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Thomas Schindler

Das Oslo Projekt

Ein umgekehrtes Manhattan-Projekt für das Leben

Was wäre, wenn wir den Erfindungsgeist des Manhattan-Projekts nicht für Zerstörung, sondern für das Gedeihen des Lebens einsetzen würden? Das Oslo Projekt formuliert genau diesen radikalen Perspektivwechsel: eine globale Koalition, die Wirtschaft, Wissenschaft und Kapital neu ausrichtet – weg von Extraktion und Zerstörung, hin zu einer lebensdienlichen, regenerativen Ökonomie.
 Oslo Project vs. Manhattan-Project © erstellt mit KI

Manhattan- versus Oslo-Projekt

Das Manhattan-Project war ein streng geheimes US-amerikanisches Forschungs- und Entwicklungsprogramm im Zweiten Weltkrieg. Ziel war die Entwicklung der ersten Atombombe, bevor das nationalsozialistische Deutschland dazu in der Lage sein könnte. Zwischen 1942 und 1945 arbeiteten über 130.000 Wissenschaftler:innen, Techniker:innen und Militärangehörige an verschiedenen Standorten daran. Beteiligt waren auch viele geflüchtete europäische Physiker wie J. Robert Oppenheimer. Das Projekt führte zur Entwicklung zweier Atombomben, die im August 1945 auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden – mit hunderttausenden zivilen Opfern. Es markiert den Beginn des nuklearen Zeitalters und gilt bis heute als Wendepunkt der Weltgeschichte – wissenschaftlich, militärisch und moralisch.

Das Oslo Project will in einer ersten fünfjährigen Pilotphase weltweit zehn reale Modellregionen („Bioregions") aufbauen, die sich materiell selbst versorgen können. In jeder Region sollen zuerst die bestehenden Abhängigkeiten von fossilen Energien, globalen Lieferketten, beschränkten Ressourcen, und Importen analysiert werden. Anschließend werden diese sukzessive durch lokale erneuerbare Energiesysteme, regenerative Landwirtschaft, neue biobasierte Materialien und regionale Produktions- und Stoffkreisläufe ersetzt. Die dafür entwickelten Lösungen sollen vor Ort finanziert, umgesetzt und getestet, und anschließend als offen zugängliche Baupläne, Protokolle und Standards dokumentiert werden, sodass sie in anderen Regionen weltweit zum Einsatz kommen können. Ziel ist ein wachsendes Netzwerk von real funktionierenden, lokal resilienten Versorgungsräumen, die unabhängig von fossilen und globalisierten Industrieketten bestehen können.
Wir erleben die Symptome einer Metakrise – eines fehlerhaften globalen Betriebssystems, das Extraktion belohnt und damit seine eigenen Lebensgrundlagen untergräbt. In dieser „multipolaren Falle" kann kein Staat und kein Unternehmen allein aus der destruktiven Logik ausbrechen, ohne seine Wettbewerbsfähigkeit oder gar Existenz zu riskieren. Jede isolierte Anstrengung verpufft im Angesicht der systemischen Trägheit. Inkrementelle Verbesserungen reichen daher nicht mehr aus. Gefordert ist eine Anstrengung von vergleichbarer Dimension wie das Manhattan-Projekt des 20. Jahrhunderts – also die damalige beispiellose Bündelung von Spitzenforschung, Kapital und politischem Willen für die tragische Entwicklung der Atombombe. Im 21. Jahrhundert muss diese Bündelung jedoch mit umgekehrtem Vorzeichen erfolgen: Für die Sicherung einer lebensfähigen Zukunft der Menschheit.

Volle Kraft voraus: aus der Systemkrise zur koordinierten Antwort
Hier setzt das Oslo Projekt an. Es wird von einer seit Jahrzehnten zusammenarbeitenden Gruppe von Vordenker:innen getragen und ist in Norwegen angesiedelt, weil dort mit dem demokratisch kontrollierten Staatsfonds eines der größten öffentlichen Vermögen der Welt existiert. Das eröffnet die einzigartige Möglichkeit, Investitionen von systemischer Größenordnung transparent und gemeinwohlorientiert zu mobilisieren. Das Projekt versteht sich als ein „umgekehrtes Manhattan-Projekt" für das 21. Jahrhundert: eine globale Initiative, die die weltweit führenden Talente und Ressourcen mobilisiert, um die Bausteine für eine lebensdienliche Zivilisation zu schaffen und diese als Open-Source-Gemeingüter frei zu verteilen. Das erklärte Ziel ist nicht gegenseitig zugesicherte Zerstörung (mutually assured destruction), sondern gegenseitig gesichertes Gedeihen (mutually assured thriving).

