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Ackerflur mit mehr Natur

Ungewöhnlich? Ökologische Extras, die Bürger und Landwirte zusammenbringen

In der Print-Ausgabe vom forum Nachhaltig Wirtschaften 1/2021 haben wir in unserem Schwerpunkt weitere spannende Artikel zum Thema Boden. Am besten gleich bestellen.

Für mehr Natur in der Ackerflur fehlt Landwirten oft der entsprechende Anreiz. „Man muss ausgeräumte Landschaften aktiv verlernen", ein Satz, der die Frage aufwirft, wie ein solcher Lernprozess aussehen soll zwischen denen, die fordern (Gesellschaft), und denen, die gefordert sind (Landwirte).

Anbau auf dem Acker muss mit Wertschätzung und entsprechenden Naturausgleichsmaßnahmen erfolgen. © Carola Holweg Wenn für den Bewirtschaftenden der nötige Ausgleich weder über den Verkauf seiner Produkte noch durch anderweitige Wertschätzung seitens der Bürgerschaft zurückgespiegelt wird, ist das Spagat zwischen Erwartung und Umsetzung jedoch groß. Um sich dieser Situation einmal auf ungewohnte Weise zu nähern, entwickelt die Forstwissenschaftlerin Carola Holweg Kontaktformen zwischen Landwirten und Bürgern, die das Verständnis füreinander verbessern und gleichzeitig etwas Praktisches umsetzen. In der Crowdfunding-Aktion „Ackerflur mit mehr Natur" entstand mit einem Set von vier ökologischen Beispielen von Einzelbaum bis Wildbiene ein Versuchsrahmen, der Erfolge zeigte und verstanden wurde: In allem steckt ein Aufwand, den der Landwirt akzeptiert, wenn ihm die Bevölkerung entgegenkommt. Im Kontakt zu sein, voneinander zu wissen und miteinander auf Augenhöhe zu sprechen, ist neben einer finanziellen Honorierung Ausdruck einer Wertschätzung, die sich zwischen Bürgern und Landwirten überall auftun könnte. Finden solche Handschläge den Weg in die breitere Öffentlichkeit und politischen Planungsebenen, wäre der Lernprozess perfekt.

Trotz vieler Bemühungen, Landwirten mehr Luft für den „Einklang mit der Natur" zu verschaffen, klaffen noch große Lücken zwischen ökologischer Dringlichkeit und ökonomischer Realität.

Zum Beispiel wären gerade in ackerbaulich intensiv genutzten Gegenden Einzelbäume und baumbestandene Feldgehölze wichtige Inseln für die Tier- und Pflanzenwelt, gut auch für das Umgebungsklima und den Schutz des Bodens. Jedoch haben Landwirte, denen das Umfahren und Pflegen solcher Strukturen ja Umstände macht, weder den nötigen finanziellen Ausgleich noch erfahrbar positive Rückmeldungen aus der Bevölkerung, sodass Feldgehölze in der Ackerflur mehr und mehr verschwinden und Randsäume immer nichtiger werden. Die Förderung von Hecken wiederum wäre zwar durch das Naturschutzrecht geregelt, das heißt Pflegegelder in Aussicht, aber aus Sorge vor einer zu langfristigen Inschutznahme, die den künftigen Handlungsspielraum auf eigenem oder gepachtetem Grund einengen könnte, werden Saumaufwüchse lieber gleich entfernt. Das sind alles verlorene Chancen für die Artenvielfalt und das Klima.

Carola Holweg initiiert seit 2020 Aktionen, die solche Lücken aufgreifen und mit Appellcharakter lokal und beispielhaft, ja teils experimentell, angepackt werden. Den Anfang machte das Interview- und Crowdfunding-Projekt Ackerflur mit mehr Natur, in dem mit Landwirten eine Reihe ökologischer Extras vereinbart wurden, die solche Lücken füllen könnten. Ihr Extraaufwand würde mit einem Jahresbetrag honoriert, sobald die Projektwerbung genügend Bürger für den Sammelbeitrag gewinnen konnte.

Im Ergebnis, nach nur zweimonatiger Ecocrowd-Werbung mit Erklärtext und Imagefilm, war das Fundingziel über das Zweifache überschritten, sodass man die Jahrespachten in Übereinkunft aller Beteiligten auf drei Jahre verlängern konnte. Die Beiträge der circa 60 Teilnehmer lagen durchschnittlich bei 47 Euro und gingen im Einzelfall von zehn bis 100 Euro. Gefördert werden nun große Walnussbäume und ein kleines Mischwäldchen in der Ackerflur im Markgräflerland sowie das Einsäen einer Blühmischung zwischen Reben. Mit im Spiel ist auch eine Rote-Liste-Wildbienenart, die in ihrer Ernährung ganz auf Spargelblüten im zeitigen Frühjahr angewiesen ist. Nur durch einen besonderen Schachzug ist ihr die Pollensammlung nun auch auf einem Kulturspargelfeld möglich.

Dass es auf einem Nachfolgetreffen zwischen Bewirtschaftern und Bürgern gleich zu weiteren Handschlagsideen kam, etwa in Form von praktischer Hilfe bei der Saumpflege des geretteten Ackerwäldchens, zeigt das Entwicklungspotenzial des Projektes.

Wie kann man mit kleinen Einzelbeispielen etwas Größeres bewirken? Dies ist eine der Hauptfragen der Ackerflur-Projekte. Wichtig für Carola Holweg und die Unterstützer der Aktion sind Geschichten, die man erzählen kann. Sobald sich ein Hebel bewegt, ist die Aufmerksamkeit für den Mechanismus höher und wird das Machbare veranschaulicht. So stehen Geschichten wie die des Landwirts, der bereit ist, der seltenen Spargel-Sandbiene eine Nahrungsquelle in seinem Spargelfeld zu gewähren, dafür, dass viele ökologische Hebel nur durch eine entsprechende Wertschätzung in Gang kommen.

Die Presse ist neben der eigenen Publikation ein gutes Medium, um solche Geschichten weiterzuverbreiten. Auch landwirtschaftsnahe Zeitungen mit Beiträgen wie „Wertschätzung in Euro und Cent" und Landwirte und Bürger zusammenbringen fanden Interesse .

Der Spannungsbogen zwischen ökologischer Machbarkeit und ökonomischen Rahmenbedingungen in der Landwirtschaft hat viele Facetten. Aus online-Interviews mit Landwirten und Vertretern der Umweltbildung, die im Winter 2020/2021 zusammen mit einer studentischen Projektgruppe der Hochschule Macromedia in Freiburg durchgeführt wurde, stellte die Initiatorin Gesprächsbeiträge und ergänzende Faktenposts auf verschiedene Social-Media-Kanäle, auch zum Mitreden. Es geht um das Aufdecken von Chancen durch Eigeninitiative, das aufeinander Zugehen und die bestätigende Anregung von außen, bei der sich Landwirte auf Augenhöhe abgeholt wissen und einbringen können.

Was den Schutz von Boden und Klima in der Ackerflur angeht, gibt es nach Meinung von Carola Holweg einige blinde Stellen, für deren Unterstützung auch auf Ebene der Politik und Fachplanung geworben werden muss. Einer der Interviewpartner formulierte, je öfter wir unsere politischen Vertreter auf konkrete Lücken ansprechen, desto wichtiger werden sie genommen und auch auf höhere Ebenen transportiert.

Ackerflur-Projekte mit Handschlag sprechen Menschen auf dreierlei Weisen an:

  • Lokal: aktives Zugehen auf Landwirte, deren Bereitschaft für ökologische Maßnahmen auf Augenhöhe und gemeinschaftlich mit Bürgern honoriert werden soll;
  • Öffentlich: Zeichen setzen dafür, dass der Schutz von Boden und Natur etwas mit dem gesellschaftlichen, aber auch persönlichen Umgang mit Landwirten zu tun hat;
  • Politische Vertreter und Fachplaner auf Landesebene darin zu bestärken oder dafür zu gewinnen, für eine Unterstützung jener Landwirte einzutreten, die mit ökologischen Verbesserungen Ernst machen wollen – egal, ob sie konventionell oder biologisch wirtschaften.

Mit der ersten Teilnehmerrunde wird nun über die Gründung eines Vereins nachgedacht, der diese Ziele weiterhin verfolgen und mit Leben füllen soll.

Lennart Zech ist Wissenschaftsjournalist und setzt sich mit seinem Einzelunternehmen Einblick in Welten Kommunikation für den nachhaltigen Wandel ein.

Umwelt | Umweltschutz, 12.03.2021
     
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