Wirtschaft | Marketing & Kommunikation, 12.08.2010
Ende der Eiszeit
Zeitungen und Gesellschaften brauchen Klimakultur
Das beste Beispiel für das langjährige Versagen von Journalisten in Sachen vernünftige Klimawandel-Berichterstattung bin leider ich. Die taz wurde 1979 von der Umweltbewegung gegründet und wuchs durch die Berichterstattung über die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl aus einem Bewegungsblatt zu einer überregionalen Qualitätszeitung der heutigen Größe und Bedeutung. Von außen betrachtet sollte man also denken, dass bei der taz ein einheitliches Bewusstsein über die Dringlichkeit einer Lösung des Klima- und Energieproblems besteht.
Theoretisch ja. Praktisch lebten auch in Redaktion und Leserschaft der taz Ökos und Ökoskeptiker jahrelang nebeneinander her. Manchmal kam der Ökoredakteur aus seinem Zimmer an den Blattmachertisch gerannt, wo die aktuelle Zeitung konzipiert wurde. Japsend und aufgeregt erzählte er von Emissionen und Zertifikaten. Ich schaute ihn an und dachte: Sicher wichtig, auch wenn ich keine Ahnung habe, wovon er da genau redet - und es eigentlich auch nicht wissen will.
Generell herrschte und herrscht nach meiner Einschätzung Sprachlosigkeit zwischen den Experten für das Thema und dem Rest von Redaktionen. Das ist neben der Komplexität des Themas ein Hauptgrund, warum die meisten Medien - eine große Ausnahme ist der britische Guardian - bis heute keine gute Klima-Berichterstattung machen. Diese Sprachlosigkeit entspricht der zwischen öko-affinen Bürgern und dem großen Rest der Gesellschaft. Das Problem ist ein generelles Fehlen von etwas, das ich individuelle und gesellschaftliche Klimakultur nenne.
Sprachlosigkeit durch Klimakultur überwinden
Klimakultur gehört zu den wichtigsten Werten, die Gesellschaften im 21. Jahrhundert brauchen. Es ist keine Frage von Moral, Zwang oder Verzicht. Es ist etwas, das zu einem modernen Leben und Denken, Konsumieren und Träumen gehört wie andere Dinge auch. Es braucht eine individuelle Klimakultur, um eine gesellschaftliche Klimakultur zu bekommen. Nur das wird die Ordnungspolitik ermöglichen und mittragen, die in Leitartikeln gern gefordert wird.
Wie es dazu kam, dass ich vom Öko-Ignoranten zum Klimakultur-Redakteur wurde, ist eine lange Geschichte. Jedenfalls sind begehrenswerte Häuser für mich heute solche, die Strom produzieren und nicht verbrauchen. Begehrenswerte Autos sind solche, die das Ende fossiler Energien nicht ignorieren, sondern überwinden. Gleiches gilt für politische Parteien.
Für Zeitungen heißt das nicht, ökologisch-soziale Werte und die ökologische Transformation der Gesellschaft moralisch einzufordern. Stattdessen muss man das Thema kompetent, zeitgemäß, breit, kontrovers und übrigens auch lustvoll diskutieren. Also nicht nur im politischen Teil und in flammenden Leitartikeln. Es muss in all seinen Facetten in alle Bereiche einer Zeitung einfließen: In ökosoziale Unternehmensberichterstattung, in Tests moderner Produkte, in Lebensstil- und Gesellschaftsberichterstattung, in den Kultur- und auch den Sportteil. Der Leser muss eine echte Entscheidungsgrundlage für sich selbst haben: Augen zu und weiter so - oder nicht.
Die ökologische Transformation ist das wichtigste und aufregendste Thema des 21. Jahrhunderts, ihre Diskussion ist die größtmögliche journalistische Herausforderung: politisch, wirtschaftlich, kulturell.
![]() |
Foto: © Daniel Krafczyk, pixelio |
Generell herrschte und herrscht nach meiner Einschätzung Sprachlosigkeit zwischen den Experten für das Thema und dem Rest von Redaktionen. Das ist neben der Komplexität des Themas ein Hauptgrund, warum die meisten Medien - eine große Ausnahme ist der britische Guardian - bis heute keine gute Klima-Berichterstattung machen. Diese Sprachlosigkeit entspricht der zwischen öko-affinen Bürgern und dem großen Rest der Gesellschaft. Das Problem ist ein generelles Fehlen von etwas, das ich individuelle und gesellschaftliche Klimakultur nenne.
