Circular Economy

Die Chance, eine Erfolgsgeschichte zu werden

Die Circular Economy gilt als Konzept, um Nachhaltigkeit in Stoffströmen und Materialverwendung umzusetzen, ohne dem Klima zu schaden. In der Praxis bringen zirkuläre Systeme oft Rebound-Effekte mit sich, die zum Klimawandel beitragen. Wichtig ist, die Muster zu kennen, die zirkuläre Systeme klimapositiv machen könnten.

© geralt, pixabayFür Manager:innen, die dem Konzept der Circular Economy folgen wollen, setzt die Umsetzung systemisches Denken und systemische Methoden voraus. Gerade bei einer Umstellung auf Zirkularität erscheint das als eine große Herausforderung. Zudem dürfte es zirkuläre Systeme, die Rebound-Effekte mit negativen Umwelteffekten aufweisen, nach der Designtheorie Cradle-to-Cradle eigentlich nicht geben. Die Realität zeigt uns, dass reine Cradle-to-Cradle-Systeme selten sind. Aber von bestehenden zirkulären Systemen und ihren Mängeln können und müssen wir lernen. Denn zirkuläre Systeme bringen Rebound-Effekte mit sich, die zum Klimawandel beitragen.
 
Die richtigen Muster kennen
Für real radikale Praktiker:innen, die heute zirkuläre Systeme aufbauen wollen, ist es demnach zentral, die Muster zu kennen, die zirkuläre Systeme klimapositiv machen könnten, und sie von Mustern und Rebounds mit negativem Klimaeffekt zu unterscheiden. Welche Muster dies sind und wie eine Differenzierung vorgenommen werden kann, darum soll es hier gehen.

Über die wichtigsten Muster bei der Entstehung von Rebound-Effekten gibt eine neue Studie Aufschluss, die die weltweit größten Massenströme mit Kreislaufcharakter analysiert. Thinking Circular® hat die Entstehung der zirkulären Systeme anhand der historischen Entwicklung von Markt- und Managementstrukturen, legislativem Rahmen und dem Rohstoffmangel als solchem untersucht. Dabei blickte das Forschungsteam vor allem auf das „Momentum" – den Moment der Entstehung von Zirkularität. Die Ergebnisse überraschen zunächst nicht, dennoch legen sie mit erstaunlicher Klarheit die systemischen Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge der Rebound-Effekte offen, die vom Wachstum und industriell technischen Erzählungen einer besseren Welt getrieben sind.

Zirkuläre Stoffe (eigene Darstellung)Die erste Erkenntnis: Wir wissen von 90 Prozent der Materialien, die unsere Wegwerfgesellschaft bewegt, nämlich von 90 Milliarden Tonnen, nicht, was damit passiert.
 
Die zweite Erkenntnis: Von den uns bekannten rund 10 Milliarden Tonnen sind nur 15 Prozent die Industriestoffe der Welt, für die zirkuläre Systeme zumindest existieren (Stahl, Asphalt, Papier, Plastik, Aluminium, Glas, Gummi, Kupfer, Textilien und Kobalt). Wie sich der Rest zusammensetzt, zeigt die Abbildung rechts.

Die dritte Erkenntnis: Das RESOLVE-Prinzip (also regenerate, reuse, recycle, repair etc.) ist für die Top 10 der zirkulären Stoffe klar nachweisbar. Die Systeme weisen jedoch Lücken in der Umsetzung des Cradle-to-Cradle-Prinzips auf. Nur im Ernährungsbereich trifft auch das Prinzip von Cradle-to- Cradle zu.

„RESOLVE ist eine Abkürzung, welche für die Prinzipien der Circular Economy steht, die zu einer Entkopplung des Ressourcenver-brauchs vom Wachstum führen soll." Diese Erklärung und weitere zum Thema Kreislaufwirtschaft finden Sie im Video-Wörterbuch von Thinking Circular®

Der Gewinner zirkulärer Flüssigkeiten und Materialien ist Leitungswasser
Prominentes Beispiel: Wasser. Wasser ist lebensnotwendig und der Stoff, der am häufigsten zirkulär geführt wird. Für die meisten Menschen rinnt es wie selbstverständlich aus dem Wasserhahn. Menschheitsgeschichtlich ist dies nicht selbstverständlich, sondern ein Ergebnis zirkulären Denkens. Und es macht uns auf einfache Weise die Rebounds deutlich. Wasser kann sich unter Aspekten der Zirkularität sehen lassen, auch wenn es in Flaschen abgefüllt wird. Sogar PET- Flaschen galten lange als Vorzeigebeispiel für erfolgreiche zirkuläre Systeme. Neueste Life-Cycle Assessments zeigen jedoch, dass Glasflaschen besser abschneiden.
 
