Eines ist unbestreitbar und schon lange
bekannt: Design kann viel Schaden anrichten, denn seine Haupttätigkeit
ist es, Natur in Kultur zu verwandeln. Oder sachlicher gesagt:
Ressourcen in Produkte und Services. Aber: Die Ressourcen sind begrenzt,
die Leistungsfähigkeit des Planeten desgleichen und die Senken
erschöpfen sich schneller als befürchtet. Das kann auf lange Frist nicht
spurlos am Design vorbeigehen. Es kann nicht auf Dauer periphere
Probleme des Augenblicks lösen, als gäbe es kein Morgen. Es muss auch in
die Zukunft blicken, indem es die längerfristigen Folgen des Gestaltens
sachlich abschätzt. Und warum? Weil wir es nicht nur heute gut haben
wollen, sondern auch zukünftig, und unsere Kinder und Enkel auch.
Die Herausforderung: Wie kann man ein solches
Nachhaltiges Design befördern? Die Antwort: die beherzte Gründung der
ecosign/Akademie für Gestaltung bereits im Jahr 1994. Das Ziel: Probleme
lösen durch Design.
Von Beginn an zeigte sich, dass Kooperationen
und gemeinsame Projekte mit Stakeholder*innen der Nachhaltigkeit ein
wichtiger Bestandteil der Arbeit sind: NGOs, Initiativen, aber auch
immer wieder öffentliche Stellen und Unternehmen zeigten ein ernsthaftes
Interesse daran, Herausforderungen der Nachhaltigkeit gestalterisch
anzugehen, sei es nun als Kommunikationsdesign oder Produktdesign.
Die Wirkungskette hinterfragen

Es ist unvermeidlich, dass jedes
Geschäftsmodell einen gewissen Input und Output generiert. Genau darin
besteht die Corporate Responsibility mit ihrer Triple Bottom Line von
ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen. Ein nachhaltig
wirtschaftendes Unternehmen fragt deshalb gezielt nach den eigenen
Impacts, evaluiert diese und wird überall dort anpassen, nachsteuern,
verändern, experimentieren und entwickeln, wo es angezeigt ist. Das ist
etwas ganz anderes und sehr viel Ernsthafteres, als sich mit beliebigen
philanthropischen Wohltaten zu schmücken, die mit dem eigentlichen
Kerngeschäft nichts zu tun haben.
Deshalb muss ein wirklich nachhaltig
wirtschaftendes Unternehmen bereits in der Produktentwicklung die
möglichen Impacts seiner Produkte und Dienstleistungen von Beginn an,
bereits in der Entwurfsphase, konsequent mitdenken. Und da hat das
Nachhaltige Wirtschaften überraschend viel mit dem Nachhaltigen Design
gemeinsam.
„Best practice" im Sinne der Nachhaltigkeit
Wir leben in einer Welt gestalteter Dinge und
Prozesse: Das gilt nicht nur für Produkte, mit denen wir pausenlos in
Kontakt sind, sondern auch für Dienstleistungen, Medien, Kommunikation.
Hier gibt es nun, grob unterschieden, zwei Typen von Design. Erstens ein
Design, das gefällig dekoriert, um die Vermarktung zu vereinfachen,
weil ihr Nutzen für gute Marktchancen nicht hinreicht. Zweitens ein
Design, das eine solide Problemlösung leistet und sich dabei stets
fragt, ob es die bestmögliche verfügbare Lösung gewählt hat.
Dabei wird stets die gesamte
Wertschöpfungskette in den Blick genommen, die nicht etwa am Werkstor
beginnt, sondern bei der Extraktion von Ressourcen irgendwo in der Welt,
über die Produktion, den Transport, Handel, Gebrauch und schließlich
bis zur Post-Use-Phase. In jede Phase sind ökologische, soziale und
wirtschaftliche Fragen verstrickt. Und genau hierin liegt die spezielle
Kompetenz des Nachhaltigen Designs: diese komplexen Verflechtungen
kompetent zu beurteilen. Kurz gefasst könnte man sagen: Nachhaltiges
Design unterscheidet sich von konventionellem Design dadurch, dass man
weiß, was man tut — und warum.
Um beste Ergebnisse zu erzielen, muss in zwei
Richtungen geblickt werden. Erstens in Richtung Input: Was stecken wir
alles in unsere Gestaltung hinein? Das sind Ressourcen, die der Natur
entzogen werden (sie sind endlich); das ist Energie, die wir verbrauchen
(sie ist nur zum kleineren Teil erneuerbar); das sind beträchtliche
Transportstrecken, die zurückgelegt werden; das sind die
Fertigungsverfahren; das sind die Arbeits-, Gesundheits- und
Wirtschaftsbedingungen in allen Produktions- und Transportabschnitten.
Und zweitens muss der Blick in Richtung Output
gehen: Wie wirkt sich unsere Gestaltung in die Biosphäre und die
Gesellschaft aus? Das sind nicht nur Abfälle, Schadstoffe und
klimawirksame Emissionen, sondern auch Deponielasten, wirtschaftliche
und gesellschaftliche Folgeschäden, verursacht zum Beispiel durch
prekäre oder gefährliche Arbeitsbedingungen, durch aggressive
Geschäftsmodelle, Abhängigkeit oder Marktmachtmissbrauch.
