Veränderung durch Solidarische Landwirtschaft

Das Netzwerk der Solawi-Genossenschaften

Das neue Netzwerk der Solawi-Genossenschaften verbindet die Idee der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi) mit der Rechtsform von Genossenschaften: ein Prinzip für die allgemeine Transformation.

Simon Scholl auf den Feldern des Münchner Kartoffelkombinats, der ersten Solawi-Genossenschaft in Deutschland. © Michael KuhlmannNach etwa zwei Jahren Gründungsphase hat die Gemüsegenossenschaft KoLa Leipzig im Mai 2020 ihre ersten Gemüsekisten ausgeliefert. Mit Roter Bete, Zwiebeln, frischem Salat und Rettich. "Manche Mitglieder waren schon ganz ungeduldig und haben sich sehr gefreut, als sie ihre erste Gemüsekiste bekommen haben”, erzählt Eva Köhler, die im Vorstand der KoLa Leipzig ist. "Wir haben viel gutes Feedback bekommen.”

Köhler ist seit Beginn mit dabei. Sie arbeitete bei der Gemüsekooperative Rote Beete eG, in Taucha bei Leipzig, als im Mai 2018 der Vorstand der evangelischen Kirche in Taucha auf die Kooperative zukam. Die Kirche hatte 35 Hektar Land und suchte nach einem Pächter, der die Flächen ökologisch bewirtschaften würde, vielleicht sogar solidarisch und gemeinschaftsgetragen, wie das bei der Roten Beete schon der Fall war. Bald war klar: Die Rote Beete wollte sich nicht vergrößern, aber Köhler und einige andere konnten sich vorstellen, eine neue Genossenschaft zu gründen.

500 Mitglieder bis zur ersten Kiste
Als die erste Kiste geliefert wurde, hatte die Genossenschaft schon mehr als 500 Mitglieder. Denn schon lange vorher gab es einen Newsletter, Infoveranstaltungen und Kommunikation über die sozialen Netzwerke, sodass Menschen auf das Projekt aufmerksam wurden und dabei sein wollten. Um in den Genuss von frischem Gemüse zu kommen, muss man Mitglied in der Genossenschaft werden und ist damit auch Miteigentümer*in der Flächen, Maschinen, Hallen und Gewächshäuser, die zukünftig gebaut werden sollen. Mitglieder zahlen neben ihrem Genossenschaftsanteil monatlich, quartalsweise, halbjährlich oder jährlich ihren Beitrag an den Gesamtkosten des Projektes. Die Kosten für einen Ernteanteil für ein bis zwei Personen liegt gegenwärtig zwischen 10 und 15 Euro pro Kiste.

Die KoLa Leipzig ist eine von bisher elf Solawi-Genossenschaften, die sich zusammengeschlossen haben und damit einen eigenen Zweig im Netzwerk Solidarische Landwirtschaft bilden. Ziel der Genossenschaften ist es, über das Konzept zu informieren, für die Idee zu werben, Interessierte bei einer Neugründung zu unterstützen und Antworten auf folgende Fragen zu geben: Warum eignet sich die Rechtsform der Genossenschaft gut für Initiativen der Solidarischen Landwirtschaft? Und wie können die Genossenschaften so gestaltet sein, dass sie die Mitglieder zur Teilhabe ermutigen und dazu beitragen, die Art, wie wir wirtschaften, zu verändern?

Erfolg durch Mitbestimmung
Simon Scholl gibt eine Führung auf dem Hof des Kartoffelkombinats. © Michael Kuhlmann„Die Vernetzung der verschiedenen Solawi-Genossenschaften ist eine wichtige Bedingung dafür, dass sie ihren transformativen Charakter entfalten und erhalten", sagt Burghard Flieger. Er arbeitet für die innova eG, eine Genossenschaft, die andere Genossenschaften berät, Gründungsseminare durchführt und in dem Bereich forscht. Seit 35 Jahren beschäftigt er sich speziell mit Genossenschaften, die einen gemeinschaftsorientierten, sozialen und ökologischen Fokus haben. Transformativ zu sein, bedeutet, dass die Initiativen nicht in der Nische bleiben, sondern auch nach außen wirken und verändern. Dafür sei es wichtig, Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit zugunsten zukunftsfähiger ökonomischer Strukturen zu machen, erklärt Flieger.

Ein anderer Aspekt sind die Strukturen innerhalb der Genossenschaft: Wie sehr können sich die Solawi-Mitglieder einbringen, bei welchen Entscheidungen können sie mitbestimmen? Immer mehr Solawi-Genossenschaften schreiben sich die selbstgegebenen Regeln gleich in ihre Satzung.
 
Die Mitglieder als oberste Instanz
Flieger empfiehlt zum Beispiel, in der Satzung festzulegen, bei welchen Entscheidungen die Mitglieder zustimmen müssen. "Es gibt Wohnungsgenossenschaften, die einen großen Teil ihres Wohnungsbestands verkaufen können, ohne die Mitglieder zu fragen. Das ist nicht partizipativ”, betont Flieger. Bei den Solawi-Genossenschaften könnten das zum Beispiel Entscheidungen zu Grundsätzen der Produktion sein, wie hoch der Anteil an zugekauftem Gemüse sein darf, aber auch der Zukauf oder Verkauf von Land und so weiter. Dieser Grundsatz ist auch den Gründer*innen der KoLa Leipzig wichtig. "Oberste Instanz sind die Mitglieder”, sagt Eva Köhler. "Sie bestimmen, wer die Genossenschaft führt. Wir sind zwar gerade im Vorstand, aber wir sind auch wieder abwählbar und haben eine befristete Amtszeit.”

