Christoph Quarch
Gesellschaft | Politik, 12.01.2021
Impfchaos?
Der große Hoffnungsanker Impfung droht zum Stolperstein zu werden. Für unseren Philosophen Christoph Quarch kommt das nicht überraschend.
Man kann die Sache drehen und wenden, wie man will: Der lange herbeigesehnte Start zum großen Impfen ist in Deutschland gründlich schiefgegangen. Schon macht das Wort vom Impfchaos die Rede – und schon fliegen die Beschuldigungen hin und her. Die Nerven der Verantwortlichen scheinen reichlich blank zu liegen – so blank, dass jetzt sogar der Bundesfinanzminister auf den Bundesgesundheitsminister losgeht und damit einen handfesten Krach in der Regierungskoalition in Kauf nimmt. Der große Hoffnungsanker Impfung droht zum Stolperstein zu werden. Für unseren Philosophen Christoph Quarch kommt das nicht überraschend.
Herr Quarch, war das Impfchaos vorhersehbar?
Vorhersehbar wäre vielleicht zu viel gesagt. Aber dass der Start der Impfkampagne holprig werden würde, konnte man sich ausrechnen. In meinen Augen liegt das Hauptproblem darin, dass die Verantwortlichen – und das sind die Bundesregierung und ihre Berater von der Leopoldina – meines Erachtens die falschen Prioritäten gesetzt haben. Es war keine gute Idee, zunächst die Risikogruppe der Alten und Pflegebedürftigen zu impfen. Für diese Impfungen braucht man mobile Teams die sich in die derzeitigen Hotspots des Infektionsgeschehens begeben müssen. Das ist mühsam, kostet Zeit und bringt zunächst mal recht wenig. Viel sinnvoller wäre es gewesen, mit Volldampf zunächst alle zu impfen, die an der Covid-Front arbeiten: medizinisches Personal, Pflegepersonal, Rettungsdienste. Genügend Impfstoff ist vorhanden. Die Betroffenen sind gut mobilisierbar. Alles wäre viel einfacher.
Vorhersehbar wäre vielleicht zu viel gesagt. Aber dass der Start der Impfkampagne holprig werden würde, konnte man sich ausrechnen. In meinen Augen liegt das Hauptproblem darin, dass die Verantwortlichen – und das sind die Bundesregierung und ihre Berater von der Leopoldina – meines Erachtens die falschen Prioritäten gesetzt haben. Es war keine gute Idee, zunächst die Risikogruppe der Alten und Pflegebedürftigen zu impfen. Für diese Impfungen braucht man mobile Teams die sich in die derzeitigen Hotspots des Infektionsgeschehens begeben müssen. Das ist mühsam, kostet Zeit und bringt zunächst mal recht wenig. Viel sinnvoller wäre es gewesen, mit Volldampf zunächst alle zu impfen, die an der Covid-Front arbeiten: medizinisches Personal, Pflegepersonal, Rettungsdienste. Genügend Impfstoff ist vorhanden. Die Betroffenen sind gut mobilisierbar. Alles wäre viel einfacher.Aber es muss doch zunächst mal darum gehen, die am meisten gefährdeten Menschen zu schützen. Und das sind nun mal die Alten.
So zu denken ist ehrenwert, aber nicht klug. In Notfällen sollte die Priorität immer darauf liegen, die zu schützen, die andere retten können. Wir haben es zigmal im Flugzeug gehört: Bei Druckabfall in der Kabine erst die eigene Atemmaske aufsetzen, dann Kindern und Hilfsbedürftigen beistehen. Das ist die vernünftige Reihenfolge, denn – man muss die Dinge manchmal so klar benennen – in Notsituationen sind diejenigen, die viele andere retten können, wichtiger als das einzelne Leben eines Hochbetagten. Von daher war für mich auch völlig unbegreiflich, wie man die symbolträchtige erste Impfung ausgerechnet einer 103jährigen verabreichen konnte. Wie mögen sich da die vielen Pflegerinnen und Pfleger gefühlt haben, die täglich Dutzende kranker Menschen betreuen? Andere Länder habe das besser gemacht, wenn sie als erstes Krankenpfleger und Ärztinnen impften.
Aber sie können doch nicht den Ältesten die Impfungen vorenthalten, wenn in diesen Tagen Hunderte von ihnen an oder mit Covid sterben.
Hier geht es um etwas sehr Grundsätzliches, das zu bedenken wir uns fast immer scheuen: das Verhältnis des Einzelnen zum Gemeinwesen im Ganzen. Wir haben uns in Deutschland – aus verständlichen Gründen – angewöhnt, das einzelnen Subjekt mit einem höheren Wert zu besetzen als das Kollektiv. Diese Denkweise verleitet uns dazu, als erstes die am meisten bedrohten Subjekte schützen zu wollen – ohne dabei zu bedenken, was für die Funktionalität und den Bestand der Gesellschaft die beste Lösung wäre. Und das wäre nach Maßgabe der praktischen Vernunft das konsequente Durchimpfen aller, die für das Gemeinwesen arbeiten und dabei schon seit Monaten große Opfer bringen: dabei denke ich nicht nur an das medizinische Personal, sondern zum Beispiel auch an Lehrerinnen und Lehrer. Für die Zukunft unserer Gesellschaft ist es von größter Bedeutung, dass die Schulen arbeiten.
Sie würden also ernsthaft dafür plädieren, die Funktionalität des Gemeinwesens vor den Schutz der Einzelnen zu stellen?
Den Hilfsbedürftigen den Vorzug geben, scheint moralisch gerechtfertigt zu sein. Tatsächlich will niemand gerne die Verantwortung dafür übernehmen, dass alte Menschen an Covid sterben, während die ersten Impfdosen an das Pflegepersonal vergeben werden. Aber das systemische Denken kann in Ausnahmesituationen gebieten, den Bestand des Ganzen an erste Stelle zu setzen. Im Übrigen werden im Lockdown mit der gleichen Begründung von Millionen Menschen große Opfer verlangt. Das eigentlich Beklagenswerte beim jetzigen Impfgerangel ist jedoch, dass wir überhaupt in diese Situation gekommen sind und es nicht geschafft haben, die Gefährdetsten schon viel früher zu schützen – etwa durch die Vergabe von Schutzmasken schon im Sommer oder den konsequenten Einsatz von Schnelltests in Einrichtungen. Der holprige Impfstart ist die Konsequenz aus zu viel Tatenlosigkeit der letzten Monate.
Der Bestseller-Autor Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."
Hören Sie ihn persönlich im SWR-Podcast Frühstücks-Quarch. Lesen Sie mehr von ihm unter www.christophquarch.de
Als forum-Redakteur zeichnete Christoph Quarch verantwortlich für den Sonderteil „WIR - Menschen im Wandel".
Weitere Artikel von Christoph Quarch:
Krankheit und Gesundheit
Christoph Quarch sieht die Stärkung der Resilienz als Weg zur Reduzierung der Krankenstände
Wenn der Winter seinen Höhepunkt erreicht, herrscht in den Arztpraxen Hochbetrieb: Grippe, Erkältung & Co füllen die Wartezimmer und treiben die Krankenstände in die Höhe. Die Politik reagiert besorgt. Nicht so sehr, weil so viele Menschen krank sind, sondern weil so viele von der Arbeit fernbleiben.
Christoph Quarch sieht die Stärkung der Resilienz als Weg zur Reduzierung der Krankenstände
Wenn der Winter seinen Höhepunkt erreicht, herrscht in den Arztpraxen Hochbetrieb: Grippe, Erkältung & Co füllen die Wartezimmer und treiben die Krankenstände in die Höhe. Die Politik reagiert besorgt. Nicht so sehr, weil so viele Menschen krank sind, sondern weil so viele von der Arbeit fernbleiben.
Hinterzimmer in Davos
Christoph Quarchs Plädoyer für das persönliche Gespräch ohne Zuschauer als Königsdisziplin der Diplomatie
Alle Welt schaut dieser Tag nach Davos. Staatschefs, Wirtschaftskapitäne, Aktivisten - alle pilgern sie in die verschneiten Schweizer Berge, um beim Weltwirtschaftsforum über die Geschicke der Welt zu beraten. Was dort auf der großen Bühne geschieht, erfährt die Welt in Echtzeit. Die eigentliche Musik aber spielt, wenn man den Auskünften der Teilnehmer folgt, jenseits der Kameras: in den Hinterzimmern und bei den Kamingesprächen.
Christoph Quarchs Plädoyer für das persönliche Gespräch ohne Zuschauer als Königsdisziplin der Diplomatie
Alle Welt schaut dieser Tag nach Davos. Staatschefs, Wirtschaftskapitäne, Aktivisten - alle pilgern sie in die verschneiten Schweizer Berge, um beim Weltwirtschaftsforum über die Geschicke der Welt zu beraten. Was dort auf der großen Bühne geschieht, erfährt die Welt in Echtzeit. Die eigentliche Musik aber spielt, wenn man den Auskünften der Teilnehmer folgt, jenseits der Kameras: in den Hinterzimmern und bei den Kamingesprächen.
Mut und Zuversicht im neuen Jahr
Christoph Quarch identifiziert Wohlwollen und Freundlichkeit als Voraussetzung für Beherztheit und Courage
Und wieder liegt ein neues Jahr vor uns. Und wieder fragen wir uns: Was wird das Jahr bringen? Wird es wieder ein Jahr der Krisen, Kriege und Katastrophen? Und wird es ein Jahr der Aufbrüche, Anfänge, Veränderungen? Oder beides? Irgendwie liegt das immer auch an uns - an der Haltung, mit der wir dieses neue Jahr beginnen.
Christoph Quarch identifiziert Wohlwollen und Freundlichkeit als Voraussetzung für Beherztheit und Courage
Und wieder liegt ein neues Jahr vor uns. Und wieder fragen wir uns: Was wird das Jahr bringen? Wird es wieder ein Jahr der Krisen, Kriege und Katastrophen? Und wird es ein Jahr der Aufbrüche, Anfänge, Veränderungen? Oder beides? Irgendwie liegt das immer auch an uns - an der Haltung, mit der wir dieses neue Jahr beginnen.
Eine Zeit der "Sinnfinsternis"
Ein Blick auf die neuen Zahlen zur Kindswohlgefährdung macht auch den Philosophen Christoph Quarch sprachlos
Es sind verstörende Zahlen, die das Statistische Bundesamt in dieser Woche vorgelegt hat: Noch nie sind von den Jugendämtern so viele Fälle von Kindswohlgefährdung registriert worden, wie im vergangenen Jahr. Insgesamt 73.000 Meldungen seien eingegangen, 30 Prozent mehr als noch vor 5 Jahren.
Ein Blick auf die neuen Zahlen zur Kindswohlgefährdung macht auch den Philosophen Christoph Quarch sprachlos
Es sind verstörende Zahlen, die das Statistische Bundesamt in dieser Woche vorgelegt hat: Noch nie sind von den Jugendämtern so viele Fälle von Kindswohlgefährdung registriert worden, wie im vergangenen Jahr. Insgesamt 73.000 Meldungen seien eingegangen, 30 Prozent mehr als noch vor 5 Jahren.
Zeit - Ressource oder Kostenfaktor
Christoph Quarchs philosophischer Blick auf Reformstau und notwendige Investitionen in Infrastruktur und Innovationen
Diese Woche wird nach fünfzehn Wochen Vollsperrung der Mont-Blanc-Tunnel wieder freigegeben. Damit ist rechtzeitig zum Winterbeginn eine der wichtigsten Alpenverbindungen wieder passierbar. Aber das wird sich bald schon wieder ändern, denn die Sanierungsarbeiten sind noch nicht abgeschlossen.
Christoph Quarchs philosophischer Blick auf Reformstau und notwendige Investitionen in Infrastruktur und Innovationen
Diese Woche wird nach fünfzehn Wochen Vollsperrung der Mont-Blanc-Tunnel wieder freigegeben. Damit ist rechtzeitig zum Winterbeginn eine der wichtigsten Alpenverbindungen wieder passierbar. Aber das wird sich bald schon wieder ändern, denn die Sanierungsarbeiten sind noch nicht abgeschlossen.
forum Nachhaltig Wirtschaften heißt jetzt forum future economy
forum 01/2026
- Zukunft bauen
- Frieden kultivieren
- Moor rockt!
Kaufen...
Abonnieren...
30
JAN
2026
JAN
2026
Perspektive Wohnungsbau in Augsburg und Bayern
Impulse, Herausforderungen und Lösungswege
86159 Augsburg
Impulse, Herausforderungen und Lösungswege
86159 Augsburg
10
FEB
2026
FEB
2026
Anzeige
Professionelle Klimabilanz, einfach selbst gemacht
Einfache Klimabilanzierung und glaubhafte Nachhaltigkeitskommunikation gemäß GHG-Protocol
Gesundheit & Wellness
Krankheit und GesundheitChristoph Quarch sieht die Stärkung der Resilienz als Weg zur Reduzierung der Krankenstände
Jetzt auf forum:
Rat für Nachhaltige Entwicklung neu berufen
Sperrmüll vs. Entrümpelungsfirma: Wann lohnt sich professionelle Hilfe?
BAUExpo 2026 vom 20. bis 22. Februar in Gießen
CO2-Preis: Bundesregierung sollte zu Koalitionsvertrag stehen


















