Deepwater Horizon Katastrophe

Das Gute in der Tragödie?

Alles hat zwei Seiten, habe ich in meinem Leben gelernt: Selbst so etwas Furchtbares, wie dass seit Wochen Millionen Liter Öl ungehindert in den Golf von Mexiko strömen? Kann man gar dieser Tragödie für Mensch, Tier und Natur etwas Gutes abgewinnen?

Heike Leitschuh,
Beraterin, Autorin & Moderatorin für Nachhaltige Entwicklung
Eventuell schon. Denn nun besteht die große Chance, dass wir das so Dringliche schneller tun als es ohne diese Erfahrung möglich gewesen wäre: die Wende weg vom Öl hin zu den Erneuerbaren Energien zu vollziehen.

Denn Deep Water Horizon und die Hilflosigkeit eines Energie-Giganten wie BP hat nicht nur den US-Amerikanern, sondern der ganzen Welt vor Augen geführt: Wir haben unseren Wohlstand und Lebensstil vor allem auf einen Stoff gebaut, das Öl, das inzwischen schon so rar geworden ist, dass es jetzt schon unter Bedingungen gefördert wird, die nicht mehr beherrschbar sind. Es handelt sich nämlich ganz offensichtlich nicht nur um einen Unfall, der - selbst bei besten Sicherheitsvorkehrungen - zwar nicht passieren darf, aber passieren kann. Entscheidend ist nicht die Frage, wie konnte das geschehen, wer ist Schuld und wie kann man es für die Zukunft vermeiden? Entscheidend ist die Erkenntnis, dass sich die Energiekonzerne mit den Tiefseebohrungen auf ein Terrain vorgewagt haben, dem sie im Ernstfall technologisch überhaupt nicht gewachsen sind.

Was rät der gesunde Menschenverstand, wenn man merkt, dass man einer Sache nicht gewachsen ist? "Lass' die Finger davon!" Experten gehen davon aus, dass es noch etliche Jahre dauern könne, bis die Ölkonzerne Tiefseebohrungen tatsächlich - in aller Konsequenz - im Griff haben. Ein Moratorium müsste also wesentlich länger als ein paar Monate währen.
Doch das ist gar nicht der springende Punkt, auf den ich hinaus will. "Peak Oil", also der Punkt, an dem die Ölförderung ihr Maximum erreicht hat, dann geringer wird, zum Teil geringer als der Bedarf - dieser Scheitelpunkt scheint erreicht. Deshalb sind die Ölkonzerne ja so sehr daran interessiert, an die Reserven zu gelangen. Die aber liegen in schwer zugänglichen und ökologisch hochsensiblen Gebieten: Meeresboden, Urwald, Antarktis. Noch spricht kaum jemand öffentlich darüber, doch die Wahrheit ist: Die Abkehr von fossilen Brennstoffen ist nicht nur klimapolitisch dringlich, sie ist es auch und immer mehr aus ökonomischer Vernunft. Der Run auf die letzten Öl- und im Übrigen auch Gasreserven, wird immer teurer, die Risiken immer größer.

Das also könnte - mit etwas Abstand betrachtet - uns in einiger Zeit vielleicht sagen lassen: Die Katastrophe im Golf von Mexiko hat 2010 geholfen, die Energiewende zu beschleunigen. Natürlich kann es auch ganz anders kommen: Die Angst vor dem Ende des Ölzeitalters kann auch zu (ökonomisch) irrationalen Exzessen führen. Zunächst aber hoffe ich auf die optimistische Variante.

Ich möchte jedoch noch einen Gedanken anfügen, im Sinne des Cato'schen '"Ceterum censeo" (im Übrigen bin ich der Meinung, .): Selbst die hundertprozentige Umstellung der globalen Energieversorgung auf Erneuerbare Energien wäre noch nicht die Lösung. Selbst dann würden wir die Ressourcen dieses Planeten noch weit über Gebühr strapazieren. Denn die Weichen der Weltwirtschaft sind auf Wachstum gestellt. Ungebremstes materielles Wachstum aber verträgt sich nicht mit Nachhaltigkeit. Die eigentliche Herausforderung steht uns also noch bevor: Der ressourcenleichte Lebensstil in einer ressourcenleichten Wirtschaft - wohl weniger eine Revolution der Technik als eine Revolution Denkens, der Haltung, des gesamtem Sozialgefüges.

Quelle: Heike Leitschuh
Umwelt | Klima, 01.07.2010
     
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