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Tierisch gute Landschaftspflege stabilisiert Ökosysteme

Experten schlagen beim Weidekongress der Umweltakademie Baden-Württemberg Alarm: Erhalt der biologischen Vielfalt ohne naturnahe und vernetzte Weidetierhaltung nicht möglich

Mehr als 1000 Fachleute aus ganz Europa kamen Ende Februar beim Online-Kongress "Weiden! - Wege zur Bewahrung der Biodiversität" unter dem virtuellen Dach der Umweltakademie Baden-Württemberg zusammen. Bei der in Kooperation mit der Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg und dem Verein zur Förderung naturnaher Weidelandschaften Süddeutschlands e.V. organisierten Veranstaltung diskutierten Experten welchen Beitrag eine extensive und naturnahe Weidetierhaltung zur Erhöhung der Artenvielfalt und Stabilisierung von Ökosystemen leisten kann. Die damit verbundenen Forderungen wurden für Entscheidungsträger aus Politik und Naturschutz in einem handlungsorientierten Grundlagenpapier, der "Stuttgarter Erklärung zur Weidestrategie", zusammengefasst. 
 
Der Erhalt der biologischen Vielfalt ist ohne naturnahe und vernetzte Weidetierhaltung nicht möglich. © Pixabay, pexels.comDie biologische Vielfalt befindet sich im freien Fall. Trotz vieler Bemühungen drohen zahlreiche Ökosysteme, die uns mit lebenswichtigen Ressourcen versorgen, durch Umweltverschmutzung, Klimawandel, die Übernutzung von Böden, Wäldern und Flüssen oder den Verlust von Lebensräumen durch Landnutzungsänderung und Fragmentierung, zu kollabieren. Eine Trendwende ist dringend nötig. Über 1000 Landschaftsökologen, Hirten, Landwirte, Naturschutzpraktiker und Landschaftspfleger forderten deshalb Ende Februar, auf dem bis dato größten Weidekongress Europas, eine umfassende Beweidungsstrategie.
 
"Die bisherigen Konzepte zum Erhalt der Biodiversität sind zwar gut gemeint, im Wesentlichen gehen sie aber nicht weit genug. Wir brauchen einen Paradigmenwechsel und eine Neuorientierung im Naturschutz, die sich an jahrhundertealten Traditionen orientiert", so Dr. Alois Kapfer, Vorsitzender des Vereins zur Förderung naturnaher Weidelandschaften Süddeutschlands e.V.. Eine naturnahe, standortgerechte Weidetierhaltung in Wald und Offenland sei ein zentraler Beitrag zur Sicherung der Vielfalt an Arten und Biotopen in der Kulturlandschaft.
 
Robuste Weidetiere die auf großen Flächen möglichst ganzjährig in standortangepasster Dichte durch Fraß, Tritt und Lagerplätze die Landschaft gestalten schaffen ein vielfältiges, dynamisches Lebensraummosaik und sorgen für eine hohe Biotopqualität von der Flora und Fauna nachhaltig profitieren. Der Dung der Weidetiere bietet Nahrung und Brutplatz für zahlreiche spezialisierte Insekten wie Mistkäfer, die wiederum als Nahrungsquelle für Vögel wie den Neuntöter dienen. Weiterhin wirken Weidetiere als Vektoren für die Ausbreitung von Pflanzen und Tieren: An ihren Hufen, im Fell und durch Nahrungsaufnahme mittels Magen-Darmpassage transportieren sie Diasporen über große Strecken. Unter den Artengruppen der Fauna sind Weidetiere vor allem für die Ausbreitung von Spinnen, Heuschrecken, Käfer, Schnecken und Wanzen wichtig, aber auch Reptilien nutzen die Pflanzenfresser als "Taxi".
 
"Weidetiere sind im wahrsten Sinne des Wortes ein lebendiger Biotopverbund", stellte Claus-Peter Hutter fest. Für den Leiter der Umweltakademie Baden-Württemberg helfen sie mit ihrer Vektorleistung Pflanzen- und Tierbestände auf Landschaftsebene nachhaltig zu stabilisieren. Grund: "Für viele Arten verbessern sie die Bedingungen zur Kolonisation neuer Standorte und unterstützen die Artenanreicherung artenarmer Populationen oder Gebiete, während sie zugleich den genetischen Austausch fördern und damit einer Isolation von Tier- und Pflanzenbeständen entgegenwirken." Die extensive naturnahe Beweidung sei somit ein Schlüsselfaktor beim Erhalt der biologischen Vielfalt.
 
