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Quantifizierung ökologischer Aspekte in der Unternehmensführung

"Ökonomen kennen den Preis von allem und den Wert von nichts"

Oscar Wilde charakterisierte unsere Zunft wie folgt: "Ökonomen kennen den Preis von allem und den Wert von nichts". Vermutlich wollte er damit zum Ausdruck bringen, dass der Preis nicht immer den Wert widerspiegelt. Und dem stimmen wir sicher zu. Was kostet ein Glas Wasser aus dem Wasserhahn? Bei beispielsweise 2 Euro pro Kubikmeter in Dresden kostet ein 0,2 l Glas 0,04 Cent. Doch: Ohne Wasser könnten wir nicht überleben.

Die durch das Wirtschaften verursachten Natur-Schäden müssen bewertet werden und in das Gesamtergebnis von Unternehmen einfließen. Erst dann wird das gesellschaftliche Gesamtergebnis des Unternehmens sichtbar und spiegelt sich im Börsenwert wider.
Foto: © AVTG by istockphoto.com
Und so spiegelt tatsächlich der Preis den Wert des Wassers für unser Überleben nicht wider. Bei seinem ersten Teilsatz möchte ich allerdings Oscar Wilde widersprechen. Denn Ökonomen kennen nur den Preis, wenn Güter oder Dienstleistungen knapp sind, wenn es einen Markt für sie gibt, wenn eine Nutzungskonkurrenz vorliegt und wenn Dritte von der Nutzung ausgeschlossen werden können. Hier zeigt sich schnell, dass die Quantifizierung unserer Umwelt an Grenzen stößt. Und so ist es nicht verwunderlich, dass aufgrund der aktuellen Wasserpreise in vielen Ländern unserer Erde die Grundwasserspiegel dramatisch fallen: durch die Bewässerung von Plantagen genauso wie durch die Nutzung in Haushalten und Unternehmen. So stellt sich die Frage, welchen Beitrag unsere Zunft zur Lösung dieser Herausforderungen leistet. Drei Wege der Quantifizierung erscheinen mir vielversprechend:


1. Differenziert abbilden, für welche ökologischen Ressourcen Unternehmen einen Preis zahlen

Immer dann, wenn ökologische Ressourcen bepreist sind, fließen sie bereits heute in Form von Material- und Energiekosten, aber auch als Abfall-, Abwasser- oder Emissionskosten in die Gewinn- und Verlustrechnung oder als Umweltschutztechnologien in die Bilanz ein. Und doch werden die Kosten oft nicht separat als umweltrelevant ausgewiesen. Und so können sie nicht als Grundlage für unternehmerische Entscheidungen herangezogen werden. Eine differenzierte Abbildung ermöglichen Kostenrechnungsansätze wie die nach DIN EN ISO 14051 normierte Materialflusskostenrechnung. Ziel dieser Methode ist es, Materialflüsse und Energieverbräuche separat auszuweisen und so den Entscheidungsträgern Ansatzpunkte zur Steuerung aufzuzeigen. Wenn beispielsweise 20% des eingekauften Materials aufgrund der technologischen Prozesse als Abfall entsorgt werden, entstehen nicht nur für die Entsorgung Kosten, sondern das Material muss auch eingekauft und verarbeitet werden. Somit kann das Unternehmen bei einer abfallärmeren Produktionsweise nicht nur Abfallkosten, sondern ebenso Einkaufs- und Personalkosten, aber auch Lager- und Transportkosten einsparen. Der wesentliche Unterschied zur traditionellen Kostenrechnung ist, dass Materialkosten und andere Kosten eines Prozesses nicht nur den Produkten zugerechnet werden, sondern auch den Material- und Energieverlusten. Weniger Produktionsabfall verringert die Eingangsmaterialien und eben auch Abfälle, Abwasser und Emissionen.