Nachhaltiges Design schafft Wissen und wirkliche Innovation

Es liegt im ureigensten Interesse eines
Unternehmens, ein zukunftsfähiges Geschäftsmodell zu verfolgen und nicht
nur vor sich hin zu wirtschaften. Wer also auch langfristig ein
ernsthafter und wettbewerbsfähiger Marktteilnehmer*innen bleiben will,
muss Antworten auf Fragen der Nachhaltigkeit finden. Dabei geht es nicht
um oberflächliche Imagepflege, sondern um Marktchancen in Zeiten, da
das Kriterium Nachhaltigkeit bei Kaufentscheidungen offenkundig immer
wichtiger wird. Design ist, wie auch Nachhaltigkeit, per definitionem
interdisziplinär. Designer sind die Meister der Schnittstellen, und
damit ein großer Zugewinn, wenn sie frühzeitig in Entwicklungsprozesse
einbezogen werden. Wenn man sie aber als willfährige Dekorateur*Innen am
Ende der Produktionskette verramscht, verschwendet man bedeutende
Potenziale. Denn Design ist ein mächtiger Innovationstreiber, wenn es
richtig eingesetzt wird.
Durch seine kreativen und iterativen Prozesse
sorgt das Design dafür, dass Innovationen zielgerichtet,
kundenorientiert und methodisch abgesichert entstehen, denn gerade die
Bedürfnisse der Nutzer*innen sind die entscheidenden Elemente dieser
Prozesse. Es ist unternehmerisch stets lohnend, dieses Potenzial
auszuschöpfen. Die zunehmende Bedeutung Nachhaltigen Designs in
Deutschland beleuchten zwei inzwischen sehr renommierte Awards: der
Bundespreis ecodesign und der
Deutsche Nachhaltigkeitspreis Design. Wen
wundert es, dass die Gründerin der ecosign/Akademie für Gestaltung oder
nur ecosign auch hier eine wichtige Rolle spielt.
Ein Vierteljahrhundert Nachhaltiges Design
Hilfreiche Informationen für Bewerber
Die ecosign/Akademie für Gestaltung wurde 1994
von der Designerin Prof. Karin-Simone Fuhs in Köln gegründet und wird
bis heute von ihr geleitet. Seit mehr als 25 Jahren können junge
Menschen hier Nachhaltiges Design studieren. Der achtsemestrige
Bachelor-Studiengang wird ergänzt durch einen zweisemestrigen Master,
der im September 2021 startet. Das Studium an der ecosign/Akademie für
Gestaltung oder nur ecosign zeichnet sich aus durch Interdisziplinarität
und eine konsequente Projektorientierung mit zahlreichen
Kooperationspartner*innen. Studierende können frei ihre Schwerpunkte in
Produktdesign, Kommunikationsdesign, Fotografie und Illustration finden.
Die verschiedenen Aspekte von Nachhaltigkeit und eine konsequente
Wissenschaftlichkeit prägen das gesamte Studium.
Die ecosign/Akademie für Gestaltung oder nur
ecosign möchte damit Designer*innen auf den Markt entlassen, die den
komplexen Anforderungen gerecht werden, die an diese Berufsgruppe
heutzutage gestellt werden. Der Studiengang ist sehr begehrt: Von den
circa 300 Bewerber*innen pro Semester können nur 30 aufgenommen werden.
Alle Details zu Aufnahmebedingungen, Studiengebühren, Prüfungen,
Abschlüssen und Perspektiven finden Interessierte auf der mit dem
red.dot award ausgezeichneten Internetseite der Akademie. |
Fazit
Das methodische in-den-Blick-Nehmen der
gesamten Wertschöpfungskette mitsamt aller Impacts von der
Ressourcenextraktion bis hin zur Kreislauffähigkeit ist genau das, was
Nachhaltiges Design auszeichnet. Und es bedeutet in der
unternehmerischen Realität eben nicht „Wettbewerbsfähigkeit minus
moralische Kosten", sondern heißt, einen leistungsstarken
Innovationstreiber in das eigene Geschäftsmodell zu implementieren. Die
daraus sich ergebende unternehmerische Glaubwürdigkeit ist dann fast nur
noch eine Nebenwirkung — freilich eine sehr wertvolle.
Bernd Draser ist Kulturwissenschaftler und
lehrt seit 2004 an der ecosign/Akademie für Gestaltung in Köln. Als
Hochschullehrer verantwortet er den Bereich „Nachhaltiges Design im
Kontext von Kulturgeschichte und Ästhetik" und hat zahlreiche Vorträge
und Publikationen zum Thema vorgelegt, unter anderem als Mitherausgeber
der „Geschichte des Nachhaltigen Designs".
Wichtige Hinweise
Design: In den kommenden Ausgaben von forum bringen wir Best Practice-Beispiele und lassen namhafte Designer zu
Wort kommen. Freuen Sie sich unter anderem auf einen Beitrag über und
mit dem Designer Stefan Dietz.
Aus- und Weiterbildung: Ab dieser Ausgabe stellt forum attraktive Studiengänge und Bildungsangebote vor. Wir freuen uns auf Ihre Tipps und Erfahrungen.