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Kapitalrisiko

"Stranded Assets"

Ein Schreckgespenst geistert durch den Kapitalmarkt: Assets, die plötzlich an Wert verlieren oder mit unwägbaren Risiken verbunden sind. Im Zuge von Klimaschutz und Dekarbonisierung muss die Kohle im Boden bleiben – die bereits bilanzierten Werte der Abbaurechte platzen als Blase. Doch nicht nur Kohle kann damit zum Bumerang für Anleger werden, auch für die Ölindustrie droht eine Kohlenstoffblase. Wird diese auch den Transportsektor beeinflussen? 
Von Hannah Helmke, Sebastian Müller & Carsten Deckert

Die Energiewende in Deutschland wird seit ihrem Beschluss im Jahre 2011 trotz aller Kritik als wichtige Starthilfe für die globale Ausbreitung erneuerbarer Energien genannt. Das in Deutschland eingeführte Modell der Einspeisevergütung hat in der Bilanz die Bundesregierung ihren Umweltzielen ein deutliches Stück nähergebracht und damit der Welt Mut gemacht, alternative Energiewege zu gehen. 60 Prozent der weltweiten Investitionen in die Energiebranche gingen 2015 in zukunftsfähige, erneuerbare Anlagen und Experten erwarten ein rosarotes Jahr 2016. Erneuerbare Energien stehen im Rampenlicht einer jeden Wirtschaftsstrategie, die im Angesicht der massiven Bedrohungen des voranschreitenden Klimawandels für Zuversicht sorgen soll. 

Fossile Brennstoffe – Kohle, Öl und Gas – stehen als Verlierer im Schatten, der sich langsam aber sicher über die „schmutzige Branche" und deren Gläubiger ausbreitet. Aufgrund fallender Rohstoffpreise, klimafreundlicherer Gesetze, marktreifer Alternativtechnologien und verändertem Anlegerverhalten sind allein in den USA im letzten halben Jahr 41 Öl- und Gasfirmen insolvent gegangen, wobei sogar die Großen der Branche wie Shell, ExxonMobil oder BP 20 bis 40 Prozent ihres Börsenwertes eingebüßt haben. Die Kohleindustrie als Vertreter des CO2-intensivsten fossilen Brennstoffes zeigt den deutlichsten Rückgang auf. In der jüngsten Insolvenz von Arch Coal als zweitgrößter Kohlelieferant der USA wird bereits das Ende einer ganzen Ära gesehen. 
 
Foto: © ende-gelaende.org 

Die Todesspirale
Für die fünf größten kohleverarbeitenden Stromproduzenten Europas (E.ON, GDF Suez, EDF, RWE und Enel) wird diese Systematik vor allem in Form der sogenannten „Utility Death Spiral" (Todesspirale) spürbar: Durch effektive Subventionen und verbesserte Marktwirtschaftlichkeit haben erneuerbare Energien Marktanteile nuklearer und fossiler Elektrizität übernommen. Gleichzeitig werden durch die vermehrte Nutzung erneuerbarer Energien in Form von dezentralen Versorgungsstrukturen die konstanten Netzentgelte auf weniger Verbraucher verteilt, was eine Erhöhung des konventionellen Strompreises verursacht. Folge davon ist wiederum eine vermehrte Nachanfrage grüner Stromanbieter. 

Der ökonomische Durchbruch erneuerbarer Energien führt somit dazu, dass vorgesehene Kapazitäten konventioneller Kraftwerke nicht genutzt werden können, sich deshalb nicht mehr rechnen und vorzeitig abgeschrieben werden müssen. Dieser bedeutsame Effekt wird von dem Think Tank Carbon Tracker Initiative (CTI) als „stranded assets" definiert. „Gestrandetes Kapital" meint aus fossilen Brennstoffen gewonnene Energie sowie Erzeugungsressourcen, die aufgrund des Übergangs zu einer CO2-armen Wirtschaft, den damit verbundenen Klimaregularien und veränderten Marktbedingungen vor Ende ihrer vorgesehenen Nutzungsdauer nicht mehr ihre notwendige Rendite erzielen können. Soll das international beschlossene 2°C-Ziel erreicht werden, dürfen circa 80 Prozent aller fossilen Brennstoffreserven börsennotierter Rohstoffkonzerne nicht verbrannt werden. Eine sogenannte Kohlenstoffblase entsteht damit durch die nunmehr offensichtliche Überbewertung dieser Konzerne am Markt (siehe Grafik). 

Moorburg – ein Waterloo für Vattenfall
Diese Definition geht weit über theoretische Annahmen hinaus: Als Paradebeispiel gilt das vom Energiekonzern Vattenfall im Jahr 2015 in Moorburg in Betrieb genommene Kohlekraftwerk. Analysen der CTI ergeben, dass Marktbedingungen unter dem Einfluss internationaler Klimaziele die Wirtschaftlichkeit des Kraftwerks stark untergraben könnten. Das Kraftwerk gilt daher als potentiell gestrandetes Kapital, was Investoren beunruhigt. Nach einer jüngsten Umfrage der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft E&Y benennen 62 Prozent der befragten institutionellen Investoren gestrandetes Kapital als ein generelles Risiko. Anlagegesellschaften mit einem verwalteten Kapital von 3,4 Billionen US-Dollar haben die Absicht erklärt, ihre Investitionen aus der fossilen Brennstoffbranche abzuziehen. Vor diesem Hintergrund verkaufte kürzlich der Versicherungskonzern AXA als erste globale Finanzinstitution Beteiligungen im Wert von 500 Millionen Euro. 