2. Abwägen, ob sich die freiwillige Internalisierung ökologischer Ressourcen lohnt

Doch lohnt sich vielleicht sogar eine freiwillige Internalisierung externer Kosten? Immer wenn ökologische Ressourcen nicht oder nur teilweise bepreist sind, stellt sich diese Frage. Hier kann die Berechnung eines sog. Nettoeffekts Entscheidungen unterstützen. Die Kosten des Tuns (Aktionskosten), die evtl. auf Dritte übergewälzt werden können (überwälzbare Kosten), sind mit den Kosten des Unterlassens (Sanktionskosten) zu vergleichen. So kann es für ein Unternehmen lohnend sein, freiwillig Umweltschutzmaßnahmen zu ergreifen, wenn die Kunden bereit sind, einen höheren Preis zu bezahlen und dieser Nettowert die ansonsten zu zahlenden Abgaben ausgleicht. Nachfolgende Abbildung stellt das Abwägen im Rahmen des Nettoeffekts dar:

Ökonomisch-ökologischer Nettoeffekt (Günther 2008)


3. Erweitern der Bewertung um nicht-monetäre Kennzahlen

Doch nicht immer können unsere ökologischen Ressourcen monetär dargestellt werden. So zeigt z.B die Studie von Rockström et al. (2009) zu den Grenzen unseres Planeten ("planetary boundaries"), welchen ökologischen Herausforderungen wir uns zu stellen haben: Klimawandel, Versauerung der Ozeane, Ozonabbau, Stickstoffkreislauf, Phosphorkreislauf, Frischwassernutzung, Landnutzung, Biodiversitätsverlust, Aerosolfrachten in der Atmosphäre, chemische Verschmutzung. Zwei Ergebnisse scheinen dabei für die Unternehmensführung interessant: In den Bereichen Klimawandel, Stickstoffkreislauf und Biodiversitätsverlust sind die Grenzen bereits überschritten, wohingegen die Bereiche Aerosolfrachten und chemische Verschmutzung noch nicht einmal in physikalischen Einheiten quantifiziert werden können. Eine Bepreisung und somit eine monetäre Entscheidungsgrundlage für die Unternehmensführung ist folglich lange nicht zu erwarten. Was bedeutet dies für die Unternehmensführung? Immer dann, wenn eine monetäre Bewertung nicht möglich ist, können die ökologischen Ressourcen zumindest identifiziert und beschrieben werden. Hierbei können Ursache-Wirkungs-Beziehungen verbal dargestellt werden (z.B. Welche Konsequenzen hat unsere Produktionsweise auf die Biodiversität?). Weiterhin können operative (z.B. CO2-Emissionen) und strategische (z.B. Anzahl der Standorte mit Umweltmanagementsystemen) Indikatoren den Umgang mit den ökologischen Ressourcen beschreiben. Schließlich können Ökobilanzen die Wirkungen einzelner Produkte und Prozesse oder auch ganzer Unternehmen auf verschiedene Umweltwirkungskategorien darstellen und dadurch mit physikalischen Daten unternehmerische Entscheidungen unterstützen.


Fazit

Nur wenn es uns gelingt, den Wert unserer Umwelt auf allen drei Wegen in unsere Entscheidungen einfließen zu lassen, werden wir der Aufforderung von Eugen Schmalenbach, einem der Väter der Betriebswirtschaftslehre gerecht: "Unsere Vorstellung von Erfolg muss ausgehen von der Natur des wirtschaftlichen Betriebes. Der wirtschaftliche Betrieb ist ein Bestandteil der Gesamtwirtschaft, dazu berufen, zu seinem Teil von den Aufgaben der Gesamtwirtschaft einen Teil zu übernehmen. Als Bestandteil der arbeitsteiligen Gesamtwirtschaft entnimmt er ihr Materialien und andere Leistungen und gibt dafür Fabrikate und andere Leistungen an die Gesamtwirtschaft zurück. Dabei soll ein Mehrwert erzielt werden; der Betrieb soll sich mehrend und nicht mindernd an der Gesamtwirtschaft beteiligen"

Auch wenn wir das Albert Einstein zugeschriebene Zitat unterstützen: "Nicht alles, das man zählen kann, zählt. Und nicht alles, was zählt, kann man zählen." sollten wir uns der Herausforderung stellen und ökologische Ressourcen wenn es sinnvoll ist quantifizieren, um sie in das unternehmerische Kalkül einfließen zu lassen.
 
Von Prof. Dr. Edeltraud Günther, Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Betriebliche Umweltökonomie, TU Dresden

Quelle:
Wirtschaft | CSR & Strategie, 22.01.2014

     
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