Wirtschaft | Lieferkette & Produktion, 16.08.2026
Resiliente Lieferketten benötigen belastbare Nachweise
Audits und Zertifizierungen als zentrale Instrumente für Risikomanagement, ESG-Compliance und Resilienz
Unternehmen müssen heute nicht nur wissen, woher ihre Rohstoffe stammen, und ESG-Anforderungen erfüllen, sondern dies auch nachweisbar belegen können. Für Compliance, Resilienz und Vertrauen braucht es daher mehr als Transparenz: Entscheidend sind belastbare Nachweise entlang der Lieferkette.

Effizienz, Verfügbarkeit und Kosten waren lange Zeit die zentralen Kriterien für die Auswahl von Lieferanten. Doch das reicht nicht mehr aus. Geopolitische Spannungen, volatile Rohstoffmärkte, strengere ESG-Anforderungen und neue Sorgfaltspflichten haben die Anforderungen an Procurement-Abteilungen und das Lieferantenmanagement grundlegend verändert. Immer wichtiger wird die Frage, ob Unternehmen die Einhaltung definierter Umwelt- und Sozialanforderungen entlang der Lieferkette belastbar nachweisen können. Und woher kommen bei rohstoffintensiven Wertschöpfungsketten die Materialien überhaupt? Unternehmen, die darauf glaubwürdige und belastbare Antworten liefern können, sichern sich sowohl regulatorische Konformität, Vertrauen von relevanten Stakeholdern sowie eine resiliente Lieferkette.
Ein gutes Beispiel für komplexe Lieferketten ist die Forst- und Holzwirtschaft. Holz, Papier und andere holzbasierte Produkte stehen exemplarisch für Lieferketten, in denen Rohstoffquellen, Verarbeitungsstufen und Handelswege häufig über Länder und Kontinente hinweg miteinander verknüpft sind. Je komplexer diese Strukturen sind, desto schwieriger wird es, den Ursprung von Materialien, ihre Verarbeitung und ihre Vermarktung lückenlos nachzuvollziehen.
Regulatorik erhöht die Anforderungen an Herkunftsnachweise
Nachweis-Druck auf Unternehmen entsteht unter anderem durch gesetzliche Regulierung. Um beim Beispiel Holzwirtschaft zu bleiben: Die EU-Entwaldungsverordnung (EUDR) verpflichtet Unternehmen, die mit bestimmten Rohstoffen und Produkten handeln oder diese in Verkehr bringen, zu Nachweisen über deren legale und entwaldungsfreie Herkunft. Für betroffene Rohstoffe und Produktgruppen – darunter Holz, Papier oder Kautschuk – reicht es künftig nicht aus, allgemeine Lieferantenerklärungen vorzulegen. Unternehmen müssen belegen, dass ihre Erzeugnisse aus legalen Quellen stammen und nicht von Flächen kommen, die nach dem 31. Dezember 2020 entwaldet wurden. Hinzu kommt die Pflicht, hierfür strukturierte Sorgfaltsprozesse einzurichten, Informationen zu sammeln, Risiken zu bewerten und gegebenenfalls Maßnahmen zur Risikominderung umzusetzen.

Warum Transparenz allein nicht mehr genügt
Viele Unternehmen haben in den vergangenen Jahren bereits in digitale Plattformen, Lieferantendatenbanken und Selbstauskunftssysteme investiert. Solche Werkzeuge sind wichtig, weil sie Transparenz schaffen, Materialströme sichtbar machen und erste Risikobewertungen ermöglichen. Doch Daten allein sind noch kein belastbarer Beleg. Spätestens wenn Aufsichtsbehörden, Kunden oder andere Stakeholder Nachweise einfordern, zeigt sich, ob ein Unternehmen seine Angaben auch belegen kann. Ungeprüfte Selbstauskünfte, fragmentierte Datensysteme und nicht aufeinander abgestimmte Einzelmaßnahmen führen dabei häufig zu Lücken in der Nachweisfähigkeit. Resiliente Lieferketten erfordern daher verifizierte Transparenz.
Audits machen aus Daten belastbare Evidenz
Audits und entsprechende Nachweise können die Brücke zwischen dokumentierten Prozessen und tatsächlicher Umsetzung schlagen. Denn sie prüfen, ob definierte Verfahren existieren, ob sie wirksam angewendet werden und ob die vorliegenden Informationen mit der Realität übereinstimmen. Dazu gehören Dokumentenprüfungen ebenso wie Vor-Ort-Besuche, Interviews und der systematische Abgleich zwischen Prozessbeschreibungen und gelebter Praxis. Sie helfen Unternehmen, Schwachstellen sichtbar zu machen, etwa bei Prozessdisziplin, Dokumentation, Kontrollmechanismen oder der Verlässlichkeit von Lieferantenangaben. Richtig eingesetzt werden Audits zu einem zentralen Steuerungswerkzeug für resilientere Lieferketten.
