Karin Huber-Heim
Umwelt | Ressourcen, 15.04.2026
Aus Trümmern Werte schaffen
Die kreislauforientierte Wiederaufbau-Strategie der Ukraine
Die Ukraine muss unter Kriegsbedingungen neu bauen – und kann es sich gerade deshalb nicht leisten, Ressourcen linear zu verschwenden. Ausgerechnet im Ausnahmezustand entsteht ein Modell, von dem die Bau- und Abfallwirtschaft in der DACH-Region viel lernen kann.

Wer über den Wiederaufbau der Ukraine spricht, denkt meist zuerst an Häuser, Brücken, Netze und Schulen. Tatsächlich geht es um viel mehr: um Materialströme, Bauabfälle, knappe Rohstoffe, Importabhängigkeiten und die Frage, wie ein Land nach massiver Zerstörung nicht nur schnell, sondern besser neu entstehen kann. Genau hier gewinnt die Kreislaufwirtschaft strategische Bedeutung. Die Ukraine verankert Circular Economy inzwischen ausdrücklich im Ukraine Facility Plan der Jahre 2024 bis 2027.
Die Ukraine legt in ihrer Wiederaufbaustrategie nicht nur fest, dass zirkulär wiederaufgebaut werden soll, sondern auch über welche Reformbausteine das passieren soll. Unter „Increased circular economy" ist ein zweistufiger Reformpfad festgelegt: erstens die Verabschiedung einer Circular-Economy-Strategie samt Aktionsplan, zweitens die Umsetzung über Abfall- und Stoffstrompolitik, vor allem über den National Waste Management Plan bis 2033. der Wiederaufbau wird damit nicht nur als Bauprogramm, sondern als Ressourcen-, Industrie- und EU-Integrationsprojekt beschrieben. Der Plan nennt als Ziel eine modernere, ressourceneffizientere und wettbewerbsfähigere Wirtschaft, bei der Wachstum stärker vom Ressourcenverbrauch entkoppelt wird.
Die Weltbank schätzt den aktuellen Wiederaufbau- und Erholungsbedarfe der Ukraine auf fast 588 Milliarden US-Dollar über zehn Jahre. Allein für Gefahrenbeseitigung und Debris Clearance liegen die Kosten bei fast 28 Milliarden US-Dollar. Diese Größenordnungen zeigen: Ein linearer Wiederaufbau nach dem Muster „abreißen, deponieren, neu kaufen" wäre ökologisch wie ökonomisch ein Desaster.
Warum das auch ein DACH-Thema ist
Das Problem ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz strukturell bekannt – nur ohne Kriegsschäden. Der Bausektor ist einer der größten Ressourcenverbraucher überhaupt. In der EU entfallen mehr als ein Drittel des gesamten Abfallaufkommens auf Bau- und Abbruchabfälle; das Joint Research Centre spricht von rund 40 Prozent. In Deutschland wurden zuletzt riesige Mengen Bauabfälle aufbereitet; allein 2024 waren es knapp 76 Millionen Tonnen in Bauschuttaufbereitungs- und Asphaltmischanlagen. Gleichzeitig zeigt die Praxis: Hohe Verwertungsquoten bedeuten noch nicht automatisch hochwertige Kreisläufe. Viel Material wird downgecycelt, verfüllt oder verliert seinen ursprünglichen Wert.
Die Ursachen sind in der DACH-Region ähnlich wie in der Ukraine: zu wenig selektiver Rückbau, fehlende Materialdaten, unsichere Qualitätsstandards für Sekundärbaustoffe, unzureichende öffentliche Beschaffung und ein Planungsverständnis, das Neubau oft noch höher bewertet als Bestandserhalt und Wiederverwendung. Der Unterschied ist: Die Ukraine muss diese Defizite unter maximalem Druck lösen – und denkt daher Wiederaufbau, Industriepolitik und Rohstoffsicherung zusammen.
Kreislaufwirtschaft im Bauwesen politisch verankern
Kreislaufwirtschaft im Wiederaufbau funktioniert nur mit Regeln, nicht allein mit guten Absichten. Die Ukraine geht diesen Weg, indem sie Kreislaufwirtschaft als Reformbaustein im EU-orientierten Ukraine Facility Plan verankert. Für die DACH-Region ist die Konsequenz ähnlich eindeutig: Öffentliche Beschaffung verankert zirkuläre Kriterien verbindlich, Baurecht und Normung schaffen bessere Voraussetzungen für Re-Use und Recyclingbaustoffe, und Förderprogramme setzen gezielt Anreize für selektiven Rückbau statt den schnellen Abriss. Nötig sind außerdem belastbare Materialregister, bessere Qualitätsstandards und ein anderer Blick auf den Bestand.
