Till Kellerhoff
Gesellschaft | Bildung, 01.09.2025
Reise an die Grenzen des Wachstums
Der Club of Rome: Wie entstand er, was bewegt ihn und was bewegt er?
Bekannt wurde der Club of Rome durch „Grenzen des Wachstums" aus dem Jahr 1972. Der bahnbrechende Bericht hat nicht nur das Denken über Nachhaltigkeit geprägt, sondern auch eine weltweite Diskussion über die Begrenztheit unserer Ressourcen ausgelöst. forum will wissen: Wie ist der Bericht entstanden, was hat die Menschheit daraus gelernt, und was sind die neuesten Entwicklungen dieses wirkmächtigen Gremiums?
Wer weiß noch, wer den Begriff der Nachhaltigkeit prägte? Wer maßgeblich zu einem Umdenken in den Produktions-, Konsum- und Wirtschaftsmustern beitrug? Es war das Buch „Grenzen des Wachstums" des Club of Rome vor 53 Jahren. Dieser Club war damals und ist noch heute eine der wichtigsten Zusammenschlüsse von Menschen aus verschiedenen Wissenschafts-Disziplinen und Kontinenten, die gemeinsam den Zustand unserer Erde erforschen. Sie denken über die Fragen „wie viel ist genug?" und „wie sieht ein gutes Leben aus?" nach, zeigen Handlungswege auf und stoßen Lösungen an. Vieles, was die Menschheit heute auf ökologischer, sozialer sowie ökonomischer Ebene erlebt, hat der Club in „Grenzen des Wachstums" vorhergesagt – auch wenn er nicht in allen prognostizierten Zahlen richtig lag.
„Jeder, der glaubt, dass exponentielles Wachstum in einer begrenzten Welt für immer weitergehen kann, ist entweder ein Verrückter oder ein Ökonom.”
Kenneth Boulding
Die Pioniere des „Club der Andersdenkenden"
Eine der wichtigsten Publikationen zum Thema Nachhaltigkeit des 20. Jahrhunderts begann ausgerechnet in einem Flugzeug. Auf dem Rückflug eines Treffens zwischen Vertretern des Club of Rome und Jay Forrester, Professor für Systemtechnik am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und Pionier systemdynamischen Denkens, entwarf dieser im Jahr 1970 die Grundlage des in „Die Grenzen des Wachstums" verwendete Computermodells. Damit schuf er die Grundlage für eine der einflussreichsten Studien des 20. Jahrhunderts.Die Gründer des Club of Rome, zu denen auch der italienische Industrielle Aurelio Peccei und Alexander King, der schottische Leiter der Wissenschaftsabteilung der OECD gehörten, teilten die Sorge um die Zukunft der Menschheit und des Planeten. Sie erkannten, dass die Wechselwirkungen zwischen Wirtschaft, Ökologie, Politik und Psychologie zunehmend separat statt ganzheitlich betrachtet wurden. 1968 wurde deshalb in Rom ein Treffen einberufen, um einen Raum für offene Debatten zu bieten, zwischen Persönlichkeiten aus verschiedenen Bereichen wie Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft.
Sie alle fühlten sich gleichermaßen verpflichtet, die Zukunft der Menschheit mit einem systemischen, langfristigen und globalen Blickwinkel zu betrachten: Der Club of Rome war geboren. Seit diesem Treffen wurden weiterführend regelmäßig Menschen eingeladen, an den Gesprächen und Forschungen teilzunehmen.
Der legendäre, missverstandene Bericht und seine Auswirkungen
Mit dem Computermodell des besagten Jay Forrester wurde in der ersten Studie des Club of Rome über die Auswirkungen exponentiellen Wachstums auf einem endlichen Planeten geforscht. Das internationale Forscher-Team untersuchte fünf grundlegende Faktoren, die das Wachstum auf dem Planeten bestimmen und in ihrem Zusammenspiel letztlich begrenzen: Weltbevölkerung, Industrialisierung, Umweltverschmutzung, Nahrungsmittelproduktion und die Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen. Ihre Ergebnisse wurden schließlich 1972 im Bericht „Die Grenzen des Wachstums" (Originaltitel: The Limits to Growth) veröffentlicht.
Der Bericht verkaufte sich millionenfach, löste eine Kontroverse in den Medien aus und gab der globalen Nachhaltigkeitsbewegung einen Anstoß. Die wesentliche Nachricht des Buches war jedoch – entgegen heutiger, vielfach falscher Interpretationen – weder die kurz bevorstehende Apokalypse, noch das Ende des Öls im Jahr 2000. Vielmehr zeigte er auf, dass unbegrenztes, exponentielles materielles Wachstum auf einem begrenzten Planeten langfristig weder nachhaltig noch machbar ist. Der Ökonom Kenneth Boulding erklärte passend dazu: „Jeder, der glaubt, dass exponentielles Wachstum in einer begrenzten Welt für immer weitergehen kann, ist entweder ein Verrückter oder
ein Ökonom."
Eine detailliertere Aufarbeitung der Rezeption von „Die Grenzen des Wachstums" kann in dem Buch „Limits and Beyond" aus dem Jahr 2022 nachgelesen werden. Seit der Veröffentlichung des Berichts hat die Menschheit einiges gelernt, doch viele Herausforderungen bleiben bestehen. Begriffe wie „Nachhaltigkeit", „Ressourcenknappheit" und „Klimawandel" sind heute allgegenwärtig. Die Dringlichkeit, entsprechend zu handeln, ist jedoch nach wie vor hoch. Seit 1972 hat die Überlastung unseres Erdsystems ständig zugenommen.