Die Zukunft der Transportunternehmen
Infos zum Thema finden Sie im Buch „CSR & Logistik", das in der Management-Reihe CSR des Springer-Verlags erschienen ist. Das Buch umfasst die Bereiche Green Logistics und City-Logistik und beschäftigt sich auch mit den Themen Carbon Footprint in der Logistik, Nachhaltiges Transportmanagement, Nachhaltiges Lagermanagement sowie Nachhaltiges Verpackungsmanagement. Damit deckt es die gesamte Bandbreite der logistischen Aktivitäten ab und gibt einen aktuellen Überblick über Methoden, Technologien und Maßnahmenbeispiele für eine innovative, nachhaltige Logistik.
 
 
 
Carsten Deckert (Hrsg.) 
Spannungsfelder Green Logistics und City-Logistik. 
 
Reihe: Management-Reihe Corporate Social Responsibility. 
Springer Gabler 2015 
Experten machen darauf auf­merksam, dass nicht nur die von der Kohle abhängige Energiebranche dekarbonisiert werden muss, sondern auch in anderen wirtschaftlich relevanten Branchen alternative Energieträger gefunden werden müssen, um internationale Klimaziele erreichen zu können. So auch im Transportsektor, der derzeit zu 97 Prozent auf Öl basiert und damit ein ähnliches Abhängigkeitsverhältnis von einem fossilen Brennstoff aufweist wie der Energiesektor. Deshalb stellt sich die Frage, ob sich das für die Energiebranche beschriebene Szenario in seiner Systematik auf die Transportbranche ausweitet und auch hier mit gestrandetem Kapital gerechnet werden muss. Oder anders gefragt: Was sind die erneuerbaren Energien des Transportsektors und werden sie einen ähnlich disruptiven Effekt auf dessen Kapitalstruktur haben?

Das World Economic Forum (WEF) schätzt, dass durch Logistikaktivitäten jährlich etwa 2.800 Mt Treibhausgase ausgestoßen werden. 90 Prozent davon werden durch Transporte verursacht, ein Großteil durch den Straßenverkehr. Dies liegt daran, dass der Transport auf der Straße mit Verbrennungsmotor immer noch die am meisten genutzte Transportart darstellt. So wurde in Deutschland 2013 fast 80 Prozent der Beförderungsleistung (gemessen in tkm) auf der Straße erbracht. Andere Transportmodi wie Schiene oder Binnenschifffahrt liegen weit dahinter zurück. Ähnliche Größenordnungen ergeben sich auch in den weiteren 27 Mitgliedsstaaten der EU.

Erste Anzeichen in Form von strikter werdenden Regularien, welche die Nutzung klimaschädlicher Transportmittel sanktionieren und zur selben Zeit die Entwicklung alternativer Transportmöglichkeiten vorantreiben, sprechen deutlich für eine Vergleichbarkeit der Szenarien bei Energie und Transport. So werden Stimmen laut, die bestehende Vorgaben für effiziente(re) Kraftstoffe, CO2-Standards für neue Fahrzeuge oder CO2-Steuern im Transportsektor als unzureichend bezeichnen, da sie den steigenden Verbrauch von Öl als dessen Grundlage nicht entscheidend in Frage stellen. Deshalb zielen neueste Entwicklungen in den USA auf die Integration des Transportes in Programme zur Dekarbonisierung ab. New York und vier weitere Staaten planen einen aggressiven Preis auf Emissionen von Pkws, Lkws, Zügen und anderen Fahrzeugen, wodurch 3 Milliarden US-Dollar pro Jahr eingenommen werden sollen, die für die Subvention alternativer Transportmittel vorgesehen sind. Für die Ölindustrie bedeutet das die zunehmende Übernahme wertvoller Marktanteile durch alternative Antriebe. Das Szenario erinnert damit stark an die Situation der europäischen Energiefirmen direkt vor dem Durchbruch erneuerbarer Energien.
 
