David Quirchmayr
Wirtschaft | Marketing & Kommunikation, 01.06.2026
Schicksal oder Werkzeug
Der Journalismus im Krieg mit sich selbst
Krisen- und Kriegsnachrichten dominieren die Medien und verstärken das Gefühl von Hoffnungs- und Machtlosigkeit. In der aktuellen Medienlandschaft sind deshalb alternative Perspektiven wichtiger denn je. Dafür braucht es einen Journalismus, der nicht nur Konflikte thematisiert, sondern auch Wege zum Frieden sichtbar macht.
Schlagzeilen wie „USA entern Tanker", „Russische Geheimagenten auf Deutscher Autobahn festgenommen", „Iran – Die Menschen haben die Hoffnung verloren", „Trump plant völlige Eskalation", „Sorge vor einem neuen Krieg am Horn von Afrika" dominieren die Medien. Wer sich über das Weltgeschehen informiert, wird von Kriegs- und Krisennachrichten überrollt. Nachdem die Sensationslust befriedigt ist, folgt ein Gefühl von Resignation und in der Folge Lethargie. Es stellt sich daher die Frage warum es so wenig „Gute Nachrichten" gibt.„Wenn die Medien nicht die Mächtigen zur Rechenschaft ziehen, wer wird es dann tun? Unsere Aufgabe ist es, die Wahrheit zu berichten, selbst wenn sie unbequem ist.”
Dean Yates, ehemaliger Journalist und Reuters-Büroleiter
Werden Medien ihrer Verantwortung gerecht?
Leitmedien verstecken sich hinter alten Paradigmen des Nachrichtenwerts wie z.B. „Bad News are Good News" und vertrauen den algorithmischen Logiken der Social Media Riesen. Was sie damit verstärken, ist ein Problem, gegen das sie bei sinkenden Auflagen und Zuschauerzahlen eigentlich kämpfen müssten: Nachrichtenmüdigkeit.
Viele Menschen stempeln heute die Medien als hetzerisch und einseitig ab, schalten weg, verdrängen die Realität oder versteigen sich in sogenannten Verschwörungstheorien.
Doch gerade ein inklusiver Journalismus müsste beides leisten: Konflikte sichtbar machen und zugleich (Friedens-)initiativen, Lösungsansätze und Auswege präsentieren und ernsthaft mitdenken – Aber davon fast keine Spur in den Schlagzeilen und Talkshows.
Medien sind Gatekeeper
Pushen Medien bewusst Kriegs- und Krisennachrichten und kehren Hilfs- und Friedensinitiativen eher unter den Teppich? Eine Studie der Universität Mainz zur Ukraine-Berichterstattung zeigt, dass deutsche Leitmedien in den ersten drei Kriegsmonaten diplomatische Verhandlungen nur in 43 Prozent der Beiträge behandelten, während militärische Unterstützung der Ukraine 74 Prozent der Inhalte ausmachte.
Das Phänomen ist nicht neu – aber beruht es auf Zufall? Bereits Ende der 1980er Jahre analysierten die US-Wissenschaftler Herman und Chomsky mit ihrem Propaganda Modell, dass Medienhäuser in liberalen Demokratien die Wahrnehmung nicht durch Lügen beeinflussen – sondern durch selektive Reduktion und bewusste Überbetonung also „Framing". Daneben führen institutionelle und wirtschaftliche Zwänge, Routinen und Erwartungshorizonte dazu, dass die Berichterstattung oft innerhalb „enger Grenzen" bleibt.
Frieden ist langweilig
Die meisten Medien spielen bewusst mit der unterschwelligen Sehnsucht nach Katastrophe und Drama. Man kennt dieses menschliche Phänomen von Gaffern bei Verkehrsunfällen, TV-Formaten wie dem Dschungelcamp und der Zusammenstellung von Nachrichtenübersichten wie zum Beispiel auf der Microsoft Network (msn) Startseite.
Dieser voyeuristische Charakterzug der Menschen wird von den Medien mit Überzeichnung und Personifizierung zusätzlich befeuert. Gute Ideen und Initiativen ziehen weniger Aufmerksamkeit auf sich als prominente Personen und reißerische Schlagzeilen. „Trump plant totale Zerstörung" hat nach der gängigen Medienlogik mehr Nachrichtenwert als beispielsweise „Thailändische Friedensinitiative veröffentlicht 10 Punkte Plan".
Johan Galtung hat diesen Zusammenhang früh pointiert, indem er darauf hinwies, dass Gewalt journalistisch leichter als „Ereignis" funktioniert, während Frieden oft als zu langsam, zu abstrakt und damit als weniger berichtenswert erscheint.
