Astrid Hake
Technik | Green Building, 01.12.2025
Vom Bauturbo zum Turbo im Umbau…
Gebäude und Parkplätze nachhaltig mit neuem Leben füllen!
Nicht ein Bauturbo, sondern die Umnutzung bestehender Immobilien und ein gesellschaftlicher Wandel sind die Lösung für die aktuelle Wohnungsnot! Neue Modelle machen Schule. forum zeigt Ansatzpunkte und Best Practice.
Suchst du noch oder wohnst du schon? Die Suche nach einer bezahlbaren Wohnung wird in vielen Großstädten mittlerweile zum Glücksspiel. Neben dem Mangel an verfügbarem Wohnraum machen steigende Mietpreise und Energiekosten Wohnen zu einem brennenden sozialen Problem. Da liegt es auf der Hand, dass die Bundesregierung schnell Antworten liefern und mit dem sogenannten „Bau-Turbo" den Neubau anheizen will. Der Reflex ist verständlich, doch greift er zu kurz. Gebäude verbrauchen Flächen, Baustoffe und Energie und tragen durch ihre Errichtung und Nutzung entscheidend zum Klimawandel, Bodenversiegelung und Biodiversitätsverlust bei. Unterschätzt wird das enorme Potenzial einer besseren Auslastung und Nutzung im Gebäudebestand, in der viele Fachleute einen Weg sehen, günstiger und schneller Wohnraum zu schaffen. Längst fordern viele Verbände und Organisationen aus ökologischen, ökonomischen und sozialen Gründen einen „Umbau-Turbo".
Bodenversiegelung stoppenJeden Tag werden in Deutschland etwa 19 Hektar allein mit Gebäuden bebaut. Das sind etwa 26 Fußballfelder pro Tag! Diese Versiegelung bringt erhebliche negative Folgen für die Umwelt mit sich und läuft den Zielen zuwider, die sich die Bundesregierung selbst gesetzt hat. In der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie ist festgelegt, die zusätzliche Bebauung von Flächen bis zum Jahr 2050 auf null zu reduzieren.
Auch der Expertenrat für Klimafragen bescheinigt der Bundesregierung in seinem aktuellen Prüfbericht zur Berechnung der deutschen Treibhausgasemissionen für das Jahr 2024 einmal mehr, dass der Gebäudesektor die im Bundesklimaschutzgesetz festgelegten Klimaschutzziele trotz energetischer Sanierung und verschärfter Energiestandards für den Neubau verfehlt.
Ein wesentlicher Grund: Die durchschnittliche Wohnfläche pro Kopf nimmt in Deutschland seit Jahrzehnten aufgrund der Alterung der Bevölkerung, sinkender Haushaltsgrößen, steigender Leerstände, Zweitwohnsitzen und der Beliebtheit von Einfamilienhäusern mit hohem Flächenverbrauch zu. Das macht einen Großteil der Energieeffizienzgewinne im Wohnsektor zunichte. Dabei ist der Wohnraum zwischen den unterschiedlichen Einkommens- und Altersgruppen sowie regional zwischen Stadt und Land höchst laut Statistischem Bundesamtunterschiedlich verteilt. Nach dem letzten Zensus 2022 standen bundesweit knapp 2 Millionen Wohnungen leer, was einer Leerstandsquote von 4,5 Prozent entspricht. Es kann in Bezug auf den Wohnraum daher eher von einem Verteilungsproblem als von einem Wohnraummangel gesprochen werden.
Kreative Wohnlösungen, die bestehende Ungleichheiten und die erwartbaren demografischen Veränderungen in den Blick nehmen, sind gefragter denn je. Umnutzung von Bürogebäuden zu Wohnraum, Aufstockung von (Nicht-)Wohngebäuden, Unterteilung von Einfamilienhäusern in kleinere Wohneinheiten oder Nutzung von Leerstand im ländlichen Raum sind nur einige Beispiele. Die kommunalen Spitzenverbände unterstützen angesichts des Bedarfs an bezahlbarem Wohnraum und der sich verstärkenden Flächenkonkurrenzen, den Bestand zu aktivieren und Leerstände zu ertüchtigen.
Durch Umbauten, Wohnpartnerschaften und andere Formen der Untermiete könnten schätzungsweise allein in Deutschland jährlich 50.000 zusätzliche Wohnungen entstehen mit deutlich geringerem Ressourceneinsatz als bei Neubauten. Der ivd Immobilienverband spricht von einem Potenzial von 240.000 Wohnungen pro Jahr durch Umbau, Aufstockung oder Nachverdichtung im Bestand. Damit kann auch der Bedarf an zusätzlichen Sozialwohnungen gedeckt werden.
Umbau rechnet sich auch wirtschaftlich. Untersuchungen zeigen, dass Aufstockungen oder Umnutzungen von Bürogebäuden im Vergleich zu einem konventionellen Neubau 28 Prozent bzw. 62 Prozent günstiger sind. Die Preisunterschiede werden wahrscheinlich hinsichtlich steigernder Bauzinsen, Problemen in den Lieferketten, veränderten Förderbedingungen, der allgemeinen Inflation sowie des Fachkräfte- und Materialmangels weiter steigen.
Die Frage nach altersgerechtem Wohnen wird in der Debatte um Wohnraumknappheit nur wenig thematisiert. Ältere Paare oder Alleinstehende in Einfamilienhäusern nutzen nach dem Auszug der erwachsenen Kinder nur einen Teil der Wohnfläche und sind mit zunehmendem Alter überfordert mit der Instandhaltung des Hauses. Nach Umfragen unter Eigentümern wäre rund ein Viertel offen für eine Verkleinerung des Wohnraums oder einen Umzug. Ein bedarfsgerechter Umbau und gemeinschaftliche Wohnformen verringern das Risiko von Einsamkeit und entlasten ältere Menschen.
Die Vorteile sind eindeutig, allein es fehlt offenbar der politische Wille. Steuerungsmöglichkeiten gäbe es zahlreiche: von meldepflichtigem Leerstand, Wohnraumagenturen, Recht auf Wohnungstausch, Förderprogrammen bis hin zu den gesetzlichen Rahmenbedingungen, die den Umbau erleichtern, wie etwa die Muster-Umbauordnung. Mit der aktuellen Änderung des Baugesetzbuches hat der Gesetzgeber die Chance vertan, Gebäude nachhaltig mit Leben zu füllen und sich mit der Zukunft des Wohnens auseinanderzusetzen.
Weitere Infos:
Astrid Hake ist Sozialwissenschaftlerin mit Schwerpunkt nachhaltige Entwicklung, internationale Menschenrechtsarbeit und Unternehmensverantwortung. Sie arbeitet als politische Referentin im bundesweiten Bündnis „Eine Erde. Das ökumenische Netzwerk".
Dieser Artikel ist in forum 01/2026 - forum Nachhaltig Wirtschaften heißt jetzt forum future economy erschienen.
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