Simon Frankl
Wirtschaft | CSR & Strategie, 16.02.2026
Überzeugung statt Pflicht
Wie KMU die Nachhaltigkeitswende wirklich schaffen
Der deutsche Mittelstand will nachhaltiger werden – doch oft fehlt das entscheidende Wissen. Eine aktuelle Studie zeigt: Nicht mangelnder Wille, sondern Informationsdefizite bremsen viele KMU aus.
Hitzewellen, Überschwemmungen und Ressourcenknappheit zeigen, dass der Klimawandel massive Risiken für die Wirtschaft birgt. Trotz dieser Herausforderungen beschäftigt sich nur ein kleiner Teil der über 3,1 Millionen KMU in Deutschland aktiv mit Nachhaltigkeit. Im Gegensatz zu Großunternehmen, die seit 2023 unter die CSRD fallen, gibt es für den Mittelstand keine klare Verpflichtung. Dies zeigt beispielsweise eine Studie des Mittelstand Digital Zentrums Berlin, das dazu 169 kleine und mittlere Unternehmen aus den Sektoren Produktion, Industrie, Bauwesen und Handwerk befragt hat:
Auch Simon Frankl, Geschäftsführer der Nachhaltigkeitsberatung „ecoview", ist bei Geschäftsführenden von kleinen und mittelständischen Unternehmen auf starke Zurückhaltung bei dem Thema gestoßen. Seine Masterarbeit im MBA & Engineering-Studiengang an der Hochschule München hat er deshalb der Frage gewidmet, warum der deutsche Mittelstand in Bezug auf Nachhaltigkeit häufig in Zurückhaltung verharrt, und wo angesetzt werden kann, um das Engagement im KMU zu steigern. Dazu hat er Tiefeninterviews mit Entscheidern aus acht Unternehmen der Branchen Bau, Elektro, Logistik, Lebensmittel, Mode und IT geführt. Die Stichprobe war dabei sehr divers und über ganz Deutschland verteilt. Die Befragten repräsentieren typische Kleinunternehmen und Mittelständler mit Unternehmensgrößen zwischen 10 und 150 Mitarbeitenden. Die größte Hürde der Nachhaltigkeit: Das Informationsdefizit
Eingangs wurden in den Interviews Fragen zu internen sowie externen Faktoren gestellt, die die üblichen „harten Fakten" wie Budget-, Ressourcen- und zeitliche Engpässe bei den Unternehmen aufdeckten. Spätere tiefergehende Fragen zu persönlichen Werten, Überzeugungen, Ängsten und Routinen zeigten anschließend, dass der Wille zur Nachhaltigkeit generell vorhanden ist. Antworten wie die eines Logistikunternehmers („Ich sehe meine Möglichkeiten nicht […]. Ich würde es gerne machen, aber die Informationsüberflutung macht es super schwierig.") deuten aus dem geleiteten Fragebogen heraus auf eine neue, induktive Erkenntnis hin:
Nachhaltigkeit platziert sich in den Köpfen der Geschäftsführenden aufgrund der Komplexität immer noch als Nebenthema neben anderen zumeist ökonomisch-kurzfristigen Prioritäten, da sie nicht vollständig durchdrungen beziehungsweise analysiert wurde.
Die Folge: Man beschäftigt sich nur oberflächlich mit dem Thema. Dass Nachhaltigkeit aufgrund initialer Kosten außen vorgelassen wird und somit Chancen und Risiken aus der Thematik heraus gar nicht erst wahrgenommen werden, darauf deuten Aussagen wie diese: „Wir haben da starke Wissenslücken, aber es ist wie immer mal wieder das Anfangen […] man müsste sich jemanden holen, der aber erstmal Geld kostet, wo man nicht weiß, was es einem bringt. Es ist einfacher, erstmal operativ so weiterzumachen, wie bisher."
