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Stephan Schaller

Nachhaltigkeit kleidet!

Welches Siegel darf es sein?

Berichte um ökologische und soziale Missstände in der globalen Textilproduktion lassen das Interesse an möglichst nachhaltig produzierter Kleidung steigen. Hilfestellung bieten zahlreiche Siegel auf den Produkten. Doch welche Siegel sind relevant, anspruchsvoll und glaubwürdig? Das Portal Siegelklarheit.de liefert Antworten.
 
Ein Siegel wird als 'Gute Wahl' eingestuft wenn es die Mindestanforderungen erfüllt, die für die jeweilige Produktgruppe als ­wichtig erachtet werden. Um als 'Sehr gute Wahl' bewertet zu werden müssen mindestens 70 Punkte erfüllt werden. © Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die Zahl der Umwelt- und Sozialsiegel ist vor allem in den letzten zehn Jahren rasant gewachsen. Nach Angabe des Eco-Label-Index gibt es über 450 Umweltzeichen in 25 verschiedenen Produktgruppen. Alleine für Textilien werden auf dem deutschen Markt circa 30 Siegel genutzt. Dies belegt, dass immer mehr Abnehmer einen Nachweis für umweltfreundliche und sozialgerechte Produktion verlangen. Die Siegelvielfalt birgt aber ein Risiko der Überforderung. Das gilt auch für den Textileinkauf – ob beim Sommerschlussverkauf oder bei der Beschaffung neuer Arbeitskleidung. Stehen hinter dem Zeichen auf der Jacke relevante ökologische und soziale Verbesserungen? Wie glaubwürdig wird dies umgesetzt? Wie wird dies kontrolliert? – lauten einige der Fragen.
 
Portale bieten Lösungen
Das Verbraucherportal Siegelklarheit basiert, wie das Schwesterportal Kompass Nachhaltigkeit für professionelle und öffentliche Beschaffung, auf einer umfassenden Methodik, die mit rund 400 nationalen und internationalen Experten von staatlichen Stellen, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft entwickelt wurde.
 
Die Umwelt- und Sozialsiegel werden dabei vor allem auf ihren inhaltlichen Anspruch und ihre glaubwürdige Umsetzung untersucht. Die Grundlage für die Messung der Glaubwürdigkeit ist in allen Produktgruppen gleich, wohingegen die Bewertungsgrundlage für den inhaltlichen Anspruch abhängig von der Produktgruppe ist. Insgesamt durchläuft jedes Siegel einen Bewertungsprozess mit 200 Kriterien.
 
Anspruch
Für jedes Siegel werden die einzelnen Bewertungsergebnisse der Bereiche Umwelt, Soziales und Glaubwürdigkeit zusammengefasst. © Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und EntwicklungAusschlaggebend für die inhaltliche Analyse der Umwelt- und Sozialsiegel sind drei Aspekte:
  • Sind alle relevanten Themen durch den Anforderungskatalog des Standards abgedeckt? 
  • Wie intensiv, beziehungsweise inhaltlich anspruchsvoll, sind die Anforderungen im Standard formuliert?
  • Müssen die Anforderungen sofort, in einem bestimmten Zeitraum oder nur als mögliche Option erfüllt sein?
Auf der Basis dieser Aspekte wird eine Punktzahl ermittelt. Diese wiederum wird in der Gesamtschau unterschiedlich gewichtet. Damit trägt der Expertenbeirat dem Umstand Rechnung, dass bestimmte Themen je Produktgruppe von größerer Bedeutung sind als andere.
 
Glaubwürdigkeit
Grundlage für die Anforderungen in diesem Bereich sind ISO-Normen (Internationale Organisation für Normung) und die Leitlinien der ISEAL Alliance. Die ISEAL Alliance mit Sitz in London ist ein Zusammenschluss der Organisationen, die Nachhaltigkeitsstandards formulieren. In einem Konsultationsprozess mit über 400 Organisationen aus fünf Kontinenten wurden Leitlinien erarbeitet, die einen glaubwürdigen Standard ausmachen.
 
Untersucht wird dabei das „System hinter dem Siegel". Es wird sichergestellt, dass der Standard nicht nur gut klingt, sondern dass dieser bei der Herstellung der Produkte auch tatsächlich eingehalten wurde. Voraussetzung hierfür ist ein solider Prüfprozess, idealerweise durch eine unabhängige Kontrollinstanz. Die Analyse der Glaubwürdigkeit umfasst aber auch andere Aspekte: 
  • Wurden zum Beispiel bei der Formulierung des Standards alle betroffenen Gruppen einbezogen?
  • Sind die siegelgebende und siegelnehmende Organisation unabhängig voneinander?
  • Sind die Entscheidungsprozesse bei der Siegelvergabe transparent und nachvollziehbar?
  • Entspricht der „Claim”, also die Botschaft des Siegels, dem tatsächlichen Inhalt des Standards?
Empfehlenswerte Textil-Siegel
Siegelklarheit listet und bewertet 30 gängige Textil-Siegel, von denen fünf als „gute Wahl" und elf als „sehr gute Wahl" bewertet werden. Während die meisten Siegel ihren Schwerpunkt entweder im Umwelt- oder Sozialbereich haben, gibt es auch Siegel, die beide Anforderungen erfolgreich vereinen. So erfüllen „Naturtextil IVN zertifiziert BEST" und „OEKO-TEX Made in Green" besonders hohe Anforderungen sowohl im Umwelt-, als auch im Sozialbereich. Das zunehmend verbreitete GOTS-Siegel (Global Organic Textile Standard) erfüllt neben besonders hohen Anforderungen im Umwelt- auch alle Mindestanforderungen im Sozialbereich. Alle Kriterien sind auf dem Portal transparent dargestellt. Nutzer können überprüfen, ob für sie relevante Punkte von den Experten berücksichtigt wurden und Siegel einfach vergleichen.
 
Mehr Durchblick im Siegel-Dschungel
Siegelklarheit.de ist eine Initiative der deutschen Bundesregierung zur Aufklärung von Verbraucherinnen und Verbrauchern. Das Projekt wird von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) umgesetzt. Seit Anfang des Jahres 2018 wird die Kommunikation und Weiterentwicklung des Portals vom CSCP (Collaborating Centre on Sustainable Consumption and Production), der VERBRAUCHER INITIATIVE und dem Wuppertal Institut begleitet.
 
Ergänzende Angebote und Hilfestellungen
Neben dem Portal und der Smartphone-App mit hilfreicher Siegel-Scan-Funktion entwickelte das Betreiberteam Bildungsmaterial zu Nachhaltigem Konsum. Hier stehen Unterrichtsreihen und Themen-Dossiers zur Verfügung. Größere Veranstaltungen und Messen können außerdem durch Stände, Vorträge und Workshops unterstützt werden. Denn: Nachhaltiger Konsum endet nicht mit der Entscheidung für das richtige Siegel, auch die Nutzungsdauer, Pflege und Entsorgung/Weitergabe von Textilien spielen eine wichtige Rolle.
 
 
Stephan Schaller ist Senior Consultant beim CSCP mit mehr als 15-jähriger Projekterfahrung im Bereich Nachhaltigkeit. Ein Fokus seiner Arbeit liegt auf der Förderung nachhaltiger Lebensstile, durch Beteiligung, Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle.

Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 01/2019 - Time to eat the dog erschienen.



     
        
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