Christoph Quarch
Umwelt | Naturschutz, 03.08.2026
Wer an die Sonnenfinsternis glaubt, kann den Klimawandel nicht leugnen
Christoph Quarchs Überlegungen zur Sonnenfinsternis am 12. August
Was haben Grönland und Spanien, Portugal und Island gemeinsam? Richtig, von dort aus kann man am kommenden Mittwoch eine totale Sonnenfinsternis beobachten - und zwar eine ganz besondere, weil sich der Schatten des Mondes erst kurz vor Sonnenuntergang so vollständig auf die Erde legen wird, dass auch ungeübte Augen - natürlich durch die entsprechenden Schutzgläser - die flammende Corona der Sonne erkennen können. Dieses Spektakel wollen sich viele Menschen nicht entgehen lassen. Dem Vernehmen nach ist es kaum noch möglich, ein freies Bett in Spanien, geschweige denn ein Flugticket nach Reykjavik zu bekommen. Woran liegt das? Warum geht von einer Sonnenfinsternis so ein Sog aus? Was fasziniert die Menschen daran? Darüber reden wir mit dem Philosophen und Bestseller-Autor Christoph Quarch.
Herr Quarch, können Sie uns erklären, wie es kommt, dass so viele Menschen diese Sonnenfinsternis live und in Farbe erleben wollen?
Naja, so eine totale Sonnenfinsternis bekommt man vielleicht nur ein Mal im Leben geboten. Und das möchte man sich nicht entgehen lassen. Aber vielleicht steckt auch noch mehr dahinter: eine Art kollektive Erinnerung an eine graue Vorzeit, in der unsere Vorfahren bei einer Sonnenfinsternis in Panik gerieten. Man stelle sich vor: Plötzlich verdunkelt sich am helllichten Tag die Sonne: das große Gestirn, das fast überall als Gottheit verehrt wurde. Was sollte das bedeuten? „Zürnt uns die Göttin? Oh nein, ein Schatten verdunkelt sie immer mehr." So etwas hatte man noch nie gesehen. Und keiner wusste, wie das ausgeht. Also, man kann sich vorstellen, dass sich so eine Erfahrung traumatisch ins Menschheitsgedächtnis brannte. Und man kann sich vorstellen, welche Erleichterung es war, als Thales von Milet im 6. Jahrhunderts v.Chr. eines Tages seinen Mitbürgern sagte: "Passt auf: Morgen gibt es eine Sonnenfinsternis. Aber kein Grund zur Panik. Das ist ganz natürlich. Ich kann euch das erklären."
Hat er Recht behalten? Ist das wirklich passiert?
Ja, wir kennen sogar den genauen Termin. Es war am 28. Mai 585 v. Chr. Thales wurde ziemlich prominent dadurch. Bis heute gilt er als der erste Philosoph der europäischen Geschichte. Dabei war er eigentlich mehr Naturforscher. Seine Leidenschaft war etwas, das die Griechen theoría nannten: die betrachtende Schau. Das verrät sehr viel über die Entstehung der Wissenschaft. Die großen Geister im antiken Griechenland betrieben Wissenschaft, weil sie verstehen wollten, wie dieser erstaunliche Kosmos funktioniert. Deshalb stellte Thales jede Nacht astronomische Betrachtungen an. Deshalb fing er an, die Bahnen der Gestirne zu berechnen. Und deshalb konnte er vorhersagen, dass sich genau am 28. Mai die Mondscheibe vor die Sonne schieben wird. Es war ein Meilenstein der Wissenschaft - ein Triumpf, der zeigte, dass es möglich ist, mithilfe der Wissenschaft den Menschen die Angst zu nehmen.
War das der eigentliche Antrieb, der die Pioniere der Wissenschaft dazu brachte, ihre Beobachtungen anzustellen. Wollten sie den Menschen die Angst nehmen?
Nicht wirklich. Der eigentliche Antrieb war ein anderer. Die Griechen nannten die Welt: Kósmos. Das heißt: Schöne Ordnung. Sie waren überzeugt, dass die Welt ein perfektes Lebewesen ist. Und den Beweis dafür sahen sie darin, dass es darin so geordnet zugeht, dass man sogar eine Sonnenfinsternis vorhersagen kann. Weil die Welt - wir würden heute sagen: die Natur - für sie vollkommen war, galt sie ihnen als Maßstab und Vorbild. Sie gingen davon aus, dass man als Mensch nur dann gut leben kann, wenn man sich dabei an die Spielregeln der Natur hält. Ihnen war wichtig, diese Spielregeln zu erforschen: Zen kata physin - leben im Einklang mit der Natur war ihr Motto. Davon hat sich der neuzeitliche Mensch entfernt. Bis dahin, dass es heutzutage Leute gibt, die nichts davon wissen wollen, was die Wissenschaft über die Spielregeln des Kosmos herausgefunden hat und auf deren Grundlage vorhersagt. 59 Prozent der Deutschen zweifeln am Klimawandel. Es scheint, die graue Vorzeit kehrt zurück.
Wie erklären Sie sich das? Sind Menschen so gestrickt, dass sie die Wissenschaft nur dann gelten lassen, wenn sie ihren Interessen entspricht oder ihre Glaubenssätze bestätigt?
Es sieht fast so aus. Ich meine: Jeder glaubt daran, dass es am Mittwoch über Westeuropa eine Sonnenfinsternis geben wird - ganz so, wie es die Algorithmen der Wissenschaftler vorhersagen. Aber mehr als die Hälfte der Deutschen bezweifelt, dass die Algorithmen der Wissenschaftler zutreffen, wenn sie uns eine Klimaerwärmung prognostizieren. Vielleicht hat das damit zu tun, dass die neuzeitliche Wissenschaft mit dem Versprechen begonnen hat, Macht über die Natur zu bekommen. Das hat manche Wissenschaftler dazu verleitet, mit der Macht zu paktieren - was wiederum der Glaubwürdigkeit der Wissenschaften Abbruch getan hat. Deshalb wäre es aus meiner Sicht gut, wenn sich Politik, Wirtschaft und Wissenschaft wieder mehr entkoppeln würden; wenn das alte Ethos der Wissenschaft neu zur Geltung käme: Die Welt verstehen, um im Einklang mit ihren Spielregeln zu leben. Und das hieße zunächst mal: den Klimawandel ernst nehmen und das Verhalten dem anpassen. Wenn wir das nicht tun, sägen wir nämlich den Ast ab, auf dem wir nutzen: die Natur.
Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
Aktuelle Bücher von ihm sind „Wacher Geist und fester Schritt. The Donkey School for Leadership" (2024), „Schönheit rettet die Welt” (2024) und "Der Club der alten Weisen" (2023).
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org
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