Die ökologische Weidetierhaltung in Wald und Offenland dient der nachhaltigen In-Wert-Setzung von Landschaften und fördert wichtige Ökosystemleistungen im Boden-, Wasser- und Klimaschutzsektor, gab Prof. Dr. Alois Heißenhuber zu bedenken. Der Experte von der Technischen Universität München-Weihenstephan forderte, dass sich solche Gemeinwohlleistungen in der Förderpolitik widerspiegeln müssen: "Wir brauchen eine neue Architektur der Agrarpolitik, die landwirtschaftliche Betriebe in die Lage versetzt, mit ökologisch erzeugten Produkten und mit ihren Leistungen für das Gemeinwohl trotz starker internationaler Konkurrenz ein angemessenes Einkommen zu erzielen."
 
Effiziente und flexible Instrumente wie Prämien für Landschaftsvielfalt und für Basismaßnahmen im Agrarumwelt- und Klimaschutz - zusätzlich auch auf regionaler Ebene - seien ein Schritt in diese Richtung. Alois Heißenhuber betonte aber auch: "Eine nachhaltige Landwirtschaft braucht Marktteilnehmer die nachhaltig handeln." Beratung, praxisbezogene Forschung, ein Innovationsprogramm und Verbraucherkommunikation würden den erfolgreichen Auf- und Ausbau von Mehrwertmärkten für ökologisch nachhaltig produzierte Güter unterstützen. "Denn es braucht Konsumenten, die die Gemeinwohlleistungen der Landwirtschaft kennen, wertschätzen und preislich honorieren", so Heißenhuber weiter.
 
Ähnlich sah es Prof. Dr. Rainer Luick von der Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg. Auch die Agrarförderung der EU müsse weidefreundlicher werden. Ermessenspielräume der Bundesländer müssten zudem besser ausgeschöpft werden. "Ohne die finanzielle Förderung und den Wiederaufbau vernetzter extensiver Weidesysteme wird es nicht gelingen, die Ziele zur Erhaltung unserer biologischen Vielfalt zu erreichen", bilanzierte der Experte.
 
Darüber hinaus eröffnen extensive naturnahe Weidesysteme auch ökonomische Perspektiven. Sie schaffen attraktive Landschaftsbilder, steigern den Erlebnis- und räumlichen Kulturwert. "So können Regionen verstärkt von Tourismus und Naherholung profitieren", ergänzte Claus Peter Hutter, der in dieser Form der Landnutzung auch Vorteile für die Landwirtschaft selbst erkannte: "Unter diesen Vorzeichen erzeugte Nahrungsmittel genießen hinsichtlich Qualität, Tierwohl und Ressourcenschutz einen hohen Authentizitätsgehalt." Der langjährige Leiter der Umweltakademie Baden-Württemberg betonte, dass ein schnelles Umdenken im praktischen Naturschutz zur Schaffung weidefreundlicher politischer, naturschutzrechtlicher und wirtschaftlicher Rahmenbedingungen nötig ist.
 
"Es gilt aus tradiertem Wissen zu lernen und es in der Natur- und Kulturlandschaftspflege in einem zeitgemäßen Verständnis wieder anzuwenden", insistierte der Experte. "Darüber hinaus müssten administrative Hemmnisse in Naturschutz, Veterinärmedizin, Land-, Forst- und Wasserwirtschaft beseitigt werden, damit naturnahe Beweidungssysteme leichter umsetzbar sind." Schließlich gehe es um nichts Geringeres, als den Erhalt unserer Existenzgrundlage.
 
Die zentralen Ergebnisse des im In- und Ausland viel beachteten Weidekongresses sind in der "Stuttgarter Erklärung zur Weidestrategie" zusammengefasst worden, um Entscheidungsträgern ein handlungsorientiertes Grundlagenpapier an die Hand zu geben. Es zeigt auf, wo die Stellschrauben in Landwirtschaft, Naturschutz und Gesellschaft liegen, um mehr Weidetiere in Wald und Offenland zu bringen.
 
Kontakt: Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft | marion.rapp@um.bwl.dewww.um.baden-wuerttemberg.de


     
        
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