Das Manhattan-Projekt war deshalb „erfolgreich", weil es eine als existenziell wahrgenommene Bedrohung mit einer außergewöhnlichen Konzentration von Ressourcen, einer klaren, übergeordneten Mission und der Bündelung von Weltklasse-Talent über alle Disziplinen hinweg beantwortete. 

Die heutige Metakrise stellt eine ebenso existenzielle Bedrohung dar, wird jedoch meist mit fragmentierten, unterfinanzierten und oft konkurrierenden Lösungsansätzen bekämpft – ein fundamentales Koordinationsversagen. Das Oslo Projekt adaptiert daher die Struktur des Manhattan-Projekts und bringt damit genau jene Elemente zusammen, die bei vielen heutigen Nachhaltigkeitsbemühungen fehlen: Es schlägt keine weiteren kleinteiligen CSR-Maßnahmen vor, sondern eine strategische Neuausrichtung der globalen Innovations- und Kapitalströme. Es ist eine Antwort auf Systemebene, die genau jene grundlegenden Fehler adressiert, unter denen auch die Unternehmen heute leiden.

Der philosophische Kompass: von „Shallow Ecology" zu unternehmerischer Weitsicht
Das Oslo Projekt ist in der Arne Næss Foundation verankert und baut auf seiner Philosophie der Tiefenökologie auf. Der Philosoph Arne Næss unterschied zwischen „shallow ecology", die Natur nur aus menschlichem Nutzen schützt, und Tiefenökologie, die allem Leben einen Eigenwert zuschreibt. Diese Ethik, welche auch die Marke Patagonia prägte, fordert Respekt und Partnerschaft statt Dominanz und Ausbeutung. Für Unternehmen bedeutet das: Die Trennung zwischen Eigeninteresse und Natur ist eine Illusion – wer ökologische oder soziale Kosten externalisiert, schädigt letztlich sich selbst, da Unternehmen von stabilen Ökosystemen abhängen. Während Regulierungen wie CSRD oder CO?-Bepreisung externe Kosten zunehmend internalisieren, hat die Tiefenökologie diesen Schritt längst philosophisch vorweggenommen. Unternehmen, die nach ihr handeln, sehen Ökologie und Gesellschaft nicht als Kostenfaktor, sondern als strategische Investition in Resilienz, Zukunftsfähigkeit und eine lebensdienliche Zivilisation.