Die Solidarische Landwirtschaft funktioniert zwar in jeder Rechtsform, zum Beispiel auch als Verein. Sobald die gemeinschaftsgetragene Initiative aber wachsen will, vielleicht Flächen pachtet oder Gewächshäuser baut, stoßen andere Rechtsformen schnell an ihre Grenzen. "Immer wenn man mit vielen Menschen gleichberechtigt wirtschaftlich tätig werden will, haftungsbegrenzt und mit unkompliziertem Ein- und Ausstieg, ist die Genossenschaft die Rechtsform, die am besten passt", erklärt Flieger.

Alles in den Händen der Mitglieder
Ein wichtiges Kennzeichen von Genossenschaften ist das so genannte Identitätsprinzip – die Mitglieder sind gleichzeitig Eigentümer*innen und Kund*innen. Bei Solawi-Genossenschaften geht dieser Gedanke noch weiter: Die Mitglieder können gleichzeitig Eigentümer*innen, Erzeuger*innen und Verbraucher*innen sein – in manchen Fällen zusätzlich noch Manager*innen. Da die Konsument*innen zu Produzent*innen werden und sich auch die Rolle der Mitarbeiter*innen in der Landwirtschaft emanzipiert und verändert, entstehen neue Beziehungsstrukturen zwischen den verschiedenen Gruppen und in jeder einzelnen Person. "Vor diesem Hintergrund kann es sinnvoll sein, bestimmten Gruppen besondere Rechte einzuräumen”, meint Genossenschaftsexperte Flieger.

Das hat auch die KoLa Leipzig gemacht. Sie wollten ihre Mitarbeiter*innen stärken und haben deshalb ihnen – und nicht wie sonst üblich dem Aufsichtsrat oder der Generalversammlung – das Recht eingeräumt, die Mitglieder des Vorstands zur Wahl vorzuschlagen. Außerdem gibt es einen Beirat der Mitarbeitenden. Köhler sagt: "So wollen wir ausschließen, dass die Mitarbeitenden einen Vorstand haben, mit dem sie sich nicht identifizieren können.”

Ein neues Verständnis
"Generell haben die genossenschaftlichen Solawis natürlich auch inhaltlich einen transformativen Charakter”, ergänzt Flieger. "Die Mitglieder bekommen ein anderes Verständnis für die Erzeugung ihrer Lebensmittel, als wenn sie im Supermarkt einkaufen.” Dadurch, dass die Mitglieder auf dem Acker mithelfen können und Teil einer Gemeinschaft werden, wirke der Solawi-Ansatz der Anonymisierung und der Vereinzelung in unserer Gesellschaft entgegen. 

Die Besucher bekommen Einblicke in ein Gewächshaus des Kartoffelkombinats. © Michael KuhlmannEinige Vertreter der Solawi-Genossenschaften wollen das Konzept gemeinschaftsgetragener Wirtschaft gerne auf andere Wirtschaftsbereiche ausweiten. Analog zu dem englischen Begriff "community supported agriculture” (CSA) heißt das Konzept CSX. Ein Beispiel dafür ist die Fahrradwerkstatt Radau in Marburg. Hier kann man Mitglied werden und zahlt dann einen monatlichen oder jährlichen Beitrag. Davon zahlt das Team die Miete, den Lohn, Stromkosten – alles, was anfällt. Radau ist zwar keine Genossenschaft, geht aber mit dem gemeinschaftsgetragenen Wirtschaften einen innovativen Weg, wie immer mehr Initiativen. Simon Scholl, Mitgründer des Münchner Kartoffelkombinats, der ersten und größten Solawi-Genossenschaft in Deutschland, Initiator des Netzwerks Solawi-Genossenschaften und Teil des CSX-Thinktanks gemeinschaftsgetragen.de, sieht Solawis als Reallabore und Brutstätten für gemeinschaftsgetragenes Wirtschaften.
 
”Mit Hilfe dieser neuen Wirtschaftsweise jenseits anonymisierter Marktbeziehungen werden immer mehr regionale und resiliente Grundversorgungsstrukturen entstehen”, sagt Scholl. "Insbesondere der integrative und gemeinschaftsorientierte Ansatz der genossenschaftlichen Solawis, in dem die Mitglieder im übertragenen Sinne selbst zu Landwirt*innen werden und gemeinschaftlich das unternehmerische Risiko teilen, könnte einer breiten Masse von Menschen dabei helfen, unsere aktuell wachstumszentrierte und damit zerstörerische Lebens- und Wirtschaftsweise abzulegen.” Auf der anderen Seite helfe der Ansatz dabei zu erlernen, wieder mehr Verantwortung zu übernehmen, sich einzubringen und teilzuhaben an selbstverwalteten Versorgungsstrukturen, die unmittelbare Bedürfnisse vor Ort gemeinsam, ökologisch und sozialgerecht erfüllen.

Katharina Mau arbeitet als freie Journalistin mit den Schwerpunkten Klimakrise und sozial-ökologische Transformation. Sie macht ehrenamtlich Öffentlichkeitsarbeit für das Netzwerk Solawi-Genossenschaften und hat den Text in dessen Auftrag geschrieben.

Gesellschaft | Pioniere & Visionen, 01.06.2021
Dieser Artikel ist in In einer Zeit, in der Angst Einzug in der Gesellschaft hält, macht forum Nachhaltig Wirtschaften 02/2021 Mut. - Sicher!? erschienen.
     
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