66 seconds for the future - forum zeigt Zukunftsgestalter:innen und Nachhaltigkeitspionier:innen

Es reicht!!!

Offener Brief zur aktuellen Lage der Künstler*innen in Deutschland

Max Uthoff, Preisträger des Bayerischen Kabarettpreises 2020, hat es klar erkannt: Das Virus agiert völlig unsinnig. In einem gefüllten Bus, in der Bahn erwischt es kaum jemanden, aber in einem halbleeren Wirtshaus schon. Seltsames Virus!
 
Das Paul-Klinger-Künstlersozialwerk e. V. erlebt durch seine tägliche Arbeit mit seinen Mitgliedern (deutschlandweit 1.200 Künstler*innen aus allen Kreativbereichen) die Verzweiflung und die oftmals aussichtslose Situation durch den erneuten Lock-Down. © ID 272447, pixabay.comSo seltsam erscheinen auch einige der nun für nächsten vier Wochen geplanten Regelungen:
Physio nein, aber Fußpflege ja,
Nagelstudio nein, aber Frisör ja,
Theater, Opernhäuser und Restaurants nein, aber Einrichtungshäuser und Baumärkte ja,
Kirchen auch ja!
Wo liegt da der Sinn?
 
Gerade die Entscheidung, dass Kirchen geöffnet bleiben, Theater jedoch schließen müssen, erscheint unsinnig und ist wohl nur mit politischem Kalkül erklärbar.
Vielleicht sollten wir die Kirchen um Hilfe bitten und unsere Veranstaltungen in Kirchen verlegen, denn wenn sie als Gottesdienst deklariert werden, so steht der Öffnung nichts im Wege.
 
Wir vom Paul Klinger Künstlersozialwerk, die wir seit mehr als 45 Jahren die Nöte der Künstler kennen und mit unseren Beratungen und Hilfen zu lindern suchen, sind empört und solidarisieren uns mit den vielfältigen Forderungen vieler Künstlerorganisationen, insbesondere der Allianz der Freien Künste, in der wir ebenfalls Mitglied sind.
 
Sicher ist es nicht zielführend, zurück zu blicken, wie denn in den letzten Monaten seit März für Soloselbständige, freie Künstler, kleine und große Theater die Zeit des Lockdowns dramatisch verlaufen ist. Versprechungen, in jedem Bundesland anders, heftige Auflagen, die mit viel finanziellem Aufwand weitgehend erfüllt wurden, haben Künstler und Theater an ihre finanziellen Grenzen gebracht.
 
Ca. 2 Millionen Menschen sind in der Veranstaltungsbranche beschäftigt und generieren etwa 130 Milliarden Umsatz.
Ein gewichtiger Teil unserer Bevölkerung ist also hier beschäftigt. Aber, freie Künstler, Beleuchter, Bühnenarbeiter können leider kaum Betriebskosten in Anrechnung setzen. Ein Problem, das bereits beim ersten Lockdown sichtbar war, dem aber von den Regierungen keinerlei Rechnung getragen wurde. So sind viele Kollegen in Schulden geraten, bei ihnen ging es schliesslich ums blanke Überleben.
 
Anrechnung setzen. Ein Problem, das bereits beim ersten Lockdown sichtbar war, dem aber von den Regierungen keinerlei Rechnung getragen wurde. So sind viele Kollegen in Schulden geraten, bei ihnen ging es schliesslich ums blanke Überleben.
 
Das soll ja nun im zweiten Lockdown, liebevoll Mini-Lockdown genannt, geändert werden. Soloselbständige und freie Künstler sollen 75 Prozent Ihres Umsatzes eines vergleichbaren Monats in 2019 für den Monat November erhalten. Und dann?
 
Und das ist die neuerliche, entscheidende Frage: Werden die Zusagen der Regierungen vom 28. Oktober, die eigentlich viel zu spät kommen, nun greifen und unsere Branche retten?
 
Unsere Forderungen:
Denken Sie über weiterreichene Unterstützungen für die Kunstbranche nach.
 
Die gerad in Halle veröffentlichte Studie Restart 19 belegt, dass bei ausreichender Belüftung durchaus auch in größeren Häusern Veranstaltungen organisiert werden können. Ausreichend Abstand, gute Masken, auch während der Veranstaltung, gesunde Lüftung. Hier sollten die Häuser ausreichend Förderungen vom Bund erhalten.
 
Setzen Sie sich mit einschlägigen Organisationen zusammen, wie z.B. den Partnern in der Allianz der Freien Künste, um deren Forderungen umzusetzen.
 
Schaffen Sie Finanzhilfen, die der gesamten Branche nützen, auch über den November hinaus, denn selbständige Kulturschaffende müssen auch nach dem 1. Dezember noch Miete zahlen.
 
Für die Kunstbrache besteht der im Gesetz verankerte Bildungsauftrag. So müssen dringend Wege gefunden werden, den Kunstbetrieb nicht erlahmen zu lassen sondern die helfen, ihn wieder in Gang zu setzen.
 
Kunst ist ein Lebensmittel, und viele Menschen sehnen sich danach.
Entwickeln Sie mit Sachverständigen Konzepte, die es möglich machen, s. Halle, dass auch größere Veranstaltungen wieder durchführbar werden.
 
Helfen Sie uns, damit wir nicht in ein paar Monaten ein kulturell verarmtes Land geworden sind, vieles würde dann unwiederbringlich verschwunden sein.
Das darf nicht geschehen.
 
Wir hoffen und bitten, dass einem wichtigen Wirtschaftszweig nicht die Lebensgrundlage genommen wird.
Helfen Sie, dass die Sehnsucht vieler Menschen nach Kunst bald wieder erfüllt werden kann. Ein Land ohne Kunst und Kultur geht langsam unter.
 
Renate Hausdorf
Paul Klinger Künstlersozialwerk, Mitglied in der Allianz der Freien Künste
 
Kontakt: Paul-Klinger-Künstlersozialwerk e. V. | presse@paul-klinger-ksw.dewww.paul-klinger-ksw.de


     
        
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