Müssen sich friedens- und freiheitsliebende Journalisten an diese Logik anpassen oder anfangen Friedensprozesse geschickt als spektakuläres Ereignis zu verkaufen? Und vor allem: Ist eine Medienlogik, die Gewalt systematisch gegenüber Frieden bevorzugt, bei zunehmendem Säbelrasseln der Politik, sich häufenden globalen Konflikten und potenziell zerstörerischen Folgen für Mensch, Tier und Klima, überhaupt noch zeitgemäß?
Krieg ist sexy
Bereits im ersten Weltkrieg wurde nicht nur dokumentiert, sondern gezielt ästhetisiert: Starfotografen wie Frank Hurley machten das Schlachtfeld mit nachträglich manipulierten Fotografien dramatisch, heroisch und „schön". Die Erzählung vom „ritterlichen Abenteuer" sollte den Krieg legitimieren und Rekruten an die Front bringen. Was vor hundert Jahren Aufnahmen heroischer Soldaten waren sind heute High Resolution Drohnenbilder hinterlegt mit epischer Musik…
Auch das Phänomen des „Embedded Journalism" ist in der Kritik: US- und UK-Journalisten aßen im Irak Krieg mit Soldaten, schliefen in denselben Camps – lebten an ihrer Seite. So zeigten sie den Krieg aus der Perspektive der Soldaten und die USA erreichte damit ihr Ziel die „Bildhoheit" in der Berichterstattung zu gewinnen.
Action Cam und Flugzeugaufnahmen reduzierten dabei den Krieg auf technisierte Bilder, die mehr an ein Videospiel erinnerten als an reales menschliches Leid mit all seinen Schmerzen, Gerüchen, Geräuschen, Unwägbarkeiten und Tod.
Erst durch Wikileaks oder Dokumentationen wie „The War You Don’t See" wurden Kriegsverbrechen der Soldaten und das Schicksal der Zivilbevölkerung öffentlich sichtbar gemacht.
Algorithmen als Brandbeschleuniger
Was passiert also, wenn Kriegsberichterstattung mit veralteter Medienlogik auf monopolistische Internetplattformen trifft, deren Algorithmen sowieso emotionale und gewalttätige Inhalte bevorzugen? Richtig: Das Problem verschlimmert sich exponentiell.
Als Reaktion passen sich die letzten verbliebenen Leitmedien den Social Media Plattformen von reaktionären Tech-Milliardären an, um den niedrigen Aufmerksamkeitsspannen der Konsumenten und den Wünschen des Algorithmus gerecht zu werden. In der Folge reduzieren selbst renommierte Medienhäuser komplizierte Sachverhalte auf ein absolutes Minimum und informieren vor allem über das, was Klicks bringt: Krisen, Kriege, Katastrophen.
Die Folge ist doppelt fatal: Einerseits treiben diese Mechanismen Polarisierung, Verrohung und geistige Abstumpfung voran, andererseits führen sie zu Überforderung und Nachrichtenmüdigkeit. Sachliche Einordnung, Kontext und Differenzierung fallen dabei immer häufiger unter den Tisch.
Und genau darin liegt das eigentliche Problem: Wie schon über Jahrzehnte die klassische Medienlogik Frieden und Friedensinitiativen an den Rand gedrängt hat, sortiert heute die Plattformlogik alles aus, was zu leise, zu komplex oder zu unspektakulär ist, um im Feed zu bestehen.
Die vergessenen Geschichten: Frieden im Medien-Schatten
Gute Nachrichten, Konstruktiver- und Friedensjournalismus ist kein „Wohlfühljournalismus", sondern ein multiperspektivisches Werkzeug gegen die einseitige Katastrophenlogik der Medien. Die Windesheim-University hat einen Leitfaden für einen solchen konstruktiven Journalismus geschaffen, der auf drei Säulen beruht:
- Lösungsorientierung statt Problemfixierung,
- Zukunftsorientierung, die der Frage „Was nun?" nicht ausweicht
- Inklusivität als Gegenmittel zu Polarisierung und Überzeichnung.
Sorgfältig beleuchtete Kontexte korrigieren damit Fehlwahrnehmungen und laden das Publikum zur Ko-Kreation ein. Magazine wie „Perspective Daily" und forum future economy haben sich ganz dieser Praktik verschrieben und kämpfen so gegen Nachrichtenmüdigkeit und Negativität. Sie präsentieren Lösungen statt Probleme.
Sie zeigen Projekte wie „Peace Counts", die individuelle Schicksale, Aktivismus und Lösungsinitiativen vorstellen und damit beweisen: Friedensmacher sind keine Utopisten, sondern Akteure, deren Arbeit sichtbar gemacht und unterstützt werden muss.
Medien wie „Wissenschaft und Frieden" oder das Peace Research Institute Frankfurt zeigen ebenfalls, wie es geht: durch Tiefe statt Clickbait, Analyse statt Emotionalisierung. Gegen die algorithmische Logik des Sensationellen steht hier ein Journalismus der Deeskalation – nicht als Alternative, sondern als Korrektiv. Denn Friedensberichterstattung ist kein Luxus, sondern die einzige Chance, die Medien aus ihrer eigenen Logik zu befreien.
Medien als Werkzeug – nicht als Schicksal
Medien-Konsumenten sind nicht machtlos. Bewusstes Verzichten auf Doomscrolling, Newsticker oder Kurznachrichten wäre ein Anfang. Wer auf Sachbücher, Hintergrundartikel und Deepdives umsteigt, schärft sein Know-how, gewinnt Einsichten, stärkt Hoffnung und findet Motivation, sich selbst zu engagieren.
Der Journalismus wiederum sollte die vorherrschende Aufmerksamkeitslogik und politische Paradigmen nicht als Naturgesetze sehen. Er darf Neutralität nicht als Ausrede für die Ausblendung von Gegenperspektiven und Lösungsansätzen nehmen. Er muss alle Parteien eines Konflikts beleuchten und Friedensinitiativen und deren Vorreitern ebenso eine Bühne bieten wie der Kriegsberichterstattung. Es braucht deshalb transparente, unabhängige Medien, die sich nicht von Tech-Konzernen oder dem Mantra der Medienlogik vereinnahmen lassen.
Genossenschaftsmodelle müssen gestärkt und investigativer und vor allem konstruktiver Journalismus sollte vermehrt gefördert werden. Gleichzeitig darf unsere Gesellschaft lernen: Gute Medien kosten Geld – und wirklich gute Medien werden dem Frieden und konstruktiven Lösungen immer eine Stimme geben.
Gut zu wissen
Journalismus für die Zukunft
Friedensjournalismus zeigt Konflikte nicht als reine Auseinandersetzung, sondern fragt nach Ursachen, Strukturen und Lösungswegen. Er rückt Stimmen betroffener Zivilgesellschaften in den Vordergrund, vermeidet entmenschlichende Begriffe und sucht Handlungsoptionen jenseits von Gewalt. Auf diese Weise kann er Deeskalation unterstützen und andere Mandate als reine Krisen- oder Kriegsberichterstattung einnehmen.
Konstruktiver Journalismus erweitert klassische Berichterstattung, indem er Probleme nicht nur analysiert, sondern auch nach Lösungen, Alternativen und Fortschritten sucht. Er verbindet Kritik mit Aufklärung über Perspektiven und zeigt mögliche Wege aus einer Krise.
Praxisbeispiele Friedensjournalismus:
- Center for Global Peace Journalism (USA): Akademisches Zentrum für Forschung und Training im Bereich Friedensjournalismus.
- Fondation Hirondelle (Schweiz): Non-Profit-Organisation, die sich dafür einsetzt, dass Menschen in Krisenregionen Zugang zu verlässlichen, lokalen und unabhängigen Informationen haben. Ziel: Medien für Frieden, menschliche Würde und eine friedliche Gesellschaft.
- TRANSCEND (International): Media Service: Lösungsorientierter Friedensjournalismus
- journalists4peace (Österreich): Unabhängiges Netzwerk von Journalisten, Medienschaffenden und Kommunikationsexperten. Online-Plattform zum freien Gedankenaustausch über die Bedeutung von Journalismus und Medien im Friedensprozess. Credo: Die Welt braucht mehr Friedensjournalisten als Kriegsberichterstatter.
- Erich-Brost-Institut (Deutschland): Arbeitet an internationalem, konfliktsensitivem Journalismus.
Praxisbeispiele konstruktiver Journalismus:
- Perspective Daily: Online-Magazin, das gesellschaftliche Herausforderungen explizit über Lösungsansätze verhandelt und Wege aus Polarisierung und Konflikt im Blick behält.
- Good News Magazin: Plattform und Print-Magazin für positive Nachrichten.
- Good News: Täglich lösungsorientierte Nachrichten.
- The Optimist Daily: Täglich gute Lösungen und Inspirationen.
- Wir. Der MutmachPodcast: Audioformat, das sich auf bewegende Geschichten von Menschen konzentriert, die Lösungswege erprobt haben.
- forum future economy: Lösungen für eine Wirtschaft und Gesellschaft Im Wandel.
David Quirchmayr studiert Journalismus und Politik an der Universität Passau. Er beschäftigt sich als forum-Redakteur mit Kultur, regenerativer Landwirtschaft und geopolitischen Zusammenhängen.
Dieser Artikel ist in forum 03/2026 - Frau Reiche – es reicht! erschienen.
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