Welche Transportunternehmen erkennen als erste die Zeichen der Zeit? Foto: © Carsten Deckert 2016 

Die Wette gilt!
Mit ihrer starr auf Erdöl basierten Expansion und ihrer Ignoranz gegenüber der Bedeutung des Klimawandels schließen die großen Ölkonzerne eine gefährliche und grob fahrlässige Wette ab: Weder gesetzliche Vorgaben noch verändertes Verbraucherverhalten hält sie davon ab, mehr Öl zu verkaufen, als für die Vermeidung gefährlicher Klimaveränderungen verbrannt werden darf. Damit wetten sie auch gegen alternative Konzepte im Transportbereich, was als Signal für die Transportbranche irreführend sein kann. Erkennt diese nämlich ebenfalls nicht die Zeichen der Zeit, werden Investitionen, genau wie in der Energiebranche damals, in Wirtschaftsgüter geleitet, die den sich im Wandel befindenden Gesetzen und Marktbedingungen nicht standhalten können. Aus einer Studie der Fraunhofer-Arbeitsgruppe für Supply Chain Services SCS geht hervor, dass Nachhaltigkeitsmaßnahmen von Logistikdienstleistern im Bereich Fuhrpark und Transport derzeit häufig nur punktuelle Einzelmaßnahmen, wie zum Beispiel Fahrerschulung und andere Bereifung, oder Maßnahmen der Transportplanung sind, wie beispielsweise verbesserte Routenplanung und Vermeidung von Leerfahrten. Eine Verlagerung der Transporte auf umweltfreundlichere Verkehrsträger und der Einsatz alternativer, umweltfreundlicher Antriebe werden bisher weniger häufig bis selten erwogen.

Platzt die Blase… 
Das Moorburg der Transportbranche wären dementsprechend fehlgeleitete Gelder in ineffiziente Flotten oder Infrastruktur, welche auf die Nutzung konventionellen Transportes ausgelegt sind. Sowohl Flotten als auch Infrastruktur müssen über ihre Nutzungsdauer eine vorher festgelegte Rendite erfüllen, um Gläubiger zufriedenzustellen. Die Kombination aus klimafreundlichen Gesetzen mit veränderten Marktbedingungen und häufigerem Aufkommen von Stürmen, Fluten und Dürren würde nicht nur steigende Rohstoffpreise, sondern auch die Übernahme von Marktanteilen durch alternative Transportkonzepte und steigende Wartungskosten für von Klimaschäden betroffene Infrastruktur bedeuten. Frühzeitige Abschreibungen und damit gestrandetes Kapital wären die Konsequenz. Inwiefern Renditeerwartungen, die solche Effekte falsch einkalkuliert haben, dann noch erfüllt werden, ist fraglich. Gewinnt die Ölindustrie ihre Wette, muss mit einem Ausmaß globaler Emissionen gerechnet werden, das den Klimawandel in seiner Wucht deutlich verstärkt. Verliert die Ölindustrie ihre Wette, muss mit dem Platzen der Kohlenstoffblase und damit mit gestrandetem Kapital in der Branche selbst und auch in abhängigen Sektoren gerechnet werden. 

… oder das Klima?
Das WEF sieht konsequenterweise Clean Vehicle Technologies auf Platz eins einer Liste von Gelegenheiten zur Dekarbonisierung der Supply Chain. Daher sollte sich die Transportbranche versichern, indem sie ihren Modal Split verändert, z.B. durch verstärkte Beförderung mit Bahn und Schiff, und indem sie in alternative Konzepte investiert, wie z.B. Elektromobilität, Hybridantriebe oder Brennstoffzelle. Im Bereich der City-Logistik sind sogar noch radikalere Ansätze wie beispielsweise die Verlagerung des Güterverkehrs unter die Erde durch elektrisch betriebene unbemannte Caps wie zum Beispiel CargoCap in Deutschland oder Cargo Sous Terrain in der Schweiz denkbar. Große Kurier-Express-Paket-Dienstleister wie DHL oder UPS experimentieren bereits mit verschiedenen alternativen Antrieben (wie z.B. Elektrofahrzeuge, Cargo-Bikes oder Biomethan-Fahrzeuge). Als deutliches Zeichen für die Wichtigkeit dieses Themas kann die Übernahme der StreetScooter GmbH durch DHL angesehen werden, mit der sich DHL im Bereich der Elektromobilität stark positioniert. Es gibt Stromfirmen, wie z.B. EDF, die früh erkannt und gehandelt haben und die heute nicht schlecht dastehen. Es darf mit Spannung erwartet werden, wer dies in der Transportbranche sein wird.
 
 
Hannah Helmke...
...arbeitet seit Oktober 2015 als Beraterin in einem IT-Dienstleistungsunternehmen, wo sie sich intensiv mit den Anforderungen an die technische Unterstützung von nachhaltigen Wirtschaftsweisen beschäftigt. Seit geraumer Zeit setzt sie sich intensiv mit den Themen Verzahnung von Markt, Klimawandel und entsprechenden Unternehmensstrategien auseinander.

Sebastian Müller...
...ist als Jurist im Bereich des internationalen Steuerrechts mit dem Fokus auf steueroptimierende Unternehmensstrukturierung in einer Frankfurter Kanzlei tätig. 

Carsten Deckert...
...ist Professor für Logistik und Supply Chain Management sowie Mitglied des Senats und Leiter des Forschungsclusters Value Chain Management an der Cologne Business School (CBS). Er ist Herausgeber des Buches „CSR & Logistik", das 2015 im Springer-Verlag erschienen ist.
 

Lifestyle | Geld & Investment, 01.05.2016
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 02/2016 - Zukunft gestalten erschienen.
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