2024 war das heißeste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen mit einer um 1,5 Grad höheren Temperatur als im vorindustriellen Mittel. Wir erleben aktuell das sechste Massenaussterben in der Erdgeschichte: Seit der Veröffentlichung des ersten Berichtes hat die Wildtierpopulation weltweit um etwa 70 Prozent abgenommen.
Aktuelle Projekte und Veröffentlichungen des Club of Rome
Der Club of Rome ist heute demnach aktueller denn je. Mit 130 Mitgliedern weltweit, über 45 Berichten, fünf thematischen Impact Hubs und diversen Netzwerken verfolgt er die Vision eines guten Lebens für alle innerhalb der planetaren Grenzen.
50 Jahre nach „Grenzen des Wachstums" wurde 2022 eine verbesserte Version der Simulation entwickelt und Experten arbeiteten in dem internationalen Bestseller „Earth for All" Vorschläge aus, um mehr internationale Gerechtigkeit, mehr nationale Gleichheit, mehr Geschlechtergerechtigkeit, die notwendige Energiewende und eine nachhaltige Landwirtschaft zu erreichen. Gestützt auf diese Datenanalysen erschien in Weiterentwicklung dessen 2024 die neuste Erscheinung des Club of Rome: „Earth for All Deutschland".
Das Buch beschreibt zwei mögliche Szenarien für Deutschlands Zukunft: eine Verschärfung von Ungleichheit und Umweltkrisen, oder ein Wandel hin zu Stabilität, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit. Zentral ist das Konzept des „Giant Leap", das konkrete Schritte wie Armutsüberwindung, Abbau von Ungleichheit, nachhaltigen Ressourcenumgang, Energiewende und Förderung von Empowerment vorschlägt. Trotz geopolitischer Herausforderungen zeigt der Club of Rome erneut, wie Veränderungen wissenschaftlich fundiert und gemeinschaftlich umgesetzt werden können.
Die Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels
Der Club of Rome setzt sich für konkrete politische Maßnahmen und einen Paradigmenwechsel ein, der auf „Wellbeing" statt „Growth at all costs" abzielt. Aurelio Peccei betonte bereits 1984 die Notwendigkeit einer „menschlichen Revolution", um im Einklang mit der Natur zu leben.
Der Club of Rome erinnert alles in allem daran, dass Wissen allein nicht ausreicht – es erfordert auch die Bereitschaft, dieses Wissen in Handeln umzusetzen. Die Herausforderung besteht darin, das Denken zu verändern und gemeinsam Lösungen für eine nachhaltige Zukunft zu entwickeln.
Till Kellerhoff arbeitet seit 2017 beim Club of Rome, wo er seit 2022 als Programmdirektor tätig ist. Im März 2024 ist sein Buch „Tax the Rich – Warum die Reichen zahlen müssen, wenn wir die Welt retten wollen" erschienen.
Kritik an den Grenzen des Wachstums
Berechtigte Kritik an „Grenzen des Wachstums"?
Der erste Bericht des Club of Rome wird oft für unzutreffende Vorhersagen kritisiert. Tatsächlich lagen einige Prognosen – etwa zur Ressourcenverfügbarkeit oder zum Bevölkerungswachstum – aus heutiger Sicht daneben. Technologischer Fortschritt, Effizienzsteigerungen und neue Fördermethoden haben Entwicklungen verzögert oder abgeschwächt. Dennoch war der Bericht keine starre Vorhersage, sondern eine Szenarioanalyse mit verschiedenen Zukunftspfaden. Seine Hauptaussage bleibt hochaktuell: Dauerhaftes Wachstum ist auf einem begrenzten Planeten nicht möglich.
Studien wie die von Turner (2014) und Herrington (2021) zeigen, dass sich unsere Welt weitgehend entlang des „Business-as-usual"-Szenarios entwickelt hat. Dadurch sind heute viele planetare Grenzen – etwa beim Klima oder der Biodiversität – überschritten. Die damit verbundenen ökologischen Krisen sind real. Aktuelle Analysen bestätigen die zentrale These des Berichts: Ohne tiefgreifenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel droht ein systemischer Kollaps. Die Warnung von damals ist damit aktueller denn je.
Weitere Club of Rome-Vereine
Neben dem offiziellen, global agierenden Club of Rome (www.clubofrome.org) gibt es auch nationale Vereine, welche Debatten und Aktivitäten im Zusammenhang mit der globalen Agenda des Club of Rome im nationalen Kontext fördern, jedoch von dem internationalen Club of Rome unabhängig sind.
So gibt es beispielsweise den Austrian Chapter des Club of Rome (www.clubofrome.at) und die Deutsche Gesellschaft Club of Rome (www.clubofrome.de). Aus letzterer ging auch der Think Tank 30 Deutschland (tt30) (www.thinktank30.de) hervor, ein interdisziplinäres Netzwerk junger Leute um die 30, die sich mit Zukunftsfragen auseinandersetzen. Als unabhängige Gruppe tragen sie zu gesellschaftlichen Debatten bei und formulieren Empfehlungen für eine langfristige Politik.
Buchtipp:
»Ein unverzichtbarer Leitfaden für alle, die die Zukunft aktiv mitgestalten wollen.« Claudia Kemfert
Earth for All
Deutschland
Aufbruch in eine Zukunft für Alle
Earth for All
Deutschland
Aufbruch in eine Zukunft für Alle
Club of Rome (Hrsg.),
Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie gGmbH (Hrsg.),
Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie gGmbH (Hrsg.),
ISBN: 978-3-98726-111-4
Softcover, 280 Seiten
Dieser Artikel ist in forum 04/2025 - Zukunft gestalten erschienen.
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