Katrin Wippich

Knock on Wood

Potenziale des urbanen Holzbaus

Kein anderer Baustoff schneidet in Ökobilanzen besser ab als der Baustoff Holz. Bisher werden jedoch kaum mehrgeschossige Wohngebäude oder Büro- und Verwaltungsgebäude in Holzbauweise errichtet. Beim urbanen Holzbau ist noch viel ungenutztes Potenzial.

In den ´Fischbeker Höfen´ im Hamburger Süden werden Bestandsgebäude saniert und die Dachgeschosse durch Massivholz-Anbauten erweitert. © DeepGreen
„Ich will Gebäude, die ich verstehe", sagt Matthias Korff. Der Gründer und Geschäftsführer der DeepGreen Development GmbH steht auf dem Gelände der „Fischbeker Höfe". Hier, im Süden von Hamburg, baut sein Unternehmen Seniorenwohnungen mit Gemeinschaftsräumen, Wellnessbereich und Concierge. Zwei ehemalige Kasernengebäude aus den 1940er Jahren werden komplett saniert und die Dachgeschosse durch Massivholz-Anbauten erweitert. Schadstoffsanierung von Bestandsbauten sei aufwändig und immer für Überraschungen gut, erklärt Korff, Zeit- und Kostenplanung daher nicht einfach. Doch ihm geht es um Ressourcenschutz und CO2-Minderung. So erfolgt die Wiederherstellung der bestehenden beiden Geschosse nahezu CO2-neutral. Darüber hinaus wird das Altholz des abgetragenen Dachstuhls für die Errichtung eines weiteren Gebäudes wiederverwendet. Die „Fischbeker Höfe" werden KfW-Effizienzhaus-100-Standard haben; für Strom und Wärme sorgt ein Blockheizkraftwerk auf dem Gelände.
 
IBA-Projekt Woodcube
Korff ist Pionier im Bereich Massivholzbau. Das Referenzgebäude von DeepGreen ist der Woodcube, der 2013 im Rahmen der Internationalen Bauaustellung IBA Hamburg entstand: ein fünfgeschossiges Mehrfamilienhaus aus unverleimtem, naturbelassenen Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft, schadstofffrei und recyclingfähig. „Mit diesem Projekt wollten wir zeigen, welche baustofflichen, konstruktiven und ökologischen Qualitäten Massivholzbau hat, und bei Bauträgern, Architekten, Städteplanern und Wohnungsbaugenossenschaften bekannt machen", so Korff.„Der Woodcube ist ein hoch innovatives und zukunftsweisendes Konzept, das die Verwendung nachhaltiger Baustoffe und gesundes Wohnen vereint und sich durch eine sorgfältige architektonische Gestaltung auszeichnet", lobte die Jury des deutschen Nachhaltigkeitspreises, die den Woodcube für den Sonderpreis „Nachhaltiges Bauen" 2013 nominierte. Auch als „Ort im Land der Ideen" wurde das Mehrfamilienhaus in Hamburg-Wilhelmsburg ausgezeichnet (forum berichtete). 
 
Urbanes Bauen fördern
„Bauen mit Holz in Stadt und Land" ist eines von sieben Handlungsfeldern der Charta für Holz 2.0 des Bundeslandwirtschaftsministeriums (BMEL), denn kein anderer Baustoff schneidet in Ökobilanzen besser ab als Holz. Im Rahmen der Charta sollen Maßnahmen entwickelt werden, die den Beitrag nachhaltiger Holzverwendung zur Erreichung der Ziele aus dem Klimaschutzplan 2050 der Bundesregierung stärken. Im Fokus steht dabei besonders das urbane Bauen. Wegen der effizienteren Flächennutzung sind mehrgeschossige Bauten in der Stadt die Lösung der Wahl. Doch während das Bauen mit Holz im Ein- und Zweifamilienhausbau etabliert ist, werden Mehrfamilienhäuser wie der Woodcube deutlich seltener in Holzbauweise errichtet. Laut Thünen-Institut lag die Holzbau-Quote – also der Anteil der Neubauten, der bei der Erstellung der tragenden Gebäudekonstruktion überwiegend Holz als Baustoff nutzt – bei Häusern mit 1-2 Wohnungen 2018 zwar bei knapp 20 Prozent, bei Häusern mit 3 oder mehr Wohnungen jedoch unter 3 Prozent. Auch im Nicht-Wohnungsbau kommt Holz zum Einsatz: Bei Büro-, und Verwaltungsgebäuden lag der Holzbauanteil 2018 bei knapp 9 Prozent, bei nicht-landwirtschaftlichen Betriebsgebäuden bei gut 14 Prozent.
 