Die 22.000-Terawatt-Solarwirtschaft

Die Zahl von rund 22.000 Terawatt (TW) ergibt sich aus dem globalen Strahlungsbudget der Erde. Im Jahresmittel treffen etwa 340 W/m² Sonnenstrahlung auf die Atmosphäre, insgesamt rund 174.000 TW. Rund 48 Prozent der ursprünglichen Einstrahlung erreichen die Erdoberfläche. Auf die Landflächen (rund 29 Prozent der Erdoberfläche) entfallen schließlich rechnerisch etwa 22.000–24.000 TW an absorbierter Solarenergie. Diese Energiemenge ist zwar mit heutiger Technik nur zu einem sehr kleinen Teil direkt nutzbar, bildet jedoch die energetische Grundlage natürlicher Prozesse wie Photosynthese und Erwärmung. Langfristig eröffnet genau dieses solare Grundrauschen das Potenzial, Materialien und Energieträger über biologische und biomimetische Prozesse dezentral und ortsunabhängig zu erzeugen – jenseits klassischer Solarstrompfade. 
Die Heliogenese als Blaupause: regenerative Wertschöpfung mit regenerativer Energie
Während die Tiefenökologie den ethischen Kompass liefert, beschreibt die „heliogene Zivilisation" die ökonomische Landkarte des Oslo Projekts. „Heliogenese" steht für eine Wirtschaft, die ihre materiellen Grundlagen nicht mehr abbaut, sondern durch sonnengetriebene natürliche Prozesse „wachsen lässt". Im Kern geht es um den Übergang von einer aktuell fossilen 19-Terawatt-Ökonomie zu einer 22.000-Terawatt-Solarwirtschaft (siehe Kasten), die auf der gesamten regenerativen Kraft der Natur basiert – von Photosynthese bis zu biologischem Wachstum (siehe Kasten). Diese Logik der Fülle soll eine größere, zugleich lebensdienliche Wirtschaft ermöglichen, jenseits von Knappheit und Extraktion. Sie stützt sich auf drei konkrete Prinzipien:
  1. Das Leben im Zentrum: Das Leben ist nicht die Ressource, die für die Wirtschaft ausgebeutet wird, sondern der eigentliche Sinn und Zweck des Wirtschaftens. Der Erfolg wird nicht am Bruttoinlandsprodukt gemessen, sondern an der Gesundheit und dem Gedeihen von Menschen und ganzen Ökosystemen.
  2. Materielle Souveränität: Gemeinschaften und Regionen erlangen die Fähigkeit, die von ihnen benötigten Materialien vor Ort und auf regenerative Weise selbst herzustellen. Dies reduziert die Abhängigkeit von fragilen und oft unethischen globalen Lieferketten und stärkt die lokale Resilienz. 
  3. Ökonomie der Fürsorge: Die Logik des Wirtschaftens wandelt sich von rein transaktionalen Austauschbeziehungen, die auf Wettbewerb und individueller Nutzenmaximierung basieren, hin zu relationalen Beziehungen. Im Mittelpunkt stehen Fürsorge, Großzügigkeit und das gegenseitige Gedeihen. Es geht um die Schaffung von „Ökosystemen des Wohlbefindens".
Für die Wirtschaft ist Heliogenese die konsequente Weiterentwicklung der Kreislaufwirtschaft. Während industrielle Modelle lineare Prozesse mit energieintensivem Recycling schließen wollen, setzt Heliogenese früher an: Sie nutzt Materialien, die von Natur aus in perfekte biologische Kreisläufe eingebunden sind, wie z.B. amorphe Feststoffe, die aus biologischen Ausgangsstoffen (z.B. Zucker oder Proteine) hervorgehen. Das eröffnet Unternehmen radikale Chancen: Unabhängigkeit von volatilen Rohstoffmärkten, neue dezentrale Wertschöpfungsketten und Angebote, die nicht nur weniger schädlich, sondern aktiv gut für den Planeten sind. 

Ein neuer Kompass für Entscheider:innen – Koordination als Kernkompetenz
Die Lösungen für die Metakrise existieren längst – doch sie sind fragmentiert. Das Oslo Projekt versteht sich als Architekt eines globalen Koordinationssystems, das vorhandenes Wissen, Technologien und Praktiken zu einem kohärenten Ganzen verbindet. Für Entscheider:innen bedeutet das: Erfolg definiert sich über die Fähigkeit zur Koordination in Netzwerken und Ökosystemen. Zukunftsgestaltung heißt, vom Konkurrenten zum Ko-Kreateur zu werden.

Das Projekt setzt mit seinem „Intentional Death" 2041 ein bewusstes Zeichen gegen endloses Wachstum und lädt Unternehmen wie Einzelpersonen gleichermaßen zur Mitgestaltung ein: nicht „Was tun wir?", sondern „Wie koordinieren wir uns, um das längst Erkannte umzusetzen?".

Thomas Schindler ist Systemarchitekt und Vordenker einer „heliogenen Zivilisation", die technologische Innovation mit ökologischer und sozialer Regeneration verbindet. Mit seinem Unternehmen delodi hat er in Berlin eine Ressourcenplattform aufgebaut, die wirtschaftliche Erträge gezielt als Hebel für gemeinnützigen Systemwandel nutzt und transformative Initiativen wie die Initiative Regenerative Marktwirtschaft, MOTHERLAND, GITA oder das Oslo Project inkubiert und skaliert.


     
        
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