Wien formuliert das bereits sehr konkret in seiner Kreislaufwirtschaftsstrategie für das gebaute Umfeld: ressourcenschonendes und zirkuläres Bauen wird systematisch in Beschaffung, Förderung, Qualitätssicherung und Regulatorik verankert. Berlin wiederum hat mit seiner Zero-Waste-Strategie 80 Maßnahmen beschlossen; 20 davon für den (öffentlichen) Bausektor, der bis 2030 unter anderem eine Recyclingquote von 64 Prozent erreichen soll.
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Zirkularität als Geschäftsmodell
Circular Economy im Bauwesen ist kein Entsorgungsthema, sondern ein Beschaffungs-, Risiko- und Geschäftsmodellthema. Das beginnt mit digitalen Materialpässen, Rückbau-Audits und sortenreiner Trennung. Dazu gehören ebenso Re-Use-Quoten in Ausschreibungen, Design for Disassembly und langfristige Partnerschaften zwischen Bauherren, Rückbauern, Aufbereitern und Wiedervermarktern.
Die Ukraine priorisiert im Circular-Economy-Pfad ausdrücklich Sektoren wie Bau und Reparatur, Metalle und Mineralien, Kunststoffe, Elektronik und Landwirtschaft. Das ist klug, weil dort sowohl Versorgungssicherheit als auch Wertschöpfung entstehen. Auch DACH-Unternehmen sollten ihre Materialstrategien genau dort ansetzen: bei Beton, Stahl, Fenstern (wegen ihrer hochwertigen Verbundmaterialien), Innenausbau, technischen Anlagen und Verpackungen auf der Baustelle. Werden Sekundärmaterialien systematisch in die Lieferkette integriert, reduziert dies Preisrisiken, CO?-Lasten und Abhängigkeiten.
Gute Beispiele, die Mut machen
Vorbilder gibt es bereits einige: Das Land Berlin unterstützt das erste Depot für gebrauchte Bauteile und Gebrauchsgegenstände. Betrieben wird der 1.000 Quadratmeter große „Urban Mining Hub" in Berlin Marzahn für Privatkund:innen und Baufirmen von den Unternehmen Alba und Concular. Deutschlands größter digitalen Marktplatz für gebrauchte Baumaterialien in Deutschland zeigt, wie Urban Mining, Rückbau-Audits und digitale Vermarktung von Bauteilen zusammenfinden können; das Unternehmen berichtet von Erfahrungen aus mehr als 1.000 Projekten. Madaster etabliert Materialpässe als Grundlage dafür, Gebäude als dokumentierte Rohstoffbanken zu managen. So konnte mit Unterstützung der Berliner Senatsumweltverwaltung die STADT UND LAND WohnbautenGesellschaft, einer der großen Berliner Wohnungsbaugesellschaften, modellhaft für das Prinzip des Zirkulären Bauens, das „TYPENHAUS ECO" entwickeln.
In der Ukraine hingegen arbeitet die UNIDO bereits seit 2020 an ‚Eco-Industrial Parks‘. Unterstützt werden unter anderem die Parks BVAK (Bila Tserkva), AgroMash (Zaporizhzhia) und Patriot (Sumy), mit Fokus auf Ressourceneffizienz, Energieeinsparung, Abfallmanagement und industrieller Symbiose. 2025 wurde die zweite Phase des Programms gestartet und soll die Entwicklung von industrieller Symbiose und Circular Economy weiter vorantreiben.
Auch wenn es noch an mehreren praktischen Voraussetzungen fehlt – wie technischen Standards für recycelte Baustoffe, verlässlichen Daten, regionalen Kapazitäten, oder Asbest- und Gefahrenstoffmanagement – macht das kriegsgebeutelte Land dennoch Fortschritte. UNIDO, EU und ukrainische Ministerien haben 2025 eine Flagship-Initiative für „Circular Economy for Ukraine’s Recovery" gestartet. Dort wurde eine Priorisierung von fünf besonders relevanten Wertschöpfungsketten vorgestellt: construction, food and beverages, electronics and ICT, plastics and packaging, and waste management. Außerdem wird über Circular Economy Hubs und regionale Strukturen gearbeitet, um Kommunen und KMU bei der Umsetzung zu unterstützen.
Die vielleicht wichtigste Best Practice ist jedoch ein neuer Grundsatz: Wiederaufbau darf nicht mit Materialverlust verwechselt werden. Wer Trümmer nur als Last begreift, zahlt doppelt – erst für Entsorgung, dann für neue Rohstoffe. Wer sie als Ressource behandelt, baut günstiger, resilienter und strategisch klüger.
Karin Huber-Heim ist Kreislaufwirtschafts- und ESG-Expertin mit mehr als 15 Jahren internationaler Erfahrung. Sie ist Präsidentin des von ihr mitbegründeten Circular Economy Forum Austria. Seit 2024 ist sie Inhaberin der Stadt Wien Stiftungsprofessur für Kreislaufwirtschaft und transformative Geschäftsmodelle an der Fachhochschule des BFI Wien sowie ESG-Aufsichtsrätin. Seit Sommer 2023 leitet sie die Task Force Circular Economy der österreichischen Bundesregierung.
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