Hervorragende Klimabilanz
Der Holzbau bietet zahlreiche ökologische Vorteile. Holz ist ein nachwachsender Rohstoff, der nicht-erneuerbare mineralische Rohstoffe (Metalle, Industrieminerale, Steine und Erden) ersetzen und dadurch endliche Ressourcen schonen kann. Das Potenzial ist immens, denn jährlich werden laut BMEL rund 90 Prozent aller in Deutschland verwendeten mineralischen Rohstoffe zur Herstellung von Baustoffen und Bauprodukten eingesetzt. Eine Kaskadennutzung von Holz, wie sie auch DeepGreen bei den „Fischbeker Höfen" praktiziert, trägt zusätzlich zum Ressourcenschutz bei. Holzhäuser sind auch wichtige Kohlenstoffspeicher; das im Holz enthaltene CObleibt dort langfristig gebunden. Bei einer kontinuierlichen Steigerung der Holzbauquote auf 55 Prozent bei Ein- und Zweifamilienhäusern und 15 Prozent bei Mehrfamilienhäusern ließen sich laut Thünen Report 78 im Zeitraum 2016 bis 2030 Treibhausgasemissionen in Höhe von fast 12 Mio. Tonnen CO2e einsparen. Holz ist zudem natürlich wärmedämmend, daher sind Holzhäuser im Betrieb sehr energieeffizient. Bei richtiger Konstruktion benötigen sie keinen chemischen Holzschutz.
 
Umweltschutz, der sich rechnet
„Es sind aber nicht nur ökologische Gesichtspunkte, die dafürsprechen, den Holzbau in die Innenstädte oder moderne Neubau- und Gewerbegebiete zu holen. Auch harte wirtschaftliche Faktoren sprechen für den urbanen Holzbau", sagt Massivholz-Pionier Matthias Korff. Die Arbeit mit vorgefertigten Bauteilen führt zu kurzen Bauzeiten und einer hohen Terminsicherheit. Im Vergleich zu anderen Bauweisen ermöglichen dünnere und dennoch wärme- und schallisolierende Wände bei gleichen Gebäudemaßen eine um 5-10 Prozent größere Nettowohnfläche. Mit den „Fischbeker Höfen" entstehen im Hamburger Süden hochpreisige Seniorenwohnungen, doch das liege, so Korff, an der Ausstattung. Holzbauweise tauge durchaus zur Schaffung günstigen Wohnraums. So gehört die Förderung bezahlbaren Wohnens mit hoher Qualität auch zu den Zielen der Charta für Holz 2.0. 

Warum werden nicht mehr und vor allem mehrgeschossige Gebäude aus Holz erreichtet? Als Hemmnisse nennt das Thünen-Institut u.a. fehlende Kapazitäten bei den kleinen und mittelständischen Unternehmen der Holzbaubranche sowie mangelnde Informationen, Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten. Veränderungen in diesen Bereichen benötigen Zeit. Das Fazit des Instituts: „Holzbauprojekte können bereits jetzt eine wichtige Leuchtturmwirkung entfalten und zur Bewusstseinsbildung für nachhaltiges Bauen beitragen. Dies bietet Chancen für die Holzbaubranche, sich als Vorreiter des nachhaltigen Bauens zu positionieren. Im Rahmen von Koalitionen mit Akteuren in Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Zivilgesellschaft lässt sich die Weiterentwicklung von Rahmenbedingungen unterstützen, die bauweisenübergreifend Signale für Nachhaltigkeitsverbesserungen setzen."
 
Dr. Katrin Wippich ist bei B.A.U.M. in der Öffentlichkeitsarbeit und im Projektmanagement tätig. Ihr Schwerpunkt liegt auf Nachhaltigkeitskommunikation sowie Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE).

Quelle: BAUM e.V. - Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften



     
        
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