Karin Siebeck
Technik | Green Building, 01.12.2025
Vom Parkhaus zum Vorbild
Junge Genossenschaft verbindet Wohnen, Leben, Arbeiten und Kultur im Herzen von Hamburgs historischer Altstadt
In Hamburg ist die junge Genossenschaft Gröninger Hof eG (GH) angetreten, aus einem alten Parkhaus einen Ort für gemeinsames, bezahlbares urbanes Leben zu machen.
Wo sich seit den 1960er-Jahren zwischen Elbe, Speicherstadt und Innenstadt in unmittelbarer Nähe der Katharinenkirche auf acht Parkdecks Autos stapelten, entsteht nun ein Gebäude mit 90 Wohnungen, Gemeinschaftsräumen sowie rund 1.400 Quadratmetern für Gewerbe und Kultur.Schon Jahre vor dem Baubeginn nutzten Nachbarschaft, Kirche und Gewerbetreibende die Gelegenheit, sich an der Entwicklung des Konzeptes zu beteiligen, und die „WERKSTATT" des Parkhauses ist seit 2018 belebter Raum für zahlreiche Veranstaltungen mit Beiträgen zu einer offenen und lebendigen Stadt. Ermöglicht wird dieses Pilotprojekt nachhaltiger Stadtentwicklung durch ehrenamtliches Engagement und die Expertise aus dem Kreis der mittlerweile über 550 Mitglieder.
Die Genossenschaft als Fundament
2017 schloss sich eine Handvoll engagierter Menschen zusammen, um ein in die Jahre gekommenes, innerstädtisches Parkhaus in zentraler Lage sozial und nachhaltig umzunutzen. 2018 wurde dann eine Genossenschaft gegründet. Die 20 Gründungsmitglieder entwickelten Nutzungskonzepte und das Finanzierungsmodell, trommelten private Gelder zusammen – und konnten die städtische Konzeptvergabe für sich entscheiden. Es folgten ein Architekturwettbewerb, die Baurechtschaffung, die weitere Finanzierung, der Ausbau der Genossenschaft, die laufende Beteiligung der Stadtbevölkerung und im Ergebnis 2025 schließlich der Abschluss des Erbbaurechtsvertrags über 75 Jahre.
Ohne Moos nichts los
Die Projektkosten von fast 40 Millionen Euro gründen sich auf die Beiträge der Mitglieder und die wohnungsbezogenen Anteile der Erstnutzer*innen. Zuwendungen der Stadt, insbesondere aus dem Programm der sozialen Wohnraumförderung, unterstützen die Finanzierung, Spenden dämpfen Rückschläge der Projektentwicklung.Die Rechtsform der Genossenschaft sichert Kapitalanlage und Wohnungen langfristig. Spekulation und Eigenbedarfskündigungen sind damit ausgeschlossen und Mieterhöhungen nur begrenzt möglich. So entsteht gemeinschaftliches Eigentum auch für Haushalte, die üblicherweise vom Erwerb von Wohneigentum ausgeschlossen sind. Die zukünftigen Mieten sind nach Einkommen gestaffelt und reichen von 7,25 Euro bis 16,35 Euro pro Quadratmeter. Über die Bindungsdauer von 40 Jahren ist die Finanzierung kalkuliert und damit transparent. Das gibt der Genossenschaft und den Bewohner*innen Sicherheit.
Vielfältige Nutzung geplant
Im Erdgeschoss öffnet sich das Haus für alle Interessierten mit Räumen für Kultur, Bildung, Kleingewerbe und Gastronomie. Im ersten Obergeschoss entstehen Gewerbeflächen, Gästewohnungen und Coworking-Spaces. Auf den weiteren Stockwerken bietet das Haus Angebote für den Ein-Personen-Haushalt ebenso wie für Familien. Knapp verteilte Quadratmeter in den privaten Wohnräumen werden flankiert durch eine Vielzahl von gemeinschaftlich genutzten Räumen für Hobby, Werken, Spielen, Waschen und das Lagern von Lebensmitteln. Bei Übernachtungsbesuch hilft eine der Gästewohnungen.
„Hier verdient niemand Geld mit Wohnen. Unsere Rendite ist das Gemeinwohl.”
Tina Unruh, Gründungsmitglied
Nachhaltiges Bauen ist selbstverständlich
Gebaut wird so nachhaltig wie möglich; allein schon durch die Nutzung einer bisher vollständig versiegelten Fläche. Ursprünglich war sogar vorgesehen, die Hälfte der alten Betonkonstruktion zu erhalten. Doch vertiefende Untersuchungen brachten eine ernüchternde Wahrheit ans Licht: Jahrzehntelang haben parkende Autos mit den Chloriden in ihren Abgasen die Bausubstanz so stark geschädigt, dass nahezu alle oberirdischen Bauteile abgetragen werden müssen.
Immerhin: Der Erhalt von Bodenplatte, östlicher Brandwand und bestehenden Fundamenten reduziert den CO2-Fußabdruck des Umbaus um über 40 Prozent im Vergleich zu einem konventionellen Neubau.
Keller und Erdgeschoss entstehen nun in Massivbauweise, die Obergeschosse werden in Holz und vorgefertigt errichtet – eine Bauweise, die vor Ort zügig umsetzbar ist und die Nachbarschaft wenig belastet. Weitere ökologische Maßnahmen sind Gründächer, Regenwassernutzung und eine Ökobilanz über den gesamten Lebenszyklus.
Breite Initiative als Erfolgsfaktor
Heute zählt die Genossenschaft über 550 Mitglieder – Tendenz steigend. Basisdemokratie prägt die Struktur: In der Mitgliederversammlung gilt „eine Stimme pro Mitglied" – unabhängig von der Zahl der gehaltenen Anteile. Der Aufsichtsrat wird vom wichtigsten Organ der Genossenschaft, der Versammlung aller Mitglieder, legitimiert und beruft den Vorstand. Zahlreiche Arbeitskreise aus der Mitgliedschaft leisten professionelle Mitarbeit zu den Themen Planen und Bauen, Finanzierung, Quartier, Kultur, Gewerbe, Wohnungsbelegung sowie die Gestaltung der Bauten.
Das Kapital der jungen Genossenschaft war und ist das ehrenamtliche Engagement der Mitglieder. Das gesamte Projekt hat durch Aktionen, Beteiligung, Netzwerke und auch ein befristet gefördertes Quartiersmanagement große Aufmerksamkeit und Unterstützung gewonnen. „Für mich ist unser Parkhaus die gebaute Realität eines Traumes vom anderen Leben, Bauen und Planen in der historischen Altstadt in Hamburg. Ein Best-Practice weit über die Stadtgrenzen hinaus," freut sich die Gründungsvorständin, Journalistin und Moderatorin Dorothea Heintze.
„Mich reizt an unserer Projektentwicklung vor allem das Unbekannte – und die lernende Frage: Wie kommt Neues in die Welt – ganz praktisch?”
Kai Ratschko, Architekt, Gründungsmitglied und Vorsitzender des Aufsichtsrats GHeG
Pilot für weitere Projekte
Die GH befindet sich inzwischen in der Transformation zu einer hauptamtlich geführten Genossenschaft; seit zwei Jahren ist ein hauptamtlicher Vorstand im Amt. In dieser Mischung aus haupt- und ehrenamtlicher Struktur ist sie gut für die Zukunft aufgestellt. Das erste Projekt gilt als Pilot, die Satzung eröffnet Erweiterungen – die wachsende Zahl der Mitglieder ist dabei Anspruch und Verpflichtung. Karin Siebeck, Amtsleiterin a.D. der Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen in Hamburg sowie Mitglied des Aufsichtsrats Gröninger Hof ergänzt: "GH hat mit dem erfolgreichen Piloten „Parkhaus" einen Weg gezeigt.
Jetzt geht es darum dieses Modell mit weiteren Projekten in die Stadt auszurollen. Das ist der Auftrag unserer Mitglieder". Gemeinsam mit der Stadt und der Förderbank wurden am Praxisbeispiel GH schon viele Möglichkeiten ausgelotet und erweitert. Dieser Modellcharakter des GH ist als immer fortwährender Prozess verankert und wird getragen von den Fragen „Geht das nicht auch anders?" und „Schöpfen wir alle Möglichkeiten aus?". Das ist für alle Beteiligten manchmal etwas anstrengend, aber bis dato nachhaltig erfolgreich.
Kontakt: Genossenschaft Gröninger Hof eG | groeninger-hof.de
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