Der Webfehler im System: Plastik ist kein „sauberer" Stoff. Mikroplastik verseucht unseren Körper und unsere Umwelt. Der Rebound- Effekt wurde im PET-System nicht mitgedacht. Inzwischen wird weniger Mineralwasser in Plastikflaschen gekauft. Der Absatz von PET-Flaschen ist um 25 Prozent eingebrochen – der Absatz von Sprudelgeräten für Leitungswasser dagegen gestiegen. Leitungswasser läuft also sogar den Glasflaschen den Rang ab.

Das Ziel der Circular Economy sollte immer sein, eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten herzustellen: sowohl für Mensch als auch für Umwelt. Und dabei „saubere" Lösungen anzubieten.
 
Worum geht es in einer erfolgreichen Circular Economy?
Was können Manager:innen aus dem Beispiel Wasser mitnehmen? Die folgenden drei Punkte machen es ihnen leicht:
  1. Systeme, die eine messbare positive Umweltwirkung mit sich bringen, sind zu bevorzugen, weil zur Berechnung dieser Effekte viele Ursache-Wirkungs-Ketten betrachtet werden müssen, d.h. das Risiko des Rebounds ist geringer. Ein besonderer Fokus muss auf „Leakages" gelegt werden – Stellen, an denen Stoffe unbeabsichtigt in die Umweltmedien entweichen. Die Identifikation durch digitale Technologien wie „Tracing and Tracking" wird uns ermöglichen, die 90 Prozent der Materialien zu identifizieren und zu handhaben, die z.Z. verloren gehen und den natürlichen Systemen schaden. Zudem helfen Untersuchungsmethoden wie Life-Cycle Assessment oder die Ermittlung der zirkulären Nutzungsrate (z.B. Circular Material Use Rate oder Circularity Factor). Denn durch sie kann eine klare Bestimmung der Systemgrenzen vorgenommen werden. Das „In-Kauf-nehmen" von negativen externen Effekten gehört bei diesen Untersuchungen nicht zum Konzept.

  2. Systeme, die direkte Klimawirkung entfalten, zum Artensterben beitragen oder Raubbau am Planeten bedeuten, sind sofort zu analysieren, um die Ursachen für den Raubbau abzustellen. Hier gilt es, die Nachhaltigkeitsziele umzusetzen und die Transformation durch kreative Designprozesse zu gestalten, welche dem Cradle-to-Cradle- und RESOLVE-Prinzip entsprechen.

  3. Produkte, Prozesse oder Verhaltensweisen, die den Klimawandel begünstigen, verursachen den Zusammenbruch natürlicher Systeme und damit der Lebensgrundlage der Menschen. Deshalb ist ein unmittelbarer Fokus auf ein „Net Zero CO2"-Ziel zu legen. Damit wird Überleben und Lebensfähigkeit zum zentralen Thema der Circular Economy.
 
Ein Beispiel: Kleine Plastikkügelchen sind ein gängiges Material beim Transport von Glasscheiben. Damit diese nicht zerkratzen, werden die Kügelchen in die Zwischenräume geschichtet. Allerdings entweichen sie beim Handling in die Umwelt. Es gibt Alternativen: Olivenkerne eignen sich für diese Aufgabe. Wenn sie in die Umwelt gelangen, schaden sie nicht. Es gibt in diesem Fall also kein Leakage-Problem als negative Folge für die Umwelt.

Wer als Industriemanager:in die Welt von Morgen in ihrer Zirkularität mitgestalten möchte, ist aufgefordert umzudenken. Gibt es ein Material, das aus dem biologischen Kreislauf kommt und dem technischen Material den Rang ablaufen kann? Das Wasser-Beispiel zeigt, wie die ökonomische Wette verloren werden kann. 

Evelin Lemke ist Beraterin und Guide in Circular Economy und Systems Thinking. In Rheinland-Pfalz war sie bis 2016 Wirtschaftsministerin und stellvertretende Ministerpräsidentin. 2017 hat sie ein Kompetenzzentrum zu Fragen der Circular Economy gegründet: Thinking Circular®. Dies wird als ThinkTank auf der Seite des United Nations Sustainability Helpdesk geführt.

Quelle: B.A.U.M. e.V. - Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften

Wirtschaft | Lieferkette & Produktion, 29.11.2021
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