Risikobasierte Prüfstrategien steigern die Wirksamkeit
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Die Wahl des richtigen Audit-Rahmens
Unternehmen sollten auf eine Kombination aus international anerkannten Managementsystemstandards und branchenspezifischen Programmen setzen. Bei der Auswahl unerlässlich ist eine Risiko- und Wesentlichkeitsbewertung, um die relevanteste Kombination zu ermitteln.
Ein Überblick über gängige Standards:
Tipp: Eine begrenzte Anzahl gut integrierter Standards und Systeme, die in Managementsysteme eingebettet sind und durch strukturierte Lieferantenbewertungen unterstützt werden, erzielt eine größere Wirkung als zahlreiche sich überschneidende Anforderungen. |
Besonders wirksam sind Audits dann, wenn sie risikobasiert eingesetzt werden. Nicht jeder Lieferant und nicht jedes Material bringt dieselbe regulatorische, ökologische oder soziale Exposition mit sich. Deshalb empfiehlt sich ein gestufter Ansatz: Zunächst werden Lieferanten und Rohstoffe bspw. anhand von Herkunft, strategischer Bedeutung, Risikoprofil und Materialität bewertet. Darauf aufbauend lassen sich geeignete Maßnahmen definieren – von Dokumentenprüfungen und Zertifikatsbewertungen bis hin zu vertieften Audits bei kritischen Akteuren oder sensiblen Rohstoffquellen. Ein solcher Ansatz verbessert den Ressourceneinsatz, erhöht die Wirksamkeit von Sorgfaltsprozessen und stärkt die Fähigkeit von Unternehmen, ihre Lieferketten auch unter unsicheren Rahmenbedingungen stabil zu halten.
Rückverfolgbarkeit als Grundlage resilienter Lieferketten
Die Audits können durch spezifische Materialherkunftsnachweise ergänzt werden. Sie verknüpfen Materialien, Lieferanten, Chargen und Prozessschritte über mehrere Stufen hinweg und schafft damit die Grundlage, um kritische Rohstoffströme systematisch zu erfassen und rückverfolgen zu können. Besonders im Beispiel Holzwirtschaft ist das relevant, weil Informationen zur Herkunft des Materials, zu vorgelagerten Akteuren und im regulatorischen Kontext der EUDR auch zu Geolokalisierungsdaten eine zentrale Rolle spielen können. Rückverfolgbarkeit ermöglicht Unternehmen, Risiken nicht erst am Ende der Lieferkette zu betrachten, sondern bereits am Ursprung anzusetzen. Sie verbessert damit nicht nur die ESG-Steuerung, sondern auch die Fähigkeit, Beschaffungsrisiken frühzeitig zu erkennen und auf Störungen vorbereitet zu reagieren.
Chain-of-Custody-Zertifizierungen schaffen belastbare Nachweise
Allerdings gilt auch hier: Rückverfolgbarkeit allein genügt nicht. Sie schafft Struktur, aber noch keine unabhängige Absicherung. Gerade deshalb gewinnen Zertifizierungen wie die Chain-of-Custody-Zertifizierungen in der Forst- und Holzwirtschaft an Bedeutung. Sie stellen sicher, dass Materialien entlang der Produktkette nachvollziehbar geführt, getrennt oder nach definierten Regeln bilanziert werden und dass Unternehmen klare Anforderungen an Dokumentation, Prozesskontrolle und Materialflüsse erfüllen. Im Zusammenhang mit der EUDR kann eine solche Zertifizierung zudem durch zusätzliche Module erweitert werden, die Anforderungen an ein Due-Diligence-System, an Risikobewertung und an Prozesse zur Risikominderung aufgreifen. Das macht Zertifizierung nicht zum Ersatz regulatorischer Verantwortung, aber zu einem praktikablen Baustein für deren Umsetzung.
Von Transparenz zu nachweisbarer Kontrolle
In einer Wirtschaft, in der Nachhaltigkeitsanforderungen, Sorgfaltspflichten und Rohstoffrisiken zunehmend zusammenwachsen, werden belegbare Auskünfte zu Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards sowie über Materialherkunft zu einem strategischen Faktor. Nachhaltige und resiliente Lieferketten entstehen dort, wo Daten, Rückverfolgbarkeit, unabhängige Prüfung und glaubwürdige Nachweissysteme ineinandergreifen. Genau darin liegt der Unterschied zwischen Daten-Transparenz und belastbarer Zukunftsfähigkeit. Weiterführende Links & wichtige Verbände und Organisationen:
Dr. Alice Beining ist Fachliche Leiterin der Product Line Sustainability bei TÜV SÜD Management Service und begleitet als Nachhaltigkeitsexpertin seit über 15 Jahren Unternehmen zu verschiedenen CSR-Themen.
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