immobilien, sondern auch bei Energie, Nahrungsmitteln und Konsumgütern, ist die Spekulation ein nicht zu vernachlässigender Preistreiber. Hier helfen kurzfristig nur staatliche Eingriffe, mit denen Grundgüter vor Spekulanten geschützt werden müssen.
 
Ein möglicher Ausweg
Zinserhöhungen bekämpfen keine der genannten Ursachen der Inflation, sie werden im Gegenteil die Krise noch verschärfen. Ein kurzfristiger Ausweg aus der durch die Inflation entstandenen Not ist ein pro Kopf ausgezahltes Bürgergeld. Dazu könnte man die Steuereinnahmen der Energie- und Lebensmittelsteuern verwenden. Es wurde ja schon vorgeschlagen, diese abzusenken oder abzuschaffen. Das wäre aber sozial ungerecht und würde bei der Energie keinen Anreiz zur Einsparung bringen. Statt das Benzin an der Zapfsäule durch Steuersenkungen günstiger zu machen, sollte die Ampelkoalition schnellstmöglich das im Koalitionsvertrag vereinbarte Klimageld umsetzen und zu einem Bürgergeld erweitern.
 
Andreas Berner setzt sich seit 18 Jahren in verschiedenen freiwirtschaftlichen Organisationen sowohl für ein tieferes Verständnis als auch für eine größere Verbreitung wirtschaftlicher Zusammenhänge in der Gesellschaft ein, mit dem Ziel, unser Zusammenleben gerechter und friedlicher zu gestalten.  Sein Kommentar ist ursprünglich bei der Initiative für Natürliche Wirtschaftsordnung (INWO) erschienen.

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