66 seconds for the future - forum zeigt Zukunftsgestalter:innen und Nachhaltigkeitspionier:innen
Günther Bachmann

Die Zukunft liegt in der Stadt

Doch das Schweigen einer Charta zeigt: Die Bauminister der EU springen viel zu kurz.

Auf die Städte kommt es bei der Nachhaltigkeit an – früher ein Satz urbanen Selbstbewusstseins und einer Portion Auflehnung – heute eine verblassende Floskel. Einen großen Anteil daran hat die Neue Leipzig-Charta für Stadtentwicklung und Bauen, die die EU-Bauminister eben verabschiedet haben. Sie ist leise, wo sie laut sein müsste; butterweich, wo es um Dramatisches geht. Wo Mut und Richtung gefragt sind, bietet sie nur großvolumigen Lapidar-Jargon: kaum veröffentlicht, schon überholt, denn in vielen Städten und Gemeinden ist die Praxis weiter, als die Minister zu ahnen scheinen.
 
Eine Charta schreibt man, wenn man Großes zu verkünden hat, sonst reichen Erklärungen oder Beschlüsse. Eine Charta verkündet Erhabenes, das über dem Alltag schwebt und Bürger*innen und Fachleute auf Zukunft und Verantwortung einstimmt. So hat das die Charta von Athen 1933 für die Stadtbaukunst getan. Mit ihr protestierten Stadtplaner und Architekten gegen die krankmachende Stadtwucherung. Sie beschrieben das Ideal der modernen, funktionalen Stadt und versprachen Licht, Gemeinwohl, Gerechtigkeit, indem man sich vornahm, Arbeit und Wohnen, Einkaufen und Freizeit räumlich voneinander zu trennen. Anfangs überzeugte das, aber dann übernahm die Ökonomie und schuf gefährliche Trabantenstädte, monotone Einkaufszentren, Büro-Silos, Quartiere in sozialer Erosion und eine maximal triviale Neubau-Ästhetik. Das urbane Herz der Stadt fiel der Illusion der autogerechten Stadt zum Opfer. Fast wie eine Entschuldigung kam das postmoderne Konzept der behutsamen Stadtreparatur auf, führte jedoch in ungerechte Immobilienblasen und betonierte sich immer weiter in die Klimaschuld.
 
© Fraunhofer IBP 
Die große Wende 2007
schien die Kehrtwende zu kommen. Nachhaltigkeit sollte die Stadtentwicklung bestimmen. Europa einigte sich auf die Leipzig Charta zur nachhaltigen europäischen Stadt. Die Stadt sollte so zur Nachhaltigkeitsstrategie der EU beitragen. Die aber hat eine unwillige Bürokratie so gründlich entsorgt, dass heute Politiker*innen kaum noch wagen, eine europaweite Strategie zu Nachhaltigkeit überhaupt nur anzudenken.
 
Auch die „Neue Leipzig-Charta: Die transformative Kraft der Städte für das Gemeinwohl" vom November 2020 trägt an dieser Hypothek. Die Regierenden stellen sich darin ein überwiegend freundliches Zeugnis aus. Man sei erfolgreich gewesen, man wolle „erneut bestätigen" und „bekräftigen". Ihr Kernsatz bezeugt in seiner Trivialität die Krise der Stadtbaukunst: „Wir, die Ministerinnen und Minister, erkennen an, dass diese drei (soziale, ökologische und wirtschaftliche) Dimensionen nachhaltiger Entwicklung in der transformativen Kraft der Städte in Form einer gerechten, grünen und produktiven Dimension zum Ausdruck kommen."
 
Das ist eben Politik, mag man denken und den Blick wieder auf die Realität richten. Die Realität der geistlosen Klimaklemme, von Flächenfraß, Sondermüll und Sackgassen-Mobilität, der aufgehenden Einkommens- und Vermögensschere zwischen den EU-Bürger*Innen, des Auseinanderdriftens von Wachstums- und Schrumpfungsregionen, des traurigen industriell-fossilen Bauens. Die Städte steuern auf den größten Gebäude-Leerstand der Moderne zu, Homeoffice und Online-Wirtschaft verändern aktuell mehr als es das Auto je schaffte. Auch dazu schweigt die Charta.
 
