Kerstin Hochmüller
Umwelt | Ressourcen, 01.09.2025
Antworten auf Dumpingpreise
Wettbewerbsfähig durch Wiederverwertung
Chinas Dumpingpreise setzen den deutschen Mittelstand unter Druck. Doch wer jetzt auf Kreislaufwirtschaft setzt, kann sich unabhängiger machen – wirtschaftlich wie geopolitisch. forum zeigt, warum Recycling und Wiederverwertung kein „grünes Extra" sind, sondern zur strategischen Notwendigkeit werden – und was jetzt auf politischer Ebene passieren muss.
Während der deutsche Mittelstand noch auf günstige Vorprodukte aus Asien setzt, hat sich die geopolitische Realität längst verschoben. China tritt nicht mehr nur als Lieferant auf, sondern als direkter Wettbewerber – mit Dumpingpreisen, denen deutsche Hersteller kaum etwas entgegensetzen können.Vor allem die Kunststoffverarbeitung ist betroffen: Werkzeuge, Komponenten und Elektronikbauteile werden weiterhin billig importiert, während deutsche Betriebe mit steigenden Kosten kämpfen. Wer jetzt keine strategischen Alternativen entwickelt, verliert den Anschluss.
Circular Economy als wirtschaftliche Strategie
Eine echte Chance liegt in der Circular Economy. Oft als Nachhaltigkeitsthema abgetan, ist sie längst ökonomisch relevant.
Die Potenziale sind branchenübergreifend enorm: So könnten in der Textilbranche Recycling-Modelle bis 2030 ein zusätzliches Marktvolumen von 4,5 Milliarden Euro schaffen. Auch in der Automobilindustrie lassen sich durch systematische Rücknahme und Aufbereitung von Komponenten die Produktionskosten um bis zu 50 Prozent senken.
Unternehmen, die Recycling als Teil ihrer Wertschöpfung verstehen, machen sich robuster gegen Lieferengpässe und geopolitische Risiken. Doch der Weg dahin ist steinig – vor allem wegen rechtlicher Hürden.
Gute Ideen – schlechte Rahmenbedingungen
Ein Kernproblem ist die Gesetzgebung: Rückgeführte Produkte gelten rechtlich sofort als Abfall. Selbst technisch funktionsfähige Bauteile dürfen nicht direkt wiederverwendet werden – zuerst müssen sie recycelt werden. Welche Normen dabei gelten, muss häufig juristisch geklärt werden. Das kostet Zeit und Geld. Auch die Bewertung von Materialien ist oft widersinnig: Kunststoffe mit hoher Recyclingfähigkeit schneiden bei CO2-Bilanzen schlechter ab, weil nur die Herstellung berücksichtigt wird – nicht die mögliche Wiederverwendung.
Zudem sind Rezyklate in vielen Bereichen teurer als neue Materialien. Diese Verzerrung sorgt für Irritation im Markt und behindert nachhaltige Entscheidungen. Normative Hürden und Bürokratie machen Kreislaufwirtschaft zur wirtschaftlich schlechteren Option – ein strategischer Fehler.
Was jetzt passieren muss
Der Mittelstand braucht politische Rückendeckung. Dazu gehören:
- Rechtssicherheit bei der Wiederverwendung intakter Altprodukte
- Korrekte und einheitliche CO2-Bewertungen, die den Nutzen von Rezyklaten realistisch abbilden
- Steuerliche Anreize für ressourcenschonende Produktion
- Regulatorische Freiräume, um neue Modelle zu erproben
Auch Konsumenten können ihren Beitrag leisten – durch bewussten Konsum, der Langlebigkeit, Reparierbarkeit und Recyclingfähigkeit honoriert. Letztlich geht es um eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung, die Deutschland wirtschaftlich unabhängiger machen kann.
Der Mittelstand ist bereit
Vorreiter wie Fairphone oder der Büromöbelhersteller Wilkhahn zeigen, wie es geht: Durch modulares Design und systematische Rücknahme erreichen sie Recyclingquoten von stellenweise über 90 Prozent. Der Verbundwerkstoff-Hersteller Tecnaro macht vor, wie aus Biokunststoffen hochwertige technische Bauteile entstehen. Unternehmen wie diese, die trotz aller Hürden früh begonnen haben, eigene Kreislaufprozesse aufzubauen, wissen: Der Aufwand lohnt sich, wirtschaftlich wie ökologisch.
Unternehmen, die es schaffen, sich unabhängig von Rohstoffimporten zu machen, werden die Gewinner der nächsten Jahre sein. Es ist Zeit, Kreislaufwirtschaft als das zu begreifen, was sie ist: eine wirtschaftliche Chance mit systemischer Relevanz.
Kerstin Hochmüller ist Geschäftsführerin der Marantec Group und Initiatorin der Open Champions. Sie setzt sich seit vielen Jahren für zukunftsfähige Geschäftsmodelle im Mittelstand ein – mit einem besonderen Fokus auf ressourcenschonende Produktion und Kreislaufwirtschaft. Vom Handelsblatt wurde sie zu einer der Top 50 Unternehmerinnen Deutschlands gewählt.
Circular Economy-Vorreiter
- Vaude ist ein Vorreiter der nachhaltigen Outdoor-Bekleidung und setzt seit Jahren auf umweltfreundliche Materialien, reparierbare Produkte und ein eigenes Rücknahmeprogramm. Bei ausgewählten Artikeln verfolgt das Unternehmen ein konsequentes Cradle-to-Cradle-Prinzip und bietet zusätzlich Reparaturservices sowie Ersatzteile an.
- Werner & Mertz, bekannt durch die Marke Frosch, gilt als Pionier im Bereich nachhaltiger Verpackungen. Mit der Recyclat-Initiative treibt das Unternehmen geschlossene Materialkreisläufe und transparentes Recycling in Europa voran – und wurde dafür mehrfach ausgezeichnet.
- Interzero ist ein Circular-Economy-Dienstleister, der andere Unternehmen beim Aufbau von Rücknahme-, Sortier- und Recyclingprozessen unterstützt. Besondere Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung geschlossener Stoffkreisläufe, etwa für Verpackungen oder Elektrogeräte.
- Freitag produziert Taschen und Accessoires aus gebrauchten Lkw-Planen, Sicherheitsgurten und Fahrradschläuchen. Jedes Produkt ist ein Unikat und verkörpert die Idee der Wiederverwertung. Das Unternehmen überzeugt mit radikaler Transparenz bei Herkunft und Materialeinsatz.
Akteure der Kreislaufwirtschaft
Wirtschaft:
- Cradle to Cradle NGO (Branchen-Netzwerk): Zentrales Netzwerk zur Förderung zirkulärer Prinzipien in der Wirtschaft.
- BDE (Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Kreislaufwirtschaft): Bedeutender Branchenverband für Entsorgungs- und Kreislaufwirtschaft.
- VDI Zentrum Ressourceneffizienz: Wichtige Anlaufstelle für Unternehmen zur Steigerung der Ressourceneffizienz.
- Circular Economy Initiative Deutschland: Plattform, die Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft für eine zirkuläre Transformation zusammenbringt.
- German RETech Partnership: Netzwerk zur Förderung von Recycling- und Entsorgungstechnologien mit Fokus auf internationale Zusammenarbeit.
- BDI (Bundesverband der Deutschen Industrie): Spitzenverband der deutschen Industrie, der sich für nachhaltige Industriepolitik und Ressourceneffizienz einsetzt.
Politik:
- BMUV: Das Umweltministerium ist federführend für Kreislaufwirtschaft auf Bundesebene.
- EU-Kommission (Green Deal): Die Europäische Kommission treibt mit dem Green Deal und dem Circular Economy Action Plan die Kreislaufwirtschaft europaweit voran.
- Die GIZ (Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit) unterstützt Kreislaufwirtschaftsprojekte weltweit.
- UBA: Das Umweltbundesamt bietet eine umfassende Expertise zu Umwelt- und Ressourcenschutz.
- Das BMBF (Bundesministerium für Bildung und Forschung) fördert Forschung und Innovationen, auch im Bereich nachhaltiger Technologien und Kreislaufwirtschaft.
Dieser Artikel ist in forum 04/2025 - Zukunft gestalten erschienen.
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