Sprachlosigkeit durch Klimakultur überwinden
Klimakultur gehört zu den wichtigsten Werten, die Gesellschaften im 21. Jahrhundert brauchen. Es ist keine Frage von Moral, Zwang oder Verzicht. Es ist etwas, das zu einem modernen Leben und Denken, Konsumieren und Träumen gehört wie andere Dinge auch. Es braucht eine individuelle Klimakultur, um eine gesellschaftliche Klimakultur zu bekommen. Nur das wird die Ordnungspolitik ermöglichen und mittragen, die in Leitartikeln gern gefordert wird.
Wie es dazu kam, dass ich vom Öko-Ignoranten zum Klimakultur-Redakteur wurde, ist eine lange Geschichte. Jedenfalls sind begehrenswerte Häuser für mich heute solche, die Strom produzieren und nicht verbrauchen. Begehrenswerte Autos sind solche, die das Ende fossiler Energien nicht ignorieren, sondern überwinden. Gleiches gilt für politische Parteien.
Für Zeitungen heißt das nicht, ökologisch-soziale Werte und die ökologische Transformation der Gesellschaft moralisch einzufordern. Stattdessen muss man das Thema kompetent, zeitgemäß, breit, kontrovers und übrigens auch lustvoll diskutieren. Also nicht nur im politischen Teil und in flammenden Leitartikeln. Es muss in all seinen Facetten in alle Bereiche einer Zeitung einfließen: In ökosoziale Unternehmensberichterstattung, in Tests moderner Produkte, in Lebensstil- und Gesellschaftsberichterstattung, in den Kultur- und auch den Sportteil. Der Leser muss eine echte Entscheidungsgrundlage für sich selbst haben: Augen zu und weiter so - oder nicht.
Die ökologische Transformation ist das wichtigste und aufregendste Thema des 21. Jahrhunderts, ihre Diskussion ist die größtmögliche journalistische Herausforderung: politisch, wirtschaftlich, kulturell.
Von Peter Unfried
| Peter Unfried ist Chefreporter der taz und Autor von "Öko. Al Gore, der neue Kühlschrank und ich" |
Lesen Sie diesen und weitere interessante Beiträge in "forum Nachhaltig Wirtschaften", Ausgabe 3/2010: "Die Verantwortung der Medien" mit dem Special "Fair Trade und ethischer Konsum". Das Magazin umfasst 132 Seiten und ist zum Preis von 7,50 ? erhältlich, zzgl. 3,00 ? Porto & Versand (innerhalb Deutschlands). Onlinebestellung forum-Abonnement |
Zukunft braucht Frieden
forum 02/2026 ist erschienen
- Geopolitische Spannungen, Aufrüstung und Unsicherheit prägen Märkte und Investitionsentscheidungen wie lange nicht. Die neue Ausgabe von forum future economy setzt bewusst einen Kontrapunkt: Sie gibt Stimmen Raum, die für Diplomatie, Deeskalation und zivile Lösungen eintreten – weil wirtschaftliche Stabilität ohne Frieden nicht denkbar ist.
Kaufen...
Abonnieren...
06
MÄR
2026
MÄR
2026
10
MÄR
2026
MÄR
2026
Rechtliche Aspekte der Kreislaufwirtschaft
Kreislaufwirtschaft zwischen Green Deal und Praxis
kostenfreies Webinar
Kreislaufwirtschaft zwischen Green Deal und Praxis
kostenfreies Webinar
11
MÄR
2026
MÄR
2026
Circular Valley Convention 2026
Gestalten Sie mit uns die Zukunft der Kreislaufwirtschaft - Ticketrabatt für forum-Leser*innen!
40474 Düsseldorf
Gestalten Sie mit uns die Zukunft der Kreislaufwirtschaft - Ticketrabatt für forum-Leser*innen!
40474 Düsseldorf
Anzeige
Professionelle Klimabilanz, einfach selbst gemacht
Einfache Klimabilanzierung und glaubhafte Nachhaltigkeitskommunikation gemäß GHG-Protocol
Gesundheit & Wellness
Krankheit und GesundheitChristoph Quarch empfiehlt die Stärkung der Resilienz als Weg zur Reduzierung der Krankenstände
Jetzt auf forum:
Industrial Accelerator Act: Dekarbonisierung als Sicherheitsstrategie
Handelsblatt Jahrestagung Stadtwerke 2026, 22./23. April, Berlin
Gute Politik bedient nicht Partikularinteressen
Zukunft braucht Frieden, Resilienz und Unabhängigkeit




