Deutsche Kommunen halten bei den Pionieren mit
Paris, Kopenhagen, Amsterdam sind international bekannt dafür, dass sie den sozial-ökologischen Umbau ambitioniert voranbringen. Aber auch deutsche Groß-, Mittel- und Kleinstädte bieten Nachahmenswertes: Kiel, Osnabrück, Münster, Augsburg, Freiburg, Leipzig – Buxtehude, Aschaffenburg, Eschweiler – Eltville, Bad Berleburg, Saerbeck. Das sind nur einige der Vorreiter und Gewinner des Deutschen Nachhaltigkeitspreises, einer ambitioniert kuratierten Auszeichnung. Hier erlebt man, was nachhaltige Stadtentwicklung bedeutet: konkret, ohne viel Tamtam, aber mit klarer Ansage: wie man soziales Wohnen mit einem gesunden Wettbewerb zum (Gemein-)Wohl der Stadt verbindet, wie man klimaneutral wird, wie man Abfall durch Ressourcenwirtschaft ersetzt. Hier zeigt sich, wie man Innovationen nutzt, moderne Teilhabe und Demokratie einsetzt gegen Unwirtlichkeit, Gewalt und Sucht – und schließlich: wie man zukünftig das schaffen will, was man bisher noch nicht geschafft hat. Lokale Gemeinschaften erweisen sich dabei oft als „die" Kompetenz zur Nachhaltigkeit. Die Bedingung ist: Man muss ihnen Zumutungen und Ziele anvertrauen. Sie sollten ihr Tun nicht erst in Regeln und Verordnungen absichern müssen, sondern im Experiment.
 
Nachhaltiges Bauen ist eigentlich kein Geheimnis
Auch bei ihrem Kernthema Bauen ist die Charta defizitär. Obwohl Architekt*Innen und Ingenieur*Innen es können und wollen, steht eine wirkliche Bauwende noch aus. Währenddessen hackt der Specht seine Löcher statt in Bäume in die auf Rohöl basierende Wärmedämmung von Hausfassaden, die uns daran erinnern, dass allein die Zementindustrie acht Prozent der weltweiten Emission von Kohlendioxid verursacht. Aber Beton war gestern. Das Hightech-Produkt Holz ist der wichtigste Faktor für das Bauen der Zukunft, auch in ästhetischer, ökonomischer und baukultureller Hinsicht. Die Zukunft gehört neuen, resilienten Raumformen, dem Gleichklang urbaner wie ökologischer Nachverdichtung, der Stadt als Basislager für Kreislauf-Ressourcen. Diese Zukunft muss den nervigen Reflex der Moderne „Bauen-Bauen-Bauen" ablösen (siehe Buchbesprechung von „Verbietet das Bauen!"). Stilprägende Urbanität erleben bedeutete schon immer: Es geht auch schöner. Hier lohnte sich eine Charta – aber sie darf eben nicht zahnlos sein.
 
Hinweis: Mehr Informationen über die Zukunft urbaner Räume finden sie auch im B.A.U.M.-Jahrbuch 2020 - Die nachhaltige Stadt.
 
Prof. Dr. Günther Bachmann ist Berater, Publizist, Redner und leitet die Jurys beim Deutschen Nachhaltigkeitspreis. Er war bis 2020 Generalsekretär des Rats für Nachhaltige Entwicklung und hat dort u.a. den politischen Dialog mit Oberbürgermeister*Innen eingeführt und angeleitet. Gerade erschien sein neuestes Buch „Die Stunde der Politik. Ein Essay über Nachhaltigkeit, Utopien und Gestaltungsräume."

Dieser Artikel ist in forum 01/2021 - SOS – Rettet unsere Böden! erschienen.



     
        
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