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Die Chemieindustrie in den Krisenjahren 2021 und 2022

Die Chemieindustrie ist den Umsätzen nach die drittgrößte deutsche Industriebranche und damit für viele Arbeitsplätze und auch dem Wohlstand Deutschlands mitverantwortlich. Sie produziert eine breite Palette an Produkten, von wichtigen Grundstoffen und industriellen Vorprodukten bis hin zu Konsumprodukten aus dem Bereich der Hygiene und Kosmetik. 

© Dimitry Anikin, unsplash.comBei der gesamten deutschen industriellen Wertschöpfungskette steht die Chemieindustrie am Anfang und versorgt breite Teile der Industrie. Dabei ist sie auch einer der energieintensivsten Industriebranchen und leidet in ihrer Wettbewerbsfähigkeit auch unter den teurer werdenden Strompreisen. Aber auch hier gibt es immer neue Bemühungen in Richtung Nachhaltigkeit, beispielsweise über den Einsatz von grünem Wasserstoff und dem Recycling von Kunststoffabfällen.
 
Krisenjahr Coronakrise
Trotz der Coronakrise erzielte die Chemieindustrie im Jahr 2021 Rekordumsätze in einem Umfang von 227 Milliarden Euro. Damit ist es das zweite Mal, seit dem Jahr 2018, dass die Zielmarke von 200 Milliarden Euro geknackt wurde und vor allem nach dem im ersten Corona Jahr nur knapp 190 Milliarden Euro erreicht wurden. Dazu stiegen die Investitionen in dieser Branche auf ein neues Hoch von 8,4 Milliarden Euro, was vor allem der Verschiebung von Projekten aus dem Jahr 2020 in das Jahr 2021 geschuldet war.

Ausverkauf von Kunststoffprodukten
Aufgrund dieser guten Auftragslage und einer Steigerung der Produktion stoßen fast 20 % der Chemiebranche an ihre Kapazitätsgrenzen. Vor allem die Bereitstellung von Kunststoffprodukten stieg mit über 20 % drastisch an. Hauptsächlich liegt das an dem weltweiten Mangel an Polymeren, die gerade von dem chinesischen und dem amerikanischen Markt aufgekauft werden und ein regelrechter Mangel an diesen Produkten herrscht. Das spüren viele verarbeitenden Unternehmen, was auch die Preise für Endprodukten steigen lässt.

Auswirkungen des Ukrainekrieges
Der aktuelle Ukrainekrieg scheint dagegen massive Auswirkungen auf die Chemieindustrie zu haben. Schon in der Coronakrise stiegen die Strompreise auf ein neues Rekordhoch, unter dem gerade energieintensive Industriebranchen stark leiden. Der war da schon ca. dreimal so hoch wie in den Vorjahren, wodurch gerade mittelständische Unternehmen stark leiden. Der russische Überfall auf die Ukraine verschärft diese noch einmal deutlich.

Wachstumsprognosen fallen geringer aus
Mehr als 54 % der chemieverarbeitenden Unternehmen rechnen damit, dass die Produktion und damit auch der Umsatz in diesem Jahr zurückgehen werden: Hauptgeschäftsführer des Chemieverbands VCI Wolfgang Große Entrup sagt dazu: "Die Hoffnung der chemisch-pharmazeutischen Industrie auf einen positiven Wirtschaftsverlauf in diesem Jahr, hat mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine ein jähes Ende gefunden. Die Erwartung der Branche von Anfang des Jahres für die Geschäfts­aussichten 2022 ist innerhalb weniger Wochen gekippt." Gerade die steigenden Öl- und Gaspreise, die wichtige Grundstoffe für diverse Chemieprodukte sind, steigen unkalkulierbar an und 70 % der Unternehmen berichten von gravierenden Problemen für ihr Geschäft.

Folgen eines Importstopps von Gas
Gerade die Folgen eines Gasembargos währen gravierende Einschnitte in die Versorgungssicherheit der ganzen Branche. Nur die chemisch-pharmazeutische Industrie benötigt im Jahr schon 2,8 Millionen Tonnen Erdgas, das entspricht 27 % des Gesamtverbrauchs in Deutschland. Letztlich ist davon aber nicht nur die Chemiebranche betroffen, sondern Unternehmen über viele Branchen hinweg. 

Die Chemieindustrie versorgt Unternehmen aus der Landwirtschaft, Ernährung, Kosmetik, dem Bauwesen, der Verpackungs- und Pharmaindustrie. Auch der Maschinenbau würde leiden, Pumpen für die Industrie würden aufgrund von fehlenden Investitionen nicht bestellt werden und Bauteile für die Elektroindustrie fehlen schlichtweg. Als Resultat folgt eine schwere Rezession in weiten Teilen der deutschen Industrie und damit einem großen Verlust an Arbeitsplätzen, anders als in anderen Krisen, kann sich die Industrie davon nicht so schnell erholen.

Herausforderungen vor und nach der Ukrainekrise
Bei einer Umfrage von CHEMonitor gaben 87 % der befragten Chemiemanager unabhängig des Ukrainekrieges an, dass der digitale Wandel eine der Herausforderungen mittel- und kurzfristig sei. Danach kommen die Auswirkungen der Pandemie und der Disruption globaler Lieferketten. So wollen 60 % der Teilnehmer Investitionen in die Digitalisierung der Unternehmen tätigen, um diese effizienter arbeiten zu lassen und resistenter gegen Krisen zu sein. Wichtige Investitionen sind hier auch die Abwehr von Cyberattacken, die in den letzten Jahren ein immer wichtigeres Thema wurde und die Unterstützung bei kurzfristigen schnellen Entscheidungsprozessen, wie es die jetzige Krise zeigt.

Fazit
Die Chemieindustrie ist eine der wichtigsten Branchen Deutschlands. Die Auswirkungen von steigenden Strompreisen, der Abhängigkeit von russischem Gas und der fehlenden Flexibilität bei neuen Märkten zeigt dringende Aufgaben für den ganzen Industriebereich. Bei einem kommenden Gasembargo muss die Versorgungssicherheit aus anderen Quellenländern dringend hergestellt werden, sonst droht nicht nur dieser Branche, sondern einer breiten Palette an Unternehmen die Rezession und damit sind auch viele Arbeitsplätze bedroht. Langfristig müssen sich deutsche Unternehmen noch moderner aufstellen und effizienter mit den vorhandenen Rohstoffen arbeiten können. Die Digitalisierung gibt dafür die richtigen Werkzeuge in die Hand.

Wirtschaft | Branchen & Verbände, 28.04.2022
     
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