Diese anfänglichen Vermutungen bestätigte ein geschäftsführender Textilhersteller zuletzt klar und deutlich: „Wir würden uns die Unterstützung wahrscheinlich nehmen, wenn es nicht zu teuer wäre, aber das ist schwierig […] der Mehrwert wäre wahrscheinlich gering im Vergleich zu dem, was wir da investieren müssten."
Die Geschäftsführenden offenbarten in den Gesprächen nach und nach vor allem ein tiefgreifendes Informations- und Wissensdefizit zu den konkreten Möglichkeiten, realen Chancen, Risiken und Folgen eines wirksamen Nachhaltigkeitsengagements im eigenen Betrieb.
In unserer Studie wurde dadurch deutlich: Will man Nachhaltigkeit in KMU erhöhen, dann muss man beim ursächlichen Engpass „Information und Wissen" beginnen.
Diese Erkenntnis impliziert auch eine sinnvolle Erweiterung des Forschungsstands zum Thema Change, insbesondere in Bezug auf Nachhaltigkeit: Klassische Change-Management-Modelle, wie z.B. das ADKAR-Modell, starten damit, dass zunächst eine „Dringlichkeit" oder zumindest das „Bewusstsein" für das Problem („Awareness") bei den Verantwortlichen vorhanden sein muss. Aber wie soll das Bewusstsein oder eine Dringlichkeit entstehen, wenn das grundlegende Verständnis für die Zusammenhänge, Ursachen und Auswirkungen der Thematik fehlen? Wer nicht weiß, welche konkreten Risiken und Chancen eine Nachhaltigkeitstransformation bietet, kann die Relevanz kaum erkennen.
Wir schlagen daher vor, die klassische Logik um einen vorgelagerten Schritt zu erweitern: Die Stufe „Knowledge" muss vor der „Awareness" gesichert werden, um ein ausreichendes Bewusstsein für die Dringlichkeit entwickeln zu können.
Entscheidend beim Wissensaufbau sind niederschwellige und glaubwürdige Formate
Für eine nachhaltige Unternehmenskultur ist der Aufbau von konkretem und praxisrelevantem Wissen zum Thema Nachhaltigkeit in KMU eine notwendige Grundlage. Das bestehende Wissen von Geschäftsführenden ist häufig geprägt von sporadischen, oberflächlichen und unsystematischen Informationen aus Nachrichten, Fachpresse, Infoflyern und Stammtischgesprächen. Der Einstieg über kosten- und zeitintensive Unternehmensanalysen oder Workshops, wie sie von spezialisierten Beratungsunternehmen angeboten werden, stößt oft nicht auf Akzeptanz. In unserer Befragung wurde deutlich, das Geschäftsführende in KMU den Wunsch nach niederschwelligen, pragmatischen und glaubwürdigen Formaten der Information und des Austauschs haben.
Für Unternehmensberatungen, Verbände und unterstützende Organisationen gilt daher: Auf wertorientierte Appelle und die Darstellung von abstrakten Öko-Strategien als Botschaft an den Mittelstand sollte verzichtet werden. Unsere Studie zeigt: Geschäftsführende orientieren sich an branchennahen Best-Practices oder wünschen sich zumindest vorab einen Austausch mit Gleichgesinnten, um mehr Vertrauen mit der Thematik aufzubauen.
Beratungen und fördernde Organisationen können Unternehmen mit Formaten unterstützen, die ein gemeinsames Verständnis und die gemeinsame Entwicklung von nachhaltigen Ansätzen fördern; z.B. durch die Schaffung von niedrigschwelligen kostenlosen Infoveranstaltungen mit Branchenbezug, durch moderierte Peer-Runden, die Begegnungsräume schaffen, in denen KMU ohne Druck ins Thema einsteigen können. Sie können die Gründung von Unternehmensnetzwerken unterstützen, in denen Best Practices ausgetauscht werden und authentisch über Chancen und Risiken berichtet wird. Vertiefendes und schriftliches Material sollte branchenbezogen und praxisorientiert sein und kann über Foren, Onlinebeiträge und Newsletter zugänglich gemacht werden.
Und für Entscheider gilt: Der Einstieg gelingt nicht durch Perfektion, sondern durch Orientierung. Für Geschäftsführende bedeutet das, bewusst nach außen zu gehen. Nehmen Sie an Netzwerkveranstaltungen teil, tauschen Sie sich mit anderen KMU aus und verschaffen Sie sich gemeinsam einen Überblick darüber, welche konkreten Chancen und Risiken Nachhaltigkeit wirklich mit sich bringt. Genau hier entsteht der Realitätsbezug, der vielen Betrieben bislang fehlt. Wenn Ihnen selbst die Zeit fehlt, kann eine gut ausgewählte, intrinsisch motivierte Person aus Ihrem Unternehmen viel bewirken. Die sogenannten „Green Champions" in KMU können mit einem kleinen Teil ihrer Arbeitszeit ein grundlegendes Verständnis für Nachhaltigkeit im Unternehmen aufbauen, Entwicklungen verfolgen und relevante Neuerungen einordnen, sodass Sie als Geschäftsführung stets auf dem Stand der Dinge bleiben und potenzielle Chancen ergreifen können, die ansonsten im Alltag an Ihnen vorbeigegangen wären.
Sobald dieses Grundverständnis verankert ist, zeigt sich schnell der Nutzen. Nachhaltigkeit wird nachweislich – wie in der nachfolgenden Grafik des Mittelstand Digital Zentrums Berlin zu sehen ist – zur betriebswirtschaftlichen Chance: Unternehmen erkennen Einsparpotenziale bei Energie, Material und Prozessen, adressieren Risiken früher und verstehen Förder- oder Gesetzeslagen besser. Mitarbeitende, die sich regelmäßig mit Nachhaltigkeit befassen, identifizieren Quick-Wins, erkennen Trends und unterstützen Führungskräfte gezielt.
Kurz gesagt: Wissen schafft Entscheidungsfähigkeit. Und wer entscheidungsfähig ist, handelt sicherer und erfolgreicher. Nachhaltigkeit ist daher keine Zusatzlast, sondern eine Investition in Stabilität und Zukunftsfähigkeit.Was KMU selbst tun können
- Orientierung suchen: Austausch mit anderen KMU, Teilnahme an Netzwerken.
- Verantwortung benennen: Eine motivierte Person („Green Champion") einsetzen.
- Klein starten: Energie- und Materialeffizienz als erste Quick-Wins nutzen.
- Wissen aufbauen: Kurze Workshops, Leitfäden und praxisnahe Tools nutzen.
- Chancen erkennen: Nachhaltigkeit als betriebswirtschaftliche Möglichkeit sehen.
Wo KMU verlässliche Infos finden
- IHK / DIHK: Beratung, Checklisten, Veranstaltungen, Förderübersichten.
- RKW Kompetenzzentrum: Kostenfreie Leitfäden und kompakte Einstiegshilfen.
- Regionale Umwelt- und Klimaprogramme: Praxisnahe Unterstützung und Tools für nachhaltiges Wirtschaften.
Simon Frankl hat neben seiner Tätigkeit als Ingenieur in der Automobilindustrie während seines Studiums mit zwei weiteren Geschäftsführern die Unternehmensberatung ecoview GmbH gegründet, die KMU bei der Transformation zur Nachhaltigkeit unterstützt. Er verfasste die vorliegende Arbeit im Rahmen seines berufsbegleitenden MBA-Studiums an der Hochschule München. Sein Ziel: zu verstehen, was mittelständische Betriebe benötigen, um neben ökonomischen Zielen auch ökologische Ansätze sinnvoll integrieren zu können.
Dr. Christina Rothhaar ist Professorin für Leadership und Change Management an der Hochschule München und engagiert sich in Wissenschaft und Praxis für werteorientierte Unternehmensführung.
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