66 seconds for the future - forum zeigt Zukunftsgestalter:innen und Nachhaltigkeitspionier:innen

EU Digital Services Act zur Bekämpfung illegaler Inhalte im Internet

Christoph Quarch findet es gut, dass die geistige Brunnenvergiftung künftig hart bestraft werden soll

Desinformation, Hass, Hetze. Während der Covid-Pandemie und des Krieges in der Ukraine sind die Schattenseiten von Social Media und Internet-Diensten immer deutlicher zutage getreten. Nun steuert die Europäische Union dagegen. Am vergangenen Wochenende einigten sich Unterhändler des Europaparlaments und der EU-Mitgliedstaaten auf einheitliche Regeln zur Bekämpfung illegaler Inhalte im Internet. Der neue Digital Services Act soll Online-Plattformen dazu anhalten, Nutzerinnen und Nutzer vor illegalen Inhalten, Waren und Dienstleistungen zu schützen. Mehr Regulierung bedeutet aber immer auch einen Verlust an Freiheit. Ist das EU-Gesetzespaket trotzdem gerechtfertigt? Darüber sprechen wir mit unserem Philosophen Christoph Quarch.
 
Herr Quarch, ist der Traum vom Internet als einem virtuellen Land der unbegrenzten Möglichkeiten nunmehr ausgeträumt?
©Jon Tyson, unsplash.comEr ist es schon lange, vielleicht sogar von Anfang an. Die Euphorie der Web-Pioniere aus dem Silikon-Valley, die das World Wide Web als eine Art demokratisches Himmelreich feierten, ist längst verklungen – spätestens, seit die Hippies in den Führungspositionen von knallharten Business-Leuten verdrängt wurden. Der Konstruktionsfehler des Netzes war von vornherein die romantische Idee, einen digitalen Raum zu schaffen, in dem alles gratis verfügbar ist, mit dem aber trotzdem Geld verdient werden soll. Der Ausweg hieß: Werbefinanzierung. Aber Werbung braucht die Aufmerksamkeit der Nutzer– um sie zu gewinnen, ist den Anbietern jedes Mittel Recht. Das hat zu den Machenschaften geführt, auf die jetzt die EU reagiert.

Aber kann man die Betreiber von Plattformen zur Rechenschaft dafür ziehen, wenn auf ihren Seiten fragwürdige oder illegale Angebote eingestellt werden. Müssten nicht vielmehr die Urheber selbst zur Rechenschaft gezogen werden.
Das Problem ist ja, dass die digitale Technik genügend Möglichkeiten bereithält, die es den Urhebern erlaubt, sich unsichtbar zu machen oder ihre Identität zu vertuschen. Wenn man davor nicht kapitulieren will, bleibt einem gar nichts anderes übrig, als die Plattformen in die Pflicht zu nehmen. Und mal ganz ehrlich: Die Player, von denen wir hier reden, sind die reichsten und mächtigsten Unternehmen der Welt. Es ist nur recht und billig, diese milliardenschweren Tech-Riesen in die Verantwortung zu rufen. Zumal der Schaden, den sie anrichten, so groß geworden ist, dass der Gesetzgeber darüber nicht mehr hinwegsehen kann.

Wenn verbotene Produkte gehandelt oder illegale Inhalte eingestellt werden, ist das nachvollziehbar. Aber besteht nicht die Gefahr einer Meinungsdiktatur seitens der EU, wenn sie darüber entscheiden darf, was als Hassrede oder Terrorpropaganda eingestuft wird?
Natürlich besteht diese Gefahr –deshalb ist wichtig, dass entsprechende Entscheidungen transparent gefällt werden. Dabei scheint es mir sinnvoll, dass es zunächst die Nutzer sind, die bei den Plattformen in künftig vereinfachten Formen problematische Inhalte melden können. Die Anbieter sind dann gefordert, umgehend zu reagieren. Ich halte das für einen vernünftigen und den Anbietern zumutbaren Ansatz. Richtig ist in meinen Augen auch, dass algorithmengesteuerte Werbung eingedämmt und bei Minderjährigen grundsätzlich verboten wird. Hier ist eine Manipulationsmechanik entstanden, die atemberaubend ist.

… die von uns Nutzern aber gerne in Anspruch genommen wird. Denn es soll ja Menschen geben, die sich über personalisierte Werbung und Inhalte freuen.
Ja, weil die Werbetreibenden die Nutzer auf sehr perfide Weise da packen, wo sie am verführbarsten sind – was sie mit Hilfe von Cookies, Algorithmen und anderer Tools sehr genau wissen. Gerade weil sich diese Manipulations- und natürlich auch Indoktrinationsmethoden im Hintergrund unserer Aufmerksamkeit abspielen, steht der Gesetzgeber in der Pflicht, die Bürgerinnen und Bürger zu schützen – selbst da, wo sie sich gar nicht schutzbedürftig fühlen. Und das gilt ganz besonders für die Demokratie, für die eine Versorgung mit verlässlicher Information etwa so lebenswichtig ist, wie für eine mittelalterliche Stadt die Trinkwasserversorgung. Damals war Brunnenvergiftung eines der schwersten Delikte. Ich finde es gut, wenn heute die geistige Brunnenvergiftung ähnlich hart bestraft wird.


     
        
Cover des aktuellen Hefts

Zukunft braucht Frieden

forum 02/2026

  • Militär & Märkte
  • Grüner Wasserstoff
  • Moorschutz als Invest
  • ESG loves KI
Weiterlesen...
Kaufen...
Abonnieren...
20
MÄR
2026
Erneuerbare - rund um die Uhr (nutzen)
33. Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Bayerischer Solar-Initiativen (ABSI)
84524 Neuötting
21
APR
2026
Sustainable Economy Summit
Rückenwind für die Wirtschaft der Zukunft
10117 Berlin
08
JUN
2026
SuperReturn Energy Transition - Ticket discount for forum readers!
Powering progress. Investing in the future of energy.
10789 Berlin
Alle Veranstaltungen...
forum goes international! Download the international edition for forum free of charge.
Anzeige

Professionelle Klimabilanz, einfach selbst gemacht

Einfache Klimabilanzierung und glaubhafte Nachhaltigkeitskommunikation gemäß GHG-Protocol

Pioniere & Visionen

Innovation und Kreativität brauchen Spielräume
Christoph Quarchs Gedanken zum Frühlingserwachen
B.A.U.M. Insights
Lassen Sie sich begeistern von einem Buch, das Hoffnung macht.

Jetzt auf forum:

Innovation und Kreativität brauchen Spielräume

Countdown zur Earth Hour 2026

Richtiges Haushalten denkt das Morgen mit

Keine Transformation ohne Frauen

Circular Valley Convention 2026 erfolgreich gestartet

Gemeinsam Städte zukunftsfähig machen

Gemeinsamer Appell an den Koalitionsausschuss zum Klimaschutzprogramm

Strom speichern statt abregeln

  • TÜV SÜD Akademie
  • Engagement Global gGmbH
  • NOW Partners Foundation
  • Futouris - Tourismus. Gemeinsam. Zukunftsfähig
  • Protect the Planet. Gesellschaft für ökologischen Aufbruch gGmbH
  • SUSTAYNR GmbH
  • BAUM e.V. - Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften
  • Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG
  • WWF Deutschland
  • World Future Council. Stimme zukünftiger Generationen
  • circulee GmbH
  • DGNB - Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen
  • Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e.V. (BNW)
  • Global Nature Fund (GNF)