Kilian Karg

20 Millionen Dollar für ein Weltraumklo

Warum eine Mondmission ein Vorbild für nachhaltige Entwicklung auf der Erde sein kann

93 Milliarden Dollar für das Artemis-Programm. Verbranntes Geld? Am Wochenende hatte ich einige Diskussionen dazu. Ist ein gigantischer Ressourceneinsatz für vergleichsweise wenig Erkenntnisgewinn gerechtfertigt?

Emissionswerte außen vor gelassen: Der Start der Artemis II Mission hinterlässt offensichtlich ein Stück verbrannte Erde und kostet rund 4 Milliarden Euro. Was ist er wert? © NASA/Bill Ingalls
Solch eine Mission ist nicht nur Kostenfaktor, sondern auch industriepolitischer Impuls, Kompetenzaufbau, internationale Stärkung und ein massiver Treiber für Innovation. Das Programm der Apollo-Missionen hat ein Vielfaches der Artemis-Missionen gekostet, aber dafür massive positive Spill-over Effekte erzeugt. Es kursieren 7-fache Return-on-Invest-Werte. Ähnliches ist von der Artemis Mission zu erwarten: Die NASA verweist auf grob 3 Dollar wirtschaftliche Wirkung pro eingesetztem Dollar.

In Mission Economy beschreibt die Ökonomie-Professorin Mariana Mazzucato wunderbar, wie missionsorientierte Innovationsvorhaben wirtschaftliche Dynamik ankurbeln und über ihre eigentlichen Ziele weit hinaus positiv wirken. Durch ein Weltraumprogramm entstehen so neben Memory Foam, Wasserfiltern und Akkuschraubern zudem: Dollars, Infrastruktur, Mindset und mehr. 

Und nun der logische Brückenschlag: Die Innovationsmissionen Energiewende, Mobilitätswende, Kreislaufwirtschaft (Trockentoiletten sind gar nicht so teuer) und Co-Missionen - ja selbst eine nachhaltige, regenerative EXPO2035 - haben allesamt das Potenzial nicht nur ihr eigenes, höchst begehrliches irdisches Ziel zu erreichen, sondern gesellschaftlichen wie wirtschaftlichen Aufschwung zu liefern. Die Weltraum-Missionen machen vor, wie es geht – Narrativ, Kommunikation, Finanzkraft stets im Gepäck.

Es ist immer wieder erfreulich, wenn dieses Mindset bei Politiker:innen und Wirtschaftsakteur:innen zu erkennen ist. Reiche und Mächtige mit Mobilisierungspotenzial hält die Anziehungskraft der Vergangenheit aber manchmal gefühlt mehr auf verbranntem Boden, als es einer zukunftsgewandten Missionswahl guttut. 

Mein Vorschlag: Lasst uns unsere Missionen weise und erdgewandt wählen. Lassen wir uns dabei gerne weiterhin von dem Machbaren der Weltraumforschung und ihrer wertvollen Outcomes inspirieren.

Food for thought: Wie ist das bei Ihnen? Gibt es in Ihrer Organisation oder Ihrem Arbeitsleben Beispiele für Missionen, die weit über ihr Ziel hinaus Wirkung entfaltet haben - oder entfalten könnten? 

Inspiration zu missionsorientierten Vorhaben bietet auch die OECD Mission Community of Practice.

Kilian Karg ist Diplom-Psychologe, Strategic Designer und Organisations-Stratege. Das Missions-Innovations-Denken lebt er auch selbst: Die Gründung seiner Agentur Protellus (lateinisch in etwa: „Für die Erde") hatte bei ihrem Start die Mission Agilität, Nutzerzentrierung und Nachhaltigkeit zu vereinen. Nachhaltigkeitsorientierte Missionsziele setzt er in Deutschland und international, beruflich wie privat - wodurch über Primärziele hinaus stets gutes entsteht. 

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