Niko Paech
Gesellschaft | Pioniere & Visionen, 26.03.2026
Nachhaltigkeit jenseits hinderlicher Illusionen
Die Postwachstumsökonomie als Doppelstrategie, um den Kollaps zu meistern
Die Nachhaltigkeitsbewegung zielte auf eine Krisenbewältigung. Nun steckt sie selbst in einer Krise. Mit dem Versprechen, mittels grüner Technologien den Wohlstand zu erhalten, wurden Geister gerufen, die nun ihr Unwesen treiben. Der einzige Ausweg liegt in einem Reduktionsprogramm.

Das ökologische Desaster ist nur eines von mehreren Symptomen für den nicht zu bewältigenden Modernisierungsstress. Die beständige Flucht in technologische und ökonomische Offensiven um einer verbesserten Lebensqualität willen hat eine lähmende Komplexität entstehen lassen. In einer endlichen Welt existiert für jede Entwicklung, die anfänglich noch so wünschenswert erscheinen mag, eine Obergrenze, nach deren Erreichen das Nützliche ins Prekäre kippt. Nun ist es so weit: Erstmals in der Menschheitsgeschichte erweist sich eine Ökonomie und darauf gründende Lebenspraxis vonnöten, die vor Übersteigerung schützt, statt neue Handlungsoptionen zu erschließen. Für das Gros der Insassen zeitgenössischer Komfortzonen wird sich die Wende zum Weniger jedoch weder aus Einsicht in die Notwendigkeit, noch resultierend aus politischen Entscheidungsprozessen, sondern unfreiwillig als nicht zu umgehende Reaktion auf hereinbrechende Knappheiten vollziehen.
Am Limit: Wenn Fortschritt ins Gegenteil kippt
Dies legt nicht nur die sog. „Kollapsologie" infolge einer nicht mehr zu bremsenden Eigendynamik zerstörerischer Prozesse nahe, sondern mehr noch eine sich verselbständigende Krise der Krisenbewältigung. Denn anstelle einer Mäßigung ökosuizidaler Ansprüche vollzieht sich ein verzweifelter Amoklauf, um mit der Brechstange zu retten, was längst unrettbar geworden ist. Die dabei eingesetzten Mittel zielen bei aller ideologischen Gegensätzlichkeit stets auf denselben Fluchtpunkt, nämlich das Finale des ökonomischen, technologischen und räumlichen Expansionsspektakels wenigstens um eine weitere Legislaturperiode hinauszuzögern – „whatever it takes". Ganz gleich, ob eine kolossale Schuldenpolitik trotz rekordverdächtig hoher Steuereinnahmen, eine „Energiewende", die der Biodiversität und den letzten Landschaften den Gnadenstoß versetzt, der amerikanische „Drill-Baby-Drill"-Trotz, ein Neubauwahn gegen die behauptete Wohnungsnot, besinnungslose Digitalisierungskampagnen, Energiepreissubventionen für die Industrie (anstelle einer wirksamen CO2-Steuer) oder die amerikanische Zollpolitik etc. – der Kampf für die Fortsetzung einer ökosuizidalen Lebensweise verschärft nur, was er aufhalten soll. Die aufgestaute Eskalation nach der doppelten, nämlich ökologischen und ökonomischen Konkursverschleppung fällt damit nur umso intensiver aus. Das dämmert vielen, aber warum wird dieser Kurs ständig aufs Neue demokratisch legitimiert? Die konsumabhängige, zusehends industrialisierte und digitalisierte Existenz hat ein Stadium erreicht, in dem angesichts der mitgewachsenen Verkümmerung jeglicher Genügsamkeit und eigenständigen Versorgungskompetenz die Angst vor einem auch nur minimalen Wohlstandsverlust politisch mächtiger ist als die Angst vor dem ökologischen Abgrund.
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Ressourcenzentren: Postwachstum - Best Practice
Ein interessantes Beispiel für postwachstumstaugliche Praktiken und Geschäftsfelder bilden kommunale Ressourcenzentren. Hier werden im Rahmen eines Coworking Spaces diverse Reparaturleistungen vermarktet und sonstige Angebote zur Nutzdauerverlängerungen gebündelt, so dass Startups, Handwerker und Freiberufler in diesem Bereich sichtbar werden. Zugleich stellen Ressourcenzentren einen außerschulischen Lernort dar. Die Kurse und Workshops für Menschen aller Altersgruppen, die Reparaturkompetenzen aufbauen wollen, werden von den Unternehmen mit organisiert. Siehe z.B. das RessourcenZentrum Oldenburg. |
Die Illusion der Rettung durch „mehr"
Sich dieser Situation fern aller Illusionen zu stellen, bedeutet zweierlei. Erstens: Sowohl auf Verbraucher- als auch Unternehmensseite bleibt es derzeit funktionalen Eliten vorbehalten, sich proaktiv, also vorsorglich auf den Übergang zum Weniger einzustellen. Diese können vorwegnehmen, was absehbar auch für die restliche Gesellschaft unvermeidbar wird. In Nischen können Erfahrungen, insbesondere resiliente ökonomische Praktiken zu „Kopiervorlagen" heranreifen, an denen sich später jene orientieren, die bis zum Niedergang noch immer an eine Zukunft als technologisch, insbesondere digital optimierte Fortsetzung aktueller Verhältnisse glauben. Anspruchsvoller Wandel, insbesondere eine Umwälzung antrainierter Lebensführungen, wird unter demokratischen Bedingungen stets von innovativen Minderheiten initiiert und in Reallaboren erprobt. Daran sollte sich die Nachhaltigkeitsforschung ausrichten, statt sich erfolglos daran zu verausgaben, eine Mehrheit mit faulen Green Growth-Kompromissen, die ohnehin nur zur Verschlimmbesserung beitragen, zu gewinnen.
Wandel beginnt in der Minderheit
Zweitens: Nach dem systematischen Scheitern alle bisherigen Korrekturversuche kann eine sinnvolle Nachhaltigkeitskonzeption nur noch in einer Doppelstrategie wie jener der Postwachstumsstrategie bestehen. Letztere beschränkt sich nicht darauf, den Kollaps rechtzeitig abzuwenden, sondern umfasst zugleich, was noch an tragfähigen Möglichkeiten verbleibt, wenn ersteres misslingt. Diese Dualität beruht auf Versorgungsmustern, die auch jenseits des derzeit noch hegemonialen Industrie- und Technikkomplexes realisierbar sind, und zwar unabhängig davon, ob dieser vorsorglich (best case) zurückgebaut wird oder zusammenbricht (worst case). In beiden Fällen unterscheidet sich die Transformation rein äußerlich kaum von dem, was tradierte Ökonomen unter Krise verstehen. Um dieser den Schrecken zu nehmen, bedarf es einer Suffizienzstrategie und einer Neuordnung der Versorgung.
Weniger als Strategie: Suffizienz und neue Versorgung
Suffizienz konfrontiert Selbstverwirklichungsexzesse mit einer umgekehrten Logik: Von welchen Energiesklaven und Komfortkrücken ließen sich überbordende Lebensweisen sowie die Gesellschaft als Ganzes befreien? Wohlstandsballast abzuwerfen, der das Leben verstopft, weil er Zeit, Geld, Raum sowie ökologische Ressourcen beansprucht, schützt vor Stress und erschöpfender Komplexität. Suffizienz befördert die einzige im 21. Jahrhundert noch verantwortbare Sozialpolitik, wenn sie am schädlichen Luxus und eben nicht an den basalen Grundbedürfnissen ansetzt. Ein resilientes, von industrieller Versorgung und dementsprechend hohen Finanzierungszwängen entlastetes Dasein beruht außerdem darauf, möglichst viele der verbleibenden Bedarfe eigenständig oder in Netzwerken zu befriedigen. Eine auf moderner Selbstversorgung basierende Nebenökonomie könnte mit dem allmählichen Industrierückbau sowie einer Arbeitszeitreduzierung und -umverteilung einhergehen, um Vollbeschäftigung basierend auf einer 20-Stunde-Woche zu gewährleisten. Die freigestellte Zeit ließe sich nutzen, um Industrieproduktion durch eigene Leistungen teilweise zu substituieren. Inbegriffen sind die aktive Mitwirkung an der lokalen und regionalen Nahrungsproduktion und -verarbeitung, eine Kultur des Bestandserhalts, insbesondere eine Verdoppelung oder Verdreifachung der Verwendungsdauer von Produkten durch Reparatur, sowie die gemeinschaftliche Nutzung von Gegenständen.
Das resultierende Wertschöpfungssystem würde vier eng verbundene Stufen umfassen: Der durch Suffizienz (Stufe 1) verringerte Bedarf würde durch lokale Praktiken der Eigenproduktion, Gemeinschaftsnutzung, des Bestandserhalts, der Wiederverwendung und Reparatur (Stufe 2) befriedigt, um die Ergiebigkeit einer verringerten Industrieproduktion zu steigern. Wo die Reichweite der Subsistenz endet, kann ein regionales Unternehmertum (Stufe 3) durch ökologischen Landbau (insbesondere die solidarische Landwirtschaft), Energiegenossenschaften, professionelle Reparatur- und Refurbishment-Services sowie handwerkliche Produktion einen Teil der dann noch nötigen Versorgung übernehmen. Was danach an nötiger industrieller Neuproduktion (Stufe 4) verbleibt, könnte sich darauf beschränken, einen deutlich verringerten und konstanten Bestand an materiellen Gütern zu erhalten, also nur zu ersetzen, was durch sinnvolle Nutzungsdauerverlängerung nicht weiter erhalten werden kann. Zudem würde sich die Herstellung von Produkten und technischen Geräten an einem reparablen, sowohl physisch als auch ästhetisch langlebigen Design orientieren. Dieses Reduktionsprogramm knüpft an längst vorhandene oder vorübergehend verschüttgegangene Praktiken an. Gleichwohl ist es momentan nicht mehrheitsfähig. Aber das werden die nächsten Krisen ändern.
Weiterführende Links: www.postwachstumsoekonomie.de
Literaturhinweis: Paech, N. (2025): Befreiung vom Überfluss. Das Update, München, oekom Verlag.
Niko Paech ist als außerplanmäßiger Professor an der Universität Siegen im Bereich „Plurale Ökonomik" tätig. Zu seinen Schwerpunkten zählt die wachstumskritische Nachhaltigkeitsforschung innerhalb der BWL und VWL. Er ist Urheber des Konzeptes der Postwachstumsökonomie.
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