Wer, wenn nicht er?

Christoph Quarch glaubt, dass Biden gerade wegen seines hohen Alters der Richtige ist, um die US-Gesellschaft zu heilen.

Nun ist Joe Biden als neuer US-Präsident vereidigt. Und kaum ist er im Amt, so ist auch schon die Rede davon, dass mit ihm eine Art Zeitenwechsel stattgefunden hat, mit dem sich viele Erwartungen verbinden.

Wie sieht das unser Philosoph: Herr Quarch, hat am Mittwoch die Ära Biden begonnen?
© Tibor Janosi Mozes, pixabay.comVon einer Ära kann man eigentlich immer erst aus der Retrospektive reden – dann, wenn sich in einem bestimmten Zeitraum tatsächlich etwas Epochales ereignet hat. Dafür ist es im Blick auf Joe Biden sicher noch zu früh. Andererseits gibt es auch einige Gründe dafür, in seinem Amtsantritt eine Zäsur oder ein historisches Datum zu sehen. Nicht nur, weil ihn erstmals in der US-Geschichte in Kamila Harris eine farbige Frau als Vizepräsidentin ins Amt begleitet, sondern vor allem, weil Biden der US-Präsident ist, der nach einem für die USA historisch beispiellosen Anschlag auf die US-Demokratie ins Amt gekommen ist. Biden wird der Präsident nach Trump und nach dem Sturm aufs Kapitol bleiben. Ob er noch mehr wird, wird sich zeigen.

Wenn von einer neuen Ära die Rede ist, verbinden sich damit viele Hoffnungen. Biden selbst hat gesagt, er wolle das Land heilen. Ist es nicht gefährlich, die Latte so hoch zu hängen.
Ohne Zweifel. Die Geschichte ist voll genug von Beispielen, die mit einem Hosianna begannen und mit einem „Kreuzigt ihn" endeten. Ganz so arg war es damals zwar nicht, aber erinnern wir uns an nur an Barak Obama, der auch von vielen als Heilsbringer gefeiert und mit Vorschusslorbeeren überhäuft wurde – denen er längst nicht immer gerecht werden konnte. Von daher ist es eine schwere Hypothek, die auf Biden lastet, wenn er antritt, um ein Land zu heilen. Nur muss man auch sehen: Ihm bleibt gar nichts anderes übrig. Die amerikanische Gesellschaft ist ernsthaft erkrankt, und als Präsident etwas anderes als ihre Heilung anzustreben, hieße die Augen vor der Realität verschließen. Schlimm genug, dass Bidens Vorgänger das so lange getan hat.

Meinen sie, Joe Biden wird die an ihn gerichteten Erwartungen erfüllen und die US-Gesellschaft retten können?
Platon hat einmal geschrieben, für alle Staaten gebe es nur dann eine Rettung, wenn entweder die Philosophen Könige oder die Könige Philosophen werden. Da Biden kein Philosoph ist müsste ich als Platoniker diese Frage verneinen. Aber vielleicht ist Biden doch philosophischer als es scheint, denn immerhin hat er eine nach Platon zutiefst philosophische Kompetenz, die man bei seinem Vorgänger vergeblich suchte: Er weiß, was der Sinn und Zweck aller Politik ist. Platon sprach von Frieden und einem Geist der Freundschaft. Da liegt Biden ganz auf seiner Linie. Das richtige Ziel hat er vor Augen.

Fragt sich nur, ob er die Kompetenz und Energie hat, es auch zu erreichen.
Klar ist, dass das eine echte Herkulesaufgabe ist. Aber wie gesagt: Ihr auszuweichen, würde alles noch schlimmer machen. Tatsächlich glaube ich, dass Biden trotz – nein wegen – seines hohen Alters gut dafür aufgestellt ist. Er bringt ein hohes Maß an Gelassenheit mit und ist dabei doch emotional und empathisch (was man sich von unserer Kanzlerin nur wünschen kann). Und er hat seit der Wahl im November eine bemerkenswerte Souveränität an den Tag gelegt – und das, obwohl die Zeit nach der Wahl ja nun wirklich alles andere als leicht war. Ich finde, dass er auch mit den Vorgängen um den Sturm aufs Kapitol sehr besonnen umgegangen ist. Von daher: Wer, wenn nicht er? 


Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum Nachhaltig Wirtschaften. © Christoph Quarch
Der Bestseller-Autor Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."

Hören Sie ihn persönlich im SWR-Podcast Frühstücks-QuarchLesen Sie mehr von ihm unter www.christophquarch.de
 
Als forum-Redakteur zeichnete Christoph Quarch verantwortlich für den Sonderteil „WIR - Menschen im Wandel".

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