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Zirkuläre Produkte

Eine Frage der Einstellung oder der Alleinstellung?

Die Studie „Resiliente Produktentwicklung. Kreislaufgerechte Produktarchitekturen für zukunftsfähige Produkte und Unternehmen" der Universität Stuttgart hat in Zusammenarbeit mit einer Unternehmensberatung wesentliche Erfolgs­faktoren für das Gelingen der Entwicklung kreislauffähiger Produkte herausgearbeitet.
 Entwicklungsstufen der Kreislaufwirtschaft – In Anlehnung an: Miller Perkins, Serafeim. Chief Sustainability Officers: Who Are They and What Do They Do? © Universität Stuttgart / COALAXY
An der Studie haben 35 Unternehmen der produzierenden Industrie, darunter mehrere DAX-Unternehmen, sowie KMU im Wesentlichen aus der DACH-Region teilgenommen. Für fast die Hälfte der befragten Unternehmen (47 Prozent) hat Kreislaufwirtschaft bereits einen hohen Stellenwert im Top-Management. Die größte Herausforderung für die Entwicklung innovativer kreislauffähiger Produkte besteht darin Geschäftsmodelle zu entwerfen, die für alle Ökosystempartner entlang der Wertschöpfungskette lukrativ sind. Teilweise fehlt es aber an Wissen über die Abschätzung von Aufwand und Nutzen von Kreislaufwirtschaft in anderen Fällen an Knowhow und Methoden zur Entwicklung kreislauffähiger Produkte. Manchmal wiederum sind die zu verwendenden Sekundärmaterialien zu teuer oder nicht in ausreichender Menge verfügbar.

Zwei von drei Unternehmen (62 Prozent) gehen den Weg in die Kreislaufwirtschaft, um Alleinstellungsmerkmale herauszuarbeiten. Gesetzeskonformität hat für diese Unternehmen eine eher untergeordnete Bedeutung: Sie wollen vor die Welle des sich am Horizont abzeichnenden Regulatoriktsunamis kommen. Dabei ist die richtige Einstellung bei Führungskräften und Mitarbeitern ein entscheidender Faktor, um auch eine längere Durststrecke zu überstehen, bis sich der Erfolg des zirkulären Geschäftsmodells einstellt.

Wie aber stellt sich ein Unternehmen strategisch in Bezug auf die Kreislaufwirtschaft auf? Wie kann die Erarbeitung von zirkulären Alleinstellungsmerkmalen gelingen? Und wie stellt sich eine zirkuläre Einstellung bei Führungskräften und Mitarbeitern ein?

Entwicklungsstufen der Kreislaufwirtschaft
Die Entwicklung einer Organisation in Bezug auf Kreislaufwirtschaft lässt sich grob in 5 Stufen einteilen (siehe erstes Bild oben):
  • Stufe 1 – Unerfahrenheit
  • Stufe 2 – Gesetzeskonformität
  • Stufe 3 – Strategie
  • Stufe 4 – Alleinstellung
  • Stufe 5 – Einstellung
Mit der Erreichung einer höheren Entwicklungsstufe reduziert eine Organisation wirtschaftliche Risiken sowie Kosten und steigert ihren Wert sowie ihre Wirkung auf Umwelt und Gesellschaft in positivem Sinne.

Wertströme und Erfolgsfaktoren kreislauffähiger Produktentwicklung
Möchte sich ein Unternehmen strategisch auf die zukünftigen Chancen der Kreislaufwirtschaft einstellen, sollte es fünf Wertströme und eine Reihe von Erfolgsfaktoren berücksichtigen. Die sogenannten ‘R-Wertströme’ sind definiert als ein Bündel von Erfolgsfaktoren, das einen Mehrwert für Unternehmen und ihre Kunden liefert (siehe Abbildung 2). Sie stellen damit einen ganzheitlich-integrativen Blick auf das dar, was aus Sicht der Studienteilnehmer die notwendigen Zutaten für einen erfolgreichen Einstieg in die Kreislaufwirtschaft sind.
R-Wertströme und Erfolgsfaktoren kreislauffähiger Produktentwicklung © Universität Stuttgart / COALAXY
Innerhalb des ersten Wertstroms im Bereich Strategie (REBALANCE) sind ineinandergreifende Geschäftsmodelