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30 Jahre Harry Potter

Christoph Quarch erklärt, was es über unsere Gesellschaft aussagt, dass eine Phantasiegeschichte von Magie und Freundschaft so erfolgreich ist.

30 Jahre ist es nun her, dass die britische Schriftstellerin Joanne Rowling am Tage ihres 25. Geburtstags bei einer Bahnfahrt nach London eine zündende Idee hatte: Sie würde eine Geschichte schreiben: die Geschichte von Harry Potter, dem jungen Zauberlehrling und seinen Freunden. Am Ende wurden aus dieser Idee sieben Bücher, die inklusiver dreier Ableger weltweit über 500 Millionen Mal verkauft und in 80 Sprachen übersetzt wurden. Die entsprechenden Verfilmungen spielten über 7,5 Milliarden Dollar ein. Heute gilt Joanne Rowling als eine der wohlhabendsten Autorinnen aller Zeiten. Und die Geschichte von Harry Potter hat ganze Generationen junger Leserinnen und Leser auf dem Weg ins Erwachsenenalter begleitet. Ein solcher Erfolg gibt zu denken: Was sagt es über unsere Gesellschaft, dass eine Phantasiegeschichte von Magie und Freundschaft so erfolgreich ist. 
Fragen wir unseren Denker:

Herr Quarch, ist der Erfolg der Harry-Potter-Saga ein Symptom für unsere Zeit?
Am 31. Juli wurde Harry Potter 40 Jahre alt. © Ryan_Stekken, Pixabay.comIch denke ja. Wenn ein literarisches Werk so viel Zuspruch findet, dann muss es den Nerv der Zeit getroffen haben. Die Frage ist nur: Inwiefern? Meine Antwort wäre: Die Harry Potter-Bücher und Filme sprechen eine tiefe Sehnsucht nach einer Wiederverzauberung der Welt an. Diese Sehnsucht ist etwa so alt wie die Entzauberung der Welt, die nach der Diagnose des großen Sozialwissenschaftlers Max Weber mit der Industrialisierung und Aufklärung des 17. Jahrhunderts begonnen hat. Seither ist das Leben immer rationaler geworden. Technik und Ökonomie haben nicht nur die Religion verdrängt, sondern auch alles Geheimnisvolle und Magische. Gerade Kinder und Jugendliche scheinen dieses Fehlen zu spüren und sind deshalb besonders begeisterte Harry-Potter-Fans.

Dann wäre die Harry-Potter-Begeisterung Ausdruck einer antimodernen Grundhaltung?
Besonders modern geht es in den Büchern tatsächlich nicht zu. Man fühlt sich in eine vormoderne Vergangenheit zurückversetzt, in der die Technik noch nicht alle Lebensbereiche beherrscht. Aber das ist nicht das Entscheidende: Viel wichtiger ist, dass die Geschichte das Tor zu einer Art Parallelwelt aufstößt: zu einer Welt, die einer anderen Ordnung folgt als die ökomisch-technische Moderne – zu einer Tiefendimension, von der auch unsere Märchen oder alte Mythen sprechen. Man könnte von einer seelischen Dimension reden, in der einem die großen Archetypen der menschlichen Seele begegnen. Märchen und Mythen funktionieren deshalb wie Spiegel, mit deren Hilfe man sich einen Reim auf das eigene Leben und die Welt machen kann. So gesehen könnte man Harry Potter als ein neues Märchen bezeichnen. 

Aber wirklich neu ist der Stoff ja nicht: Magier und Zauberer gibt es auch beim Herrn der Ringe.
Gerade darin liegt die Stärke. Der Philosoph Hans Blumenberg hat mal ein faszinierendes Buch mit dem Titel „Arbeit am Mythos" geschrieben. Darin zeigt er, dass es einen großen Mythos auszeichnet, in immer neuen Variationen erzählt zu werden – immer wieder neu in eine neue Zeit übersetzt zu werden. Es geht eben gar nicht so sehr um Harry Potter und seine Freunde, sondern darum, wofür sie stehen und welche grundlegenden Qualitäten des Menschseins in dieser phantastischen Umgebung sichtbar und erfahrbar werden: welche Werte und Tugenden. Ich denke, die Harry-Potter-Story ist auch deshalb so erfolgreich, weil uns in unserem alltäglichen Umgang miteinander die Sprache für diese Dimensionen verloren gegangen sind. Kinder und Jugendliche werden heute zur Rationalität erzogen und mit hohen moralischen Ansprüchen beladen. Aber das Essentielle des Lebens bleibt dabei oft auf der Strecke.

Ist Harry Potter also eine Art Therapeutikum?
Das würde mir zu weit gehen. Ich würde eher sagen: Eine Erinnerung an etwas Wertvolles und Kostbares – an die poetische Kreativität des Menschen, die wir brauchen, wenn wir nicht bloß reibungslos funktionieren, sondern auch Sinn erfahren oder Sinn stiften wollen. Die Welt wäre ärmer ohne solche Geschichten. Und auch wenn ich selbst kein Harry Potter-Fan bin, muss ich doch sagen: Ich bin froh das Joanne Rowling vor dreißig Jahren diese Idee hatte. Denn so ist in einer ansonsten hyperrationalen und ernüchterten Welt eine Ahnung davon geblieben, dass es im Leben mehr zu entdecken gibt als konsumierbare Produkte und Informationen.

Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum Nachhaltig Wirtschaften. © Christoph Quarch
Der Bestseller-Autor Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."

Hören Sie ihn persönlich im SWR-Podcast Frühstücks-QuarchLesen Sie mehr von ihm unter www.christophquarch.de
 
Als forum-Redakteur zeichnete Christoph Quarch verantwortlich für den SonderteilWIR - Menschen im Wandel".

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