Energieeffizienz für Fortgeschrittene

„Ich bin selbst erstaunt über den Umfang unserer Energiekostensenkung im Netzwerk.“

Rund 1.300 Unternehmen sind im ganzen Land aktuell in 131 Energieeffizienz-Netzwerken aktiv. Am Niederrhein zeigt eines dieser Netzwerke auf beeindruckende Weise, wie sich dank besserer Energieeffizienz das Klima schützen und der Unternehmenswert erhöhen lässt: Die Wertsteigerung aller sieben beteiligten Betriebe wird nach Umsetzung der Effizienzmaßnahmen auf insgesamt circa 17,5 Millionen Euro prognostiziert.   
 
'Effizienz lohnt sich': Netzwerk-Moderator Prof. Dr. Ulrich Nissen von der Hochschule Niederrhein. © privat/ Fotograf: Roman Bracht Ein paar heilige Kühe wurden angetastet. Vor allem aber brachte der Zusammenschluss zu einem Energieeffizienz-Netzwerk in den vergangenen eineinhalb Jahren die entscheidende Dynamik und notwendigen Impulse für sieben Unternehmen am Niederrhein auf dem Weg zu besserer Energieeffizienz.
 
Der Anteil der Energiekosten an den Betriebskosten war bei den Industrieunternehmen aus Neuss, Krefeld und Umgebung in den vergangenen Jahren spürbar gestiegen. Sie kommen aus unterschiedlichen Branchen – darunter ein Kartonhersteller, ein bekannter Mehlproduzent und eine bekannte Großbäckerei – und produzieren alle energieintensiv. Zusammen beschäftigen die sieben Betriebe circa 4.500 Mitarbeiter. Zuvor hatte jeder Betrieb bereits im Alleingang daran gearbeitet, die Energieeffizienz zu verbessern und Energiekosten zu reduzieren. Sechs von ihnen hatten bereits zertifizierte Energiemanagementsysteme. Der eine oder andere Erfolg stellte sich auch ein.
 
Enorme Effizienzpotenziale liegen brach
Doch spätestens seit die sieben Betriebe sich im Dezember 2015 auf Initiative der IHK Mittlerer Niederrhein zu einem moderierten Netzwerk mit dem programmatischen Namen „Energiekostenmanagement DIALOG" zusammenschlossen, wissen sie, welche enormen Effizienzpotenziale tatsächlich in ihren Unternehmen brachliegen.
 
Das Netzwerk verpflichtete sich selbst verbindlich für seine vierjährige Laufzeit, insgesamt 79,5 Millionen Kilowattstunden (kWh) weniger Energie zu verbrauchen. Das entspricht dem durchschnittlichen Jahresstromverbrauch von mehr als 20.000 Drei-Personen-Haushalten, hat die IHK berechnet. Den Ausstoß des klimaschädlichen Treibhausgases Kohlendioxid in die Atmosphäre wird das Effizienz-Netzwerk im gleichen Zeitraum schätzungsweise um circa 35.500 Tonnen CO2 verringern können.
 
Die Initiative Energieeffizienz-Netzwerke ist eine Maßnahme des Nationalen Aktionsplans Energieeffizienz (NAPE) der Bundesregierung und startete vor zweieinhalb Jahren. Das Ziel der von 22 Wirtschaftsverbänden gemeinsam mit dem Bundeswirtschafts- und Bundesumweltministerium getragenen Initiative ist es, dass sich 500 Effizienz-Netzwerke bis im Jahr 2020 etablieren sollen, um den CO2-Ausstoß insgesamt um rund fünf Millionen Tonnen zu verringern. Das entspräche der Einsparung des jährlichen CO2-Ausstoßes einer mittleren Großstadt.
 
„Energieeffizienz lohnt sich für Unternehmen"
Effizienz ist ein Schlüssel zur Senkung des Energieverbrauchs und damit zum Klimaschutz: Deutschland muss seinen Primärenergieverbrauch bis 2050 halbieren, damit es seine Klimaziele erreichen kann. Ohne die Mitwirkung der Wirtschaft geht das nicht. Industrie, Gewerbe, Handel und Dienstleister verbrauchten mit 45 Prozent im Jahr 2015 fast die Hälfte der gesamten Endenergie in Deutschland laut Umweltbundesamt.
 
