Wirtschaftlicher Neuanfang nach Corona – die Chance für nachhaltige Geschäftsmodelle

Wissenschaftler fordern, Förderprogramme an Nachhaltigkeitskriterien zu koppeln, um somit die Resilienz der Wirtschaft zu verbessern

Aus der Krise für die Zukunft lernen: Die Nachhaltigkeitsexperten Prof. Dr. Florian Lüdeke-Freund und Prof. Dr. Dr. hc. Stefan Schaltegger sprechen sich in fünf Thesen dafür aus, die Vielfalt an Geschäftsmodellen weiter zu fördern und zu nutzen, um damit die notwendigen nachhaltigen Transformationsprozesse auf Unternehmensebene voranzutreiben.

© PIRO4D Pixabay.comIn der gemeinsamen Erklärung fordern Prof. Dr. Florian Lüdeke-Freund, Professor für unternehmerische Nachhaltigkeit an der ESCP Business School Berlin, und Prof. Dr. Dr. hc. Stefan Schaltegger, Professor für Nachhaltigkeitsmanagement an der Leuphana Universität Lüneburg und Leiter des Centre for Sustainability Management (CSM), Konsumanreize zu nutzen, um Unternehmen und Branchen mit nachhaltiger Wirtschaftsweise voranzubringen und zu unterstützen.

Zustimmung bekommen die Wissenschaftler auch aus der Wirtschaft: Für das Hamburger Konsumgüter- und Einzelhandelsunternehmen Tchibo ist es ebenfalls unerlässlich, Wirtschaftsförderprogramme mit einem Wandel zu mehr Nachhaltigkeit zu verbinden. „Die sozialen und ökologischen Herausforderungen unserer Lebens- und Wirtschaftsweise bleiben sehr groß. Business as usual reicht nicht mehr aus. Es braucht neue Lösungen und ein Umdenken mit Blick auf Geschäftsverhalten und Konsum", sagt Nanda Bergstein, Director Corporate Responsibility für den Bereich Unternehmensverantwortung bei der Tchibo GmbH.

Zentrale Prinzipien sollten nach Ansicht der Wissenschaftler eine Stakeholder-Orientierung, die nachhaltige Wertschöpfung in Unternehmen sowie die teilweise Re-Lokalisierung von Produkten und Produktionsmitteln sein. Die Experten sind sich einig: „Nachhaltigkeit und Vielfalt machen die Wirtschaft resilienter gegenüber Krisen." In langjähriger Forschung und Praxis haben sie sich mit dem Wert unternehmerischer Vielfalt und Nachhaltigkeit befasst.
 
Die fünf Thesen der Nachhaltigkeitsexperten
  • Der Einsatz öffentlicher Mittel sollte nicht nur der Wiederbelebung der Wirtschaft dienen, sondern auch ihrer zukunftsfähigen (Neu-)Gestaltung. Neue Prinzipien wie „Stakeholder-Orientierung" und „nachhaltige Wertschöpfung", wie sie etwa das World Economic Forum fordert, können Innovationsschübe auslösen und gehören somit in die Kriterienkataloge von Hilfs- und Förderprogrammen. 

  • Die Nachhaltigkeit als Geschäftszweck sollte neben unternehmerischen Kennzahlen und Branchenzugehörigkeit wesentliches Förderkriterium sein. Fördermaßnahmen sollten nicht nur rasch, sondern auch zweckgebunden umgesetzt werden. Es darf nicht nur um die Unterstützung von Industriezweigen mit vielen Arbeitsplätzen wie die Automobilindustrie gehen. Soziale Geschäftsmodelle sind ebenso wesentlicher Teil unserer Gesellschaft. Sie müssen sicht- und förderbar sein. 

  • Die lokale Mobilisierung von Arbeitskräften sollte ein zentrales Prinzip der Unternehmensförderung sein. Die teilweise „Re-Lokalisierung" von Produktion und Produktionsmitteln ist wesentlicher Bestandteil nachhaltiger Geschäftsmodelle. Folgen z. B. Industrieunternehmen dem Leitbild der „Circular Economy", werden materielle Ressourcen schrittweise durch menschliche Arbeitsleistung und Serviceangebote ersetzt. In der Landwirtschaft bedeutet dies, lokale Ressourcen und Arbeitskräfte einzusetzen. 

  • Die aktuelle virale Pandemie zeigt, welche Geschäftsmodelle besonders robust und anpassungsfähig sind. Vor allem Digitalkonzerne sind die Krisengewinner. Aufgabe von Politik und Wissenschaft ist es, herauszufinden, wie diese Geschäftsmodelle mit Beiträgen zu einer resilienten und nachhaltigen Wirtschaft vereinbar sind. Förderprogramme für nachhaltige Digitalunternehmen müssen dringend aufgelegt werden. 

  • Konsumanreize sollten nachhaltigen Konsum und somit nachhaltige Geschäftsmodelle in verschiedenen Branchen fördern. Das könnte zum Beispiel ein „grüner" Konsumgutschein sein. Es gilt außerdem, Branchen und Unternehmen zu unterstützen, die den Übergang in eine nachhaltige Wirtschaftsweise voranbringen.
Hintergrund
Quer durch die Gesellschaft fordern Wissenschafts- und Wirtschaftseinrichtungen, politikberatende Institutionen, Nichtregierungsorganisationen und Umweltschutzverbände, notwendige staatliche Wirtschaftshilfen nach dem Abklingen der Corona-Pandemie mit Nachhaltigkeitskriterien zu verknüpfen. Die Bedenken sind groß, dass mit den derzeit diskutierten Fördermaßnahmen alte Wirtschaftsstrukturen verfestigt und Prozesse für einen nachhaltigen Wandel blockiert werden: „Unternehmen müssen das Rad nicht neu erfinden und sollten den nachhaltigen Transformationsprozess als Chance sehen. Es gibt vielfältige nachhaltige Geschäftsmodelle, die sich nachahmen lassen", sagt Prof. Dr. Florian Lüdeke-Freund. Gemeinsam mit einem Team aus internationalen Geschäftsmodell-Expert*innen hat er elf Mustergruppen für nachhaltig aufgestellte Organisationen identifiziert. Wer das eigene Unternehmen nachhaltig ausrichten will, könne sich daran orientieren. Prof. Dr. Stefan Schaltegger sieht zum Beispiel in Geschäftsmodellen, die den Kauf von Produkten durch Dienstleistungen ersetzen, eine Chance zur Entwicklung nachhaltiger Angebote und neuer Geschäftsfelder: „Dienstleistungen, die auf der Nutzung von Produkten durch mehrere Personen aufbauen, können vor Ort oder digital angeboten werden. Dies kann nicht nur den Ressourcenverbrauch reduzieren, sondern auch die Abhängigkeit von globalen Lieferketten, die in der Corona-Krise viele Firmen vor massive Probleme stellt."


Kontakt: ESCP Business School Berlin, Dr. Claudia Rudisch | crudisch@escp.eu | www.escpeurope.eu


     
        
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