Technik | Green Building, 24.09.2026
„Wir sind ein Reallabor“
Zehn Hektar Testfeld für neue Wohn- und Baukultur
Die Genossenschaft Wir bauen Zukunft eG in Nieklitz wurde als Gewinnerin des ersten Zukunftsorte Award mit dem Titel "Wirkungschampion" ausgezeichnet. Im zehnten Jahr seines Bestehens gibt es noch einen weiteren Meilenstein: Das Land Mecklenburg-Vorpommern hat die Änderung des bestehenden Bebauungsplans für die zehn Hektar große Gelände genehmigt. Was das für den Ort bedeutet, warum hier Bauen und Leben zusammengedacht werden und weshalb Gastfreundschaft wichtiger ist als maximale Auslastung, erklärt Vorstandsmitglied Johannes Milke im Gespräch mit Julia Plath.

Wir sitzen im Café des wabenförmigen Haupthauses. Lehmwände, bodentiefe Fenster, Menschen kommen und gehen. Ein Ort, der sofort zeigt, dass hier vieles anders gedacht wird.
Ihr wurdet gerade als „Wirkungschampion" ausgezeichnet. Was war dein erster Gedanke?
|
Zukunftsorte Award 2026
Das Netzwerk Zukunft sorte e.V. hat seinen Award 2026 erstmals vergeben. Unter zwölf Bewerbungen zeichnete die Jury die Wir bauen Zukunft eG als „Wirkungschampion" aus. Der Preisträger war zugleich Gastgeber der Veranstaltung. Die Kriterien für den Award finden Sie unter
|
Ich habe an die vielen Hände gedacht, die hier über Jahre mit angepackt haben — an die Menschen, die aus einem verwilderten botanischen Garten wieder einen lebendigen Ort gemacht haben. Das sind für mich echte ,Wirkungschampions'. Wir mussten unsere Wirkung an einem klaren Kriterienraster nachweisen — vom offenen Treffpunkt über Klima- und Naturschutz bis zur Frage, wem dieser Ort eigentlich gehört und wer über ihn entscheidet. Dass wir den Award gewonnen haben, gibt uns und der ganzen Region eine klare Referenz und Argumentation, warum ländliche Zukunftsorte gebraucht werden.
Ihr feiert 2026 auch euer zehnjähriges Bestehen. Wie hat alles angefangen?
Mit einer ziemlich verrückten Idee. 2016 haben wir beschlossen eine Genossenschaft zu gründen, um das Gelände eines ehemaligen Forschungszentrums mit botanischem Garten zu kaufen. Zehn Hektar. Viele haben damals gefragt, ob das realistisch ist. Heute sind wir über 100 Genossenschaftsmitglieder und ein Team von mehr als 20 Menschen. Hier arbeiten Architektinnen, Gastgeber, Handwerkerinnen, Gärtner und viele andere gemeinsam an einem Ort.
Früher war das Gelände ein Zukunftspark, heute nennt ihr es einen Zukunftsort. Wo liegt der Unterschied?
Das ist tatsächlich der entscheidende Punkt. Ein Zukunftspark zeigt mögliche Zukünfte, oft wie in einer Ausstellung. Man schaut sie sich an und geht wieder nach Hause. Ein Zukunftsort funktioniert anders. Wir leben die Fragen, die wir stellen, in der Praxis. Deshalb nennen wir uns auch ein Reallabor für die Welt von Morgen. Hier erforschen, testen und zeigen wir gemeinwohlorientierte und von der Natur inspirierte Lösungen, Organisationsmodelle, Arbeits- und Lebensweisen. Und wir machen unsere Erfahrungen und Erkenntnisse erlebbar und teilen sie mit der Welt.

Ein wichtiger Schritt dafür ist jetzt die Genehmigung des Bebauungsplans. Was verändert sich dadurch?
Sehr viel. Der Bebauungsplan gibt uns die Möglichkeit, aus einer Vision dauerhaft gelebte Realität zu machen. Jetzt können wir hier schrittweise Wohn- und Arbeitsräume schaffen. Als Nächstes planen wir ein Gästehaus in ökologischer Bauweise. Unsere Tiny Houses und das Rosen-Dufthaus sind wunderschön, aber in den Wintermonaten nicht unbedingt die praktischste Unterkunft.
Außerdem stehen die energetische und ökologische Sanierung des Seminarhauses und der Ausbau erneuerbarer Energiesysteme an. Langfristig wollen wir Wohnraum für bis zu 40 Menschen schaffen, generationenübergreifend und gemeinschaftlich gedacht. Zusammen mit dem Institut für regenerative Baukultur und resilienten Lebensstil bauen wir ein Earthship (autarkes Passivhaus). Als Akademie wird damit Bauinnovation und soziale Innovation gekoppelt, Biodiversität gefördert und Klimaresilienz gestärkt. Wir evaluieren dafür Naturmaterialien wie Hanf, Lehm und Stroh als klimapositive Alternativen für thermische Masse und Dämmung.
Was unterscheidet eure Vorstellung von Bauen und Wohnen von klassischen Projekten?
Wir trennen Bauen und Leben nicht voneinander. Künftige Nutzerinnen und Nutzer binden wir von Anbeginn in die Prozesse mit ein. Damit übernehmen sie Verantwortung und haben die Möglichkeit den Ort aktiv mitzugestalten. Anders als in klassischen Bauprojekten, in denen ein Investor die Strukturen bestimmt und nach Eröffnung Bewohnerinnen und Bewohner einziehen. Bei allen Planungen spielt die Enkeltauglichkeit eine zentrale Rolle: Kurze Wege, Verwendung von ökologischen Materialien und Reststoffen im Sinne der Kreislaufwirtschaft.
Wir entwickeln Gebäude und damit Orte, die als lebendige Systeme fungieren, Gemeinschaft ermöglichen und fördern, dass Natur und Mensch wieder in Resonanz kommen.
„Zukunft entsteht nicht auf dem Papier. Sie entsteht dort, wo Menschen bereit sind, neue Wege im Alltag auszuprobieren."
Johannes Milke
Auch euer Veranstaltungsbetrieb folgt anderen Prinzipien. Ihr arbeitet sehr bewusst saisonal.
Ja, wir orientieren uns stark am Rhythmus der Natur und arbeiten bewusst zyklusorientiert: Wir integrieren natürliche Zyklen in unsere Zusammenarbeit und richten unsere Aktivitäten an den Qualitäten der Jahreszeiten aus.
Dazu gehört auch, dass bei uns viel Leben draußen stattfindet. Wir sind viel in der Natur, gehen Eisbaden und Waldtauchen und lassen uns von ihr inspirieren — das ist kein Ausgleich zur Arbeit, sondern Teil davon.
Viele Unternehmen versuchen, das ganze Jahr die gleiche Leistung zu bringen. Wir haben für uns festgestellt, dass das weder den Menschen noch dem Ort guttut. Wenn wir stattdessen dem natürlichen Rhythmus folgen, gewinnen beide: Die Menschen bleiben mit Energie dabei, und der Ort kann sich immer wieder erholen.
Das klingt ungewöhnlich in einer Branche, in der Auslastung oft die wichtigste Kennzahl ist.
Deshalb haben wir für uns eine andere Kennzahl entwickelt: die Joy of Hosting. Wenn Gastgeben zur Belastung wird, stimmt etwas im System nicht. Dann hilft auch eine gute Auslastung nicht weiter. Wir sehen die Gesundheit des Teams nicht als Luxus oder Wohlfühlthema, sondern als Voraussetzung für langfristige Stabilität. Am Ende ist das sehr pragmatisches Risikomanagement.
Gleichzeitig entwickelt ihr euer Geschäftsmodell weiter. Hinter dem Kürzel CSX steckt was genau?
CSX steht für Community Supported Everything. Die Idee kommt aus der solidarischen Landwirtschaft. Dort finanzieren Menschen gemeinsam einen Hof und tragen Verantwortung für dessen Fortbestand. Dieses Prinzip übertragen wir auf einen Veranstaltungsort. Organisationen sagen nicht nur: „Wir buchen einmal etwas bei euch", sondern: „Wir kommen regelmäßig, unterstützen den Ort und gestalten mit."
Das geschieht über Genossenschaftsanteile und solidarische Unterstützungsbeiträge. Intern sprechen wir auch vom Brot- und Kuchenbeitrag. Wer mehr geben kann, ermöglicht anderen die Teilhabe.
Das setzt viel Vertrauen voraus.
Ja, aber Vertrauen funktioniert dauerhaft nur zusammen mit Transparenz.
Deshalb legen wir offen, wie sich unsere Kosten zusammensetzen, welche Ausgaben wir für Personal, Energie oder Rücklagen haben. Für mich steckt dahinter ein größerer Kulturwandel: weg von der reinen Preislogik und hin zur Frage, welchen Wert Beziehungen, gemeinsames Lernen und gesellschaftliche Wirkung haben.

Muss man Mitglied werden, um den Ort erleben zu können?
Nein, überhaupt nicht. Der Ort bleibt offen. Uns ist wichtig, dass Menschen hierherkommen, Veranstaltungen besuchen, mitarbeiten oder einfach neugierig sind. Entscheidend ist, dass die eigenen Werte mit unserem Leitbild und dem gesellschaftlichen Nutzen des Projekts zusammenpassen. Menschen können aber investierende Mitglieder werden und damit die notwendigen Investitionen in die Infrastruktur ermöglichen.
In eurem Leitbild steht die Frage: „Was müssen wir verlernen, um Zukunft denken zu können?" Was hast du persönlich verlernt?
Zu glauben, dass Konflikte etwas sind, das möglichst vermieden werden muss. Früher habe ich Konflikte oft als Zeichen dafür gesehen, dass etwas schiefläuft. Heute sehe ich sie als Teil von Entwicklung. Wir arbeiten mit einem „Code of Conflict" und mit dem Prinzip der konsequent positiven Unterstellung. Das heißt: Wir gehen zunächst davon aus, dass unser Gegenüber gute Absichten hat. Das verändert Diskussionen enorm und schafft Raum für Lösungen.
Wer jetzt neugierig geworden ist: Wie lernt man den Zukunftsort am besten kennen?
Wer Wir bauen Zukunft kennenlernen möchte, kommt am besten für ein paar Tage vorbei: Bei unseren Events und Workshops erlebst du unser Gelände, unsere Ideen und die Menschen dahinter direkt. Du kannst dein eigenes Projekt mitbringen und im Rahmen einer Workation daran arbeiten – oder deine eigene Veranstaltung bei uns planen. Alle Termine und Möglichkeiten findest du auf unserer Website und in unserem Newsletter.Johannes Milke (BA International Business, Certified Design Thinker) ist seit über 15 Jahren Transformationsberater, Impulsgeber und Initiator innovativer Bildungs- & Transferprojekte an der Schnitt stelle von Nachhaltigkeit und unternehmerischem Denken. Er ist Vorstandsmitglied bei Wir Bauen Zukunft eG und Programmkoordinator des Reallabors Zukunft.
Hinweis: Weitere spannende Beiträge zum Thema finden Sie in der forum-Fokus-Ausgabe "Circular Construction: Wege zur zirkulären Bauwirtschaft".
Die Natur lebt vom Kreislauf – und wir?
forum 04/2026
- Kreislaufwirtschaft
- Biodiversität
- Bildung
- Wasserweisheiten
- Altöl im Kreislauf
Kaufen...
Abonnieren...
06
OKT
2026
OKT
2026
25
NOV
2026
NOV
2026
IMPACT FESTIVAL 2026 - Ticketrabatt für forum-Leser*innen
Deutschlands größtes Event für digitale & nachhaltige Transformation
60327 Frankfurt
Deutschlands größtes Event für digitale & nachhaltige Transformation
60327 Frankfurt
03
DEZ
2026
DEZ
2026
19. Deutscher Nachhaltigkeitspreis
#DNP26 - forum wird am 3. und 4. Dezember wieder vor Ort sein.
40221 Düsseldorf
#DNP26 - forum wird am 3. und 4. Dezember wieder vor Ort sein.
40221 Düsseldorf
Anzeige
Der Mittelstand im ESG-Dschungel. Sie müssen nicht alles machen. Sie müssen nur wissen, was.
Sie erhalten einen klaren Fahrplan: was jetzt zu tun ist, was Sie auf dem Schirm behalten sollten und was Sie getrost ignorieren können.
Naturschutz
Wer an die Sonnenfinsternis glaubt, kann den Klimawandel nicht leugnenChristoph Quarchs Überlegungen zur Sonnenfinsternis am 12. August
Jetzt auf forum:
Gebrauchte Autoteile im digitalen Markt: Wie aus Lagerbeständen wieder Ersatzteile werden
#DNP26 in Düsseldorf: Stark durch Transformation.
Kennzeichnungspflichten und Transparenz in der Lieferkette
Biografie eines Technologie-Unternehmers
Weniger Emissionen, weniger Ressourcenverbrauch: Güterverkehr im Wandel
Product Compliance Workshop vom 6. – 8. Oktober 2026 im east Hotel Hamburg





