Das Netzwerk am Niederrhein kann durch konsequente Umsetzung der geplanten Effizienzmaßnahmen die Energiekosten seiner Teilnehmer während der vier Jahre um insgesamt 4,4 Millionen Euro verringern. „Energieeffizienz lohnt sich für die Unternehmen", davon war Professor Ulrich Nissen überzeugt, als er nach dem Auswahlverfahren durch die IHK die Moderation und Energieberatung des Netzwerks am Niederrhein übernahm. Nissen hat die NEW-Stiftungsprofessur für Controlling und Energiemanagement an der Hochschule Niederrhein inne und begleitet das Netzwerk zusammen mit seinem Doktoranden Nathanael Harfst.
 
Von vornerein schwebte Nissen ein Netzwerk vor, das Energieeffizienz für Fortgeschrittene bietet. Sein Ansatz: Er will zeigen, dass sich Effizienzmaßnahmen wirtschaftlich rechnen, auch Angelegenheit des Unternehmenscontrollings sind, die Wettbewerbsfähigkeit verbessern und den Unternehmenswert steigern.
Ein entscheidendes Hemmnis für die Umsetzung von Effizienzmaßnahmen erkennt Nissen darin, dass deren Wirtschaftlichkeit häufig mit ungeeigneten Verfahren oder fehlerhaft berechnet wird: „Zu oft wird auf eine Amortisierung nach drei Jahren geschaut. Das ist wissenschaftlich aber Humbug", stellt er klar, „weil die Amortisationsrechnung generell und speziell für die Bewertung von Energiemaßnahmen höchst problematisch ist."
 
Knowhow-Transfer und Erfahrungsaustausch
In der Startphase des Netzwerks ging es zunächst darum, die Energiesparpotenziale in jedem Betrieb systematisch zu ermitteln. Dazu analysierten Nissen und Harfst schwerpunktorientiert den jeweiligen Energieverbrauch. Das Resultat: „In der Regel sind es nur wenige Prozesse im Unternehmen, die 80 Prozent des Energieverbrauchs ausmachen", erklärt Nissen. Im Fachjargon sind das die „significant energy users", er nennt sie „die dicken Brummer".
 
Exemplarisch zählt Nissen einige auf: alte Druckluftstationen und -systeme, die weder optimale Wirkungsgrade noch Wärmerückgewinnung und zudem Leckagen aufweisen. Wärmerückgewinnung generell hat enormes Energiesparpotenzial. Ebenso wurde Energieverschwendung bei Antriebsprozessen sowie bei der Wärmedämmung von Hochtemperaturöfen und der Energieversorgung von Gebäuden identifiziert.
 
Ranking der größten Energieschlucker
Bei den „dicken Brummern" setzte das Netzwerk an. Sie wurden für jeden Teilnehmer je nach Höhe des Energieverbrauchs in ein Ranking gebracht. Alle Betriebe bekamen die Hausaufgabe, zu ermitteln, welche Faktoren den jeweiligen Verbrauch ihrer energieintensiven Prozesse beeinflussten. Die Ergebnisse wurden beim zweiten Netzwerktreffen präsentiert. Interessante Potenziale kamen dadurch ans Licht.
 
Die Teilnehmer profitieren vom Erfahrungsaustausch, dem gegenseitigen Lernen und dem Knowhow-Transfer im Netzwerk. Aber auch der sanfte Druck, der mit der Selbstverpflichtung zu einem gemeinsamen Energiesparziel entsteht, sowie der gegenseitige sportliche Ansporn bewirken den Erfolg: „Ein erkennbarer Effekt des Netzwerks war, dass bei den Treffen ein Mini-Wettbewerb der vorzeigbaren Leistungen entstand", bestätigt Nissen.
 
Unternehmer können Entscheidungen für Effizienzmaßnahmen dank der gebündelten Erfahrungen im Netzwerk gezielter treffen. Betriebe, die in Netzwerken aktiv sind, steigern ihre Energieeffizienz doppelt so schnell wie der Durchschnitt aller Unternehmen, ergab eine Untersuchung der Deutschen Energie-Agentur (dena), welche die Netzwerk-Initiative im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) bundesweit koordiniert.
 
Brückenschlag zwischen Energiemanagement und Controlling
Auf Basis der Einsparpotenziale des Netzwerks am Niederrhein wurden Effizienzmaßnahmen für jeden Betrieb ermittelt. Für jede Maßnahme wurde neben der technischen Machbarkeit mit einer Formel auch die Wirtschaftlichkeit sowie die Auswirkung auf die Steigerung des Unternehmenswerts gleich mit berechnet.
Nissen hatte von Anfang an im Fokus, das Energiekostenmanagement in die Unternehmenssteuerung zu integrieren: Im Netzwerk saßen deshalb die Energiemanager zusammen mit den Controllern ihres Unternehmens. Dieser Brückenschlag innerhalb der Betriebe habe gut geklappt, resümiert Dr. Ron Brinitzer, Geschäftsführer „Innovation und Umwelt" der IHK Mittlerer Niederrhein. „Der Dialog zwischen Energiemanager und Controller im Netzwerk war extrem fruchtbar", betont Brinitzer erfreut, der das Netzwerk als Träger initiierte.
 
Im Netzwerk konnten einige heilige Kühe beim Energieverbrauch der Betriebe angetastet werden. Vor allem bewirkte die in Zahlen vorliegende Steigerung des Unternehmenswerts, dass die Geschäftsleitung vorgeschlagene Effizienzmaßnahmen genehmigte und umsetzte. Die Prognose für die gesamte Wertsteigerung aller sieben Unternehmen ist beeindruckend: Sie liegt laut Nissen bei insgesamt circa 17,5 Millionen Euro.
 
Bis Jahresende werden die sieben Unternehmen ihre Effizienzmaßnahmen umsetzen. Dadurch können sie zusammengenommen ab 2018 jedes Jahr 1,7 Millionen Euro Energiekosten sparen. „Ich bin selbst erstaunt über den Umfang unserer Energiekostensenkung im Netzwerk, der durch das Miteinander und den entstandenen Wettbewerb möglich wurde", zieht Nissen begeistert Bilanz. Er plant zusammen mit der IHK bereits das nächste Netzwerk zu gründen.
 
Infobox Energieeffizienz-Netzwerke
Aktuell sind in Deutschland rund 1.300 Unternehmen in 131 moderierten Netzwerken unter dem Dach der Initiative Energieeffizienz Netzwerke aktiv, die von der Bundesregierung und 22 Wirtschaftsverbänden unterstützt wird. Die Geschäftsstelle wird von der dena (Deutsche Energie-Agentur) geführt und vom BMWi finanziert.
 
Mindestens 5 bis maximal 15 Unternehmen können ein moderiertes Netzwerk gründen. Die Laufzeit beträgt in der Regel zwei bis drei Jahre. Jedes Netzwerk meldet sein gemeinsames Einsparziel an die dena. Die Umsetzung wird durch ein externes Monitoring geprüft.
Derzeit werden Energieeffizienz-Netzwerke in drei Bundesländern finanziell unterstützt: Baden-Württemberg, Hessen und Niedersachsen. Weitere Bundesländer fördern Netzwerke indirekt über Beratung und Information seitens Dritter.
 
Wer ein Netzwerk gründen will, findet hier alle Informationen: effizienznetzwerke.org oder unter: http://www.deutschland-machts-effizient.de/KAENEF/Redaktion/DE/Standardartikel/Dossier/C-energieeffizienznetzwerke.html

Kontakt: Medienbüro „Deutschland macht´s effizient" | medienbuero@machts-effizient.de| www.deutschland-machts-effizient.de

Technik | Energie, 15.08.2017

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