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Freiwillige CO2-Kompensation

Grünes Feigenblatt oder wirksames Mittel gegen Klimawandel und Armut?

Ob bei der Paketbestellung, Fahrt mit dem Fernbus, Langstreckenflug oder Flottenmanagement: An vielen Stellen bietet sich die Möglichkeit, entstehende CO2-Emissionen freiwillig zu kompensieren. Ist das ein gangbarer Weg oder sind verpflichtende Kompensationen der einzig sinnvolle Weg in die Zukunft?

Mehrere Hundert Millionen Menschen leben trotz der internationalen entwicklungspolitischen Bemühungen noch immer in Armut und der Klimawandel verschärft diese Diskrepanz noch weiter. © Klima-KollekteDer Klimawandel mit seinen umfassenden Auswirkungen in ökologischer, sozialer und wirtschaftlicher Konsequenz wird als eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gewertet. Kaum ein Bereich des gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Lebens wird davon in den nächsten Jahrzehnten unberührt bleiben. Dies geschieht in einem starken globalen Ungleichgewicht: Während die Industrieländer mehr und mehr Treibhausgase ausstoßen, sind es gerade die weitgehend armen Bevölkerungsschichten in den Entwicklungsländern, die unter den Folgen besonders leiden. Trotz der internationalen entwicklungspolitischen Bemühungen leben noch immer mehrere Hundert Millionen Menschen in Armut und der Klimawandel verschärft diese Diskrepanz noch weiter. Die bisherigen internationalen Instrumente und Strategien zur Bekämpfung von Klimawandel und Armut haben es nicht vermocht, den Ausstoß von CO2-Emissionen in der eigentlich notwendigen Geschwindigkeit zu mindern und die Lebensbedingungen der Menschen ausreichend zu verbessern. Es ist eine ökosoziale Kehrtwende vonnöten, die in den westlichen Industrieländern tiefgreifende Veränderungen der Produktions- und Lebensweise bedeutet. Gleichzeitig muss der CO2-Ausstoß des globalen Wirtschaftssystems verringert und damit dem Klimawandel Einhalt geboten werden.

C02-Kompensation: Chance für die Sustainable Development Goals
Im Rahmen des Kyoto-Protokolls zur Minderung der Treibhausgasemissionen wurde mit dem Mechanismus für eine umweltverträgliche Entwicklung (Clean Development Mechanism, CDM) ein Instrument geschaffen, das den Industrieländern ermöglicht, Klimaschutzprojekte in Entwicklungsländern durchzuführen. Damit sollen sie ihren Emissionsverpflichtungen nachkommen und zu einer weltweiten Verbreitung sauberer Technologien beitragen. Neben den verpflichtenden Maßnahmen für bestimmte Industriezweige spielt in diesem Zusammenhang das Prinzip der CO2-Kompensation auf dem sogenannten freiwilligen Kompensationsmarkt eine wesentliche Rolle. Bei diesem Verfahren gleichen Firmen, Organisationen und Privatpersonen die von ihnen verursachten CO2-Emissionen durch Emissionszertifikate aus Klimaschutzprojekten auf freiwilliger Basis aus.

2015 beschloss die UN-Vollversammlung 17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDG), die neben sozialen auch ökonomische sowie ökologische Gesichtspunkte enthalten. Da Klimaschutz und Entwicklungszusammenarbeit untrennbar miteinander verbunden sind, ist der freiwillige Ausgleich eine handhabbare Möglichkeit, um einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten und gleichzeitig die Armut in Ländern des globalen Südens zu mindern.

Wer trägt gerne Verantwortung?
Abgrenzend zum verpflichtenden Emissionshandel gründen freiwillige Kompensationen auf der Wahrnehmung von Verantwortung. Das Prinzip des freiwilligen Marktes beinhaltet, dass Emissionsquellen aus Strom- und Wärmeerzeugung, Mobilität, Herstellungsprozessen oder etwa Veranstaltungen, die selbst bei bestem Willen und hohem technischem Aufwand nicht weiter vermieden oder reduziert werden können, freiwillig kompensiert werden.

Das bedeutet im Klartext: Die Menge an Treibhausgasemissio­nen, die durch eine Person oder Organisation in Industrie­ländern verursacht wird, an einer anderen Stelle der Welt zu vermeiden oder der Atmosphäre zu entziehen. Freiwillig meint in diesem Zusammenhang, dass es keine rechtliche Verpflichtung gibt, auf der der Ausgleich der Emissionen beruht. Doch wer macht das schon freiwillig und sind diese Maßnahmen ausreichend?

Freiwillige Kompensation in Deutschland
Laut Umweltbundesamt kann die „freiwillige Treibhauskompensation als weiterer Mechanismus für den Klimaschutz entscheidend zu effizienter Vermeidung von Emissionen beitragen und gleichzeitig weitere positive Nebeneffekte erzielen". Der Markt für freiwillige Kompensationen in Deutschland ist deshalb groß, divers und ständig wachsend: Ob Emissionsausgleich von Flugreisen, klimaneutraler Versand, CO2-neutrale Webseiten, Druckprodukte oder ­Bäckereitüten, die klimaneutral hergestellt wurden: Sie alle entstammen dem Gedanken der freiwilligen Kompensation. Unternehmen und Organisationen beteiligen sich an diesem Markt im Zuge ihrer Selbstverpflichtungen zu nachhaltiger Entwicklung. Es handelt sich um freiwillige Leistungen, die nicht an die staatlichen Verpflichtungen aus dem Kyoto-Protokoll gebunden sind.

Vorbereitung für den Bau einer lokalen Biogasanlage. © Klima-KollekteBeispiele hierfür sind das gogreen-Programm der Deutschen Post, das Ökostromprogramm der Deutschen Bahn, die Kompensation für das vorliegende forum Magazin, aber auch die komplette Klimaneutralität von Produkten oder Unternehmen (forum berichtete dazu mehrfach). Deutschlandweit agieren rund 20 Anbieter von Kompensationsleistungen mit einem breit gefächerten Portfolio. Dabei ist kritisch zu bewerten, dass es keine Verpflichtung für eine externe Zertifizierung und Überprüfung und keine einheitlichen Siegel und Standards für die freiwilligen Kompensationen gibt. Dies führt die kompensationswilligen Unternehmen und Privatpersonen in einen intransparenten und unübersichtlichen Markt mit einer Vielzahl individueller Kompensations- und Prüfverfahren sowie mehreren, zum Teil konkurrierenden Standards. Als hochwertiger Qualitätsstandard gilt übergreifend der „Gold Standard", der vom WWF und weiteren Nichtregierungsorganisationen initiiert wurde und in zentralen Punkten, insbesondere hinsichtlich Nachhaltigkeit vor Ort, über die Anforderungen des im Rahmen des Kyoto-Protokolls entwickelten Clean Development Mechanism (CDM) hinausgeht.

Klimaschutzprojekte variieren stark
Die lokale Bevölkerung kann kleine Biogasanlagen selbst erstellen und betreiben. © Klima-KollekteFür die freiwillige Kompensation werden von unterschiedlichen Anbietern je nach Standard und Projekt unterschiedliche Zertifikatstypen und Preise benutzt. Kennzeichnend für den Markt ist, dass Aspekte, wie beispielsweise die nachhaltige Entwicklung im Durchführungsland sowie ökologische und soziale Aspekte, unterschiedlich berücksichtigt werden. Zwar steht immer die Tatsache im Vordergrund, dass Emissionen vermieden werden, die sonst die Atmosphäre belastet hätten und somit ein Beitrag zum Schutz des Klimas geleistet wird. Doch der Kompensationsbeitrag fließt in die unterschiedlichsten Klimaschutzprojekte und fördert entweder die Energie-Effizienz oder Erneuerbare Energien. Konkret handelt es sich bei den Projekten beispielsweise um den Bau und die Installation von Biogas-, Photovoltaik- oder Windkraftanlagen, energieeffizienten Brennholzöfen oder Beleuchtungssysteme in Ländern wie Indien, China, der Türkei oder Brasilien. Eine andere Form des Emissionsausgleichs kann über die Aufforstung von Waldflächen oder auch den Erhalt von bestehenden Waldflächen betrieben werden. Erfolgt hier die Ausstellung der Zertifikate „ex ante", also im Voraus für eine geplante Emissionsminderung, so stellt dies einen Unsicherheitsfaktor dar, da sich die Dauerhaftigkeit und die Verlagerung nicht absolut gewährleisten lassen. Bei der Ausstellung „ex post" entfällt dies. Allen Projekten ist gemein, dass sie neben dem Klimaeffekt auch einen mehr oder weniger starken Entwicklungseffekt beinhalten. Das sollte bei der Auswahl der Projekte berücksichtigt werden.

Co-benefits der Klimaschutzprojekte in Entwicklungsländern
Biogasanlagen liefern saubere Energie und produzieren zusätzlich Biodünger. © Klima-KollekteKlimaschutzprojekte zur Kompensation von Treibhausgasen haben unterschiedliche soziale, ökologische und ökonomische Zusatznutzen (Co-benefits) und können mit diesen Effekten weit über das originäre Ziel der Klimagasreduktion hinausreichen:
  • Der Zugang zu Energie in Gebieten ohne Anschluss an ein lokales Stromnetz sowie die Verbreitung sauberer und effizienter Technologien werden durch die Projekte gefördert.
  • Die Schaffung von Arbeit und zusätzlichem Einkommen durch die Projektimplementierung und die Wartung schaffen langfristige Entwicklungsperspektiven. Eine im Projekt verankerte kostenlose Wartung und Reparatur der Anlagen sichert deren Erhalt.
  • Eine verringerte Abholzung geht einher mit einer verminderten Boden- und Wasserdegradation. So wird die Biodiversität erhalten und aufgewertet sowie die Luftqualität verbessert.
  • Durch den Ersatz von Kerosin, Brennholz und Treibstoffen werden finanzielle Einsparungen erreicht, die Ausgaben für Nahrung und Bildung freigeben.
  • Auf der sozialen und medizinischen Ebene liegen die größten Vorteile in einem verbesserten Gesundheitsschutz (Reduzierung von Abgasen, Rauch und Verbrennungen).

Kompensationsmaßnahmen wirken auf mehreren Ebenen
 Noch immer wird Holz zum Kochen benutzt und damit ein ­wertvoller Rohstoff verbrannt. Die offenen Feuerstellen sind schlecht für Gesundheit und Umwelt. Abhilfe können kleine, lokale Biogasanlagen schaffen, die von der Bevölkerung selbst erstellt, betrieben und genutzt werden. © Klima-KollekteBetrachtet man die Projekte ganzheitlich, so fällt auf, dass sie zu einer verbesserten Lebensqualität der beteiligten Familien, insbesondere der Frauen und Kinder, beitragen. Das Beispiel der energieeffizienteren Öfen zeigt: Durch das zeitsparende Kochen und Säubern der effizienten Herde entstehen zeitliche Freiräume, die für die Familie, den Zugang zu Bildung und für die zusätzliche Einkommensgenerierung genutzt werden können. Zusätzlich werden die Abholzung der Wälder und die Gesundheitsbelastung reduziert. Bei den in der Forschungsarbeit untersuchten Projekten der Kategorie Energieeffizienz liegen die Vorteile also direkt bei den Haushalten.

Photovoltaik- und Biogasanlagen erzeugen einen Zugang zur Energieversorgung, liefern moderne und saubere Energie und bedingen so eine ökologische Modernisierung in den Projektgebieten sowie zusätzliches Einkommen. Die Biogasanlagen produzieren außerdem Biodünger, der sich produktiv auf die Erträge in der Landwirtschaft auswirkt. Mit den Anlagen entstehen den Menschen eine Reihe von weiteren Vorteilen: Die eigenständige Nutzung bedeutet eine Kapazitätsentwicklung der Teilnehmenden im Sinn einer erweiterten sozio-ökonomischen Teilhabe. Die Übertragung von Verantwortung für Technologie und Handhabung auf die Beteiligten fördert deren Ermächtigung (Empowerment). Die Produkte wie Biogasanlagen oder Kocher bleiben über die Laufzeit des Projektes hinaus bestehen und tragen langfristig zu Klimaschutz und sozialer Verbesserung bei.

Für die Fortentwicklung weiterer Klimaschutzinstrumente lässt sich aus dem freiwilligen Kompensationsmarkt ableiten, dass die so genannten Co-Benefits ein Bestandteil eines jeden Klimaschutzprojektes sein sollten. Durch den Ausgleich der CO2-Emissionen auf dieser Basis können Unternehmen ihren Beitrag zu Nachhaltigkeit und Klimagerechtigkeit leisten.
 
Lesen Sie dazu auch den Beitrag "Auf Qualitätsstandards achten!".

Dr. Olivia Henke hat 2016 an der Freien Universität Berlin am Forschungszentrum für Umweltpolitik zum freiwilligen Kompensationsmarkt in Deutschland und den Armutswirkungen von freiwilligen Klimaschutzprojekten promoviert. Sie arbeitet als Geschäftsführerin für die gemeinnützige Klima-Kollekte – Kirchlicher Kompensationsfonds.


Wirtschaft | CSR & Strategie, 01.12.2017
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 04/2017 - Jetzt die SDG umsetzen erschienen.
     
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