Nachhaltige Waldbewirtschaftung

Grundprinzipien und Herausforderungen

Viel spricht dafür, dass das nachhaltige Waldmanagement ein ökologisches sein muss. Wald muss uns sehr viel wert sein, viel mehr als dessen Holz. Die entsprechenden Ökosystemleistungen, die wir alle benötigen, müssen deshalb angemessen vergütet werden.
 © Rainer Kant
Wer „nachhaltig" sagt, denkt oft an zukünftige Generationen, die über genauso viele Ressourcen und Lebenschancen verfügen sollen wie die Menschen heute. Diese Idee der Generationengerechtigkeit geht auf die sog. Brundtland-Kommission der Vereinten Nationen von 1987 zurück. Manche mögen bei dem Begriff „nachhaltig" auch an Carl von Carlowitz denken, der ihn 1713 in seinem Werk „Sylvicultura oeconomica" einführte. Damals war die Bergbau-Ressource Holz knapp geworden. Carlowitz riet, darauf zu achten, dass sich diese Ressource etwa durch Pflanzung von Bäumen erneuern möge. In der Folge wurde in den deutschen Ländern die Forstwirtschaft entwickelt. Zu ihren zentralen Zielen gehört, dass nicht mehr Holz geerntet wird, als wieder nachwächst.
 
Aber ist das schon nachhaltig? Bei enger Fokussierung auf dieses Prinzip der Masse-Nachhaltigkeit und auf die Holz-Bedarfe erschien es zunächst folgerichtig, mit Bäumen bewachsene Flächen anzulegen, auf denen immerzu Holz genutzt werden sollte. In effizienter Konsequenz führt dies zur Einrichtung von Holz-Plantagen – ohne zu berücksichtigen, was Wälder funktionieren lässt und ausmacht oder welche sonstigen Bedarfe spätere Menschengenerationen haben könnten. Zudem liegt diesem Prinzip die Annahme zugrunde, dass, wenn Bäume geerntet werden, andere nachwachsen. Aus diesen Annahmen und Praktiken ergeben sich die folgenden drei Fragen und entsprechende Herausforderungen.
 
1. Was ist, wenn es gute Gründe dafür gibt, auf diesem Planeten Wälder zu erhalten, die eine Relevanz jenseits der Holzproduktion haben?
Tatsächlich ist die Erkenntnis gereift, dass Waldökosysteme und ihre Komponenten einen Wert haben könnten, der nicht von Menschen definiert wird – schon gar nicht über menschliche Nutzung oder den Konsum von Holz. Auch verstehen wir immer besser, dass Wälder für lebenserhaltende Prozesse auf der Erde überaus bedeutsam sind. Hierzu gehören die Interaktionen der Wälder mit der Atmosphäre, dem Klima, dem globalen Wasser- und Energiehaushalt – nicht zu vergessen ihre Bedeutung für die biologische und ökologische Evolution des globalen Ökosystems.

Zwar ist deutlich geworden, dass effizient genutzte Plantagen keinesfalls funktionstüchtige, biomassereiche, biodiverse und selbstregulierte Waldökosysteme ersetzen können, doch die vermeintlich unabwendbaren ökonomischen Anforderungen und der rasant anwachsende Holzhunger degradieren immer mehr Wälder zu Holzproduktionsstätten. Mit mehr oder weniger großen, oft stark verinselten Schutzgebieten wird versucht, naturnähere Wälder zu bewahren. Viele Warnzeichen deuten an, dass das nicht funktioniert.

2. Ist es möglich und ethisch vertretbar, dass eine unter bestimmten Umständen lebende Generation vorgibt zu wissen, welche Ansprüche zukünftige Generationen an Wälder haben, und die Wälder nach diesem vermeintlichen Wissen umgestaltet?
Angesichts einer stark beschleunigten gesellschaftlichen und technologischen Entwicklung war es seit Carlowitz völlig unmöglich vorherzusagen, wieviel Holz Menschen ein Baumalter später für welche Zwecke benötigen würden. Es war nicht klar, dass der Bergbau auf andere Materialien zurückgreifen könnte, dass fossile Energieträger mit fortschreitender Industrialisierung den Druck vom Wald nähmen oder dass in postindustrieller Zeit Holz als Energiequelle und Baustoff wiederentdeckt würde. Noch vor einer Generation war nicht abzusehen, wie wichtig den Menschen Funktionen von Ökosystemen würden, die mit Speicherung und Festlegung von Kohlenstoff zusammenhängen. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sprach kaum jemand über Erholung im Wald und niemand über kulturelle oder gar regulierende Ökosystemleistungen.

Aktuell gewinnt die Disziplin der Ökohydrologie an Bedeutung. Es wird von sog. „grünem Wasser" gesprochen, das wesentlich von Bäumen und Wäldern bewegt und bereitgestellt wird. In Zeiten des beschleunigten Klimawandels mit steigenden Temperaturen sowie Hitze- und Dürreperioden, der Austrocknung von Böden, Gewässern und ganzen Landschaften könnte die Bereitstellung von „Waldwasser" und die Kühlung von Landschaften eine Schlüsselleistung werden, die massive Holznutzung geradezu abwegig erscheinen lässt. Wie muss also Wald bewirtschaftet werden, wenn schon morgen waldbezogene Wünsche und Bedarfe existieren, die wir uns heute noch nicht einmal vorstellen können?

3. Was bedeutet die schnelle und unvorhersagbare Veränderung von Umwelt- und Wuchsbedingungen für Wälder und für deren Management?
Die menschgemachte Klimakrise lässt viele herkömmliche Probleme klein erscheinen. In vielen Regionen könnte – wenn der Ausstoß von Treibhausgasen nicht gestoppt wird – mittelfristig die Fortexistenz von Wäldern auf dem Spiel stehen. Auch wenn sich der Umweltwandel nicht geradezu apokalyptisch entfaltet und Waldwachstum unmöglich macht – was wir hoffen wollen –, wird dennoch nichts sein, wie es gerade noch war. Die Extreme nehmen zu, neuartige Klimafacetten werden uns überraschen. Deutschland bekommt nicht einfach ein mediterranes Klima, auf das es sich einstellen kann. Kurzfristig müssen wir deshalb „Zeit kaufen" und die Funktionstüchtigkeit von Ökosystemen so bewahren, wie es irgend geht. Die Böden müssen als Wasserspeicher und als für das Baumwachstum entscheidendes Teilsystem geschützt werden.

Kühlende und schützende Strukturen sind von entscheidender Bedeutung. Im Wald können das nur Bäume sein – tot oder lebendig. Nachhaltiges Waldbewahren im Klimawandel bedeutet also das Stärken von Ökosystemfunktionen. Schwer vorstellbar, dass dies mit der verstärkten Holznutzung und noch stärkeren Eingriffen ins ökosystemare Gefüge kompatibel sein kann. In der Bewirtschaftung könnte deshalb heute schon falsch sein, was gestern richtig erschien.

Schlussfolgerungen zum nachhaltigen Waldmanagement im 21. Jahrhundert
Viel spricht dafür, dass das nachhaltige Waldmanagement ein ökologisches sein muss. Was das bedeutet, darüber ist zu streiten. Leider gibt es akuten Handlungsbedarf. So sollten wir nicht erlauben, die in den nächsten Jahren absterbenden Bäume der Monokulturen – schätzungsweise bis zur Hälfte der Wälder in Deutschland – von den Flächen zu räumen, die kahlen Böden zu planieren und austrocknen zu lassen, wie es aktuell mit staatlicher Förderung täglich im ganzen Land passiert.

Wald muss uns sehr viel wert sein. Viel mehr wert als dessen Holz. Wir benötigen ein gerechtes, staatlich organisiertes System zur Honorierung von für das Gemeinwohl relevanten Ökosystemleistungen. Auch privatwirtschaftliche Initiativen sind gefragt, Waldbesitzende zu unterstützen, damit sie Wälder vor Schädigung durch immer intensivere Eingriffe schützen und mit Ökosystemleistungen Geld verdienen können. Im Zusammenhang des freiwilligen Kohlenstoffmarkts entstehen aktuell innovative Möglichkeiten (siehe z.B. Let’s Woodify). Viele Akteure haben sich auf den Holzweg gemacht und glauben, die Verbrennung von Holz – auch von anderen Kontinenten – wäre ein Schlüssel zur Nachhaltigkeit. Der renommierte Klimatologe Hans Joachim Schellnhuber glaubt, dass Holzhäuser „verbaute Wälder" seien. Das stimmt noch nicht einmal aus einer rein karbonisierten Perspektive. Wenn die Förderung des Holzbaus eine intensivere Nutzung der ohnehin schwächelnden Wälder bedeuten sollte, rennen wir in die nächste Falle der Scheinnachhaltigkeit.

Ein ehemaliger Student, der gegen die Idee einer Ökologischen Waldbewirtschaftung ist, stellte jüngst in einem öffentlichen Beitrag die „Kernfrage, (...) wie ein zukünftig steigender Holzbedarf infolge einer steigenden Weltbevölkerung gedeckt werden kann". Und: „Welche Alternativen stehen außer einer Suffizienz bereit?" Nun. Möge sich die Menschheit bei den Bäumen beschweren, dass diese nicht in den Himmel wachsen, sowie bei der Erde, dass sie so begrenzt ist.
 



Prof. Dr. Pierre Ibisch ist seit 2004 Professor für „Nature Conservation" an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde, wo er unter anderem den internationalen Masterstudiengang Global Change Management gründete. Seit 2009 ist er einer der ersten Forschungsprofessoren der Hochschule. Seine fachlichen Schwerpunkte sind Naturschutz, Biodiversität und nachhaltige Entwicklung im globalen Wandel.
 
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Quelle: B.A.U.M. e.V. - Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften

Umwelt | Naturschutz, 01.06.2021
Dieser Artikel ist in In einer Zeit, in der Angst Einzug in der Gesellschaft hält, macht forum Nachhaltig Wirtschaften 02/2021 Mut. - Sicher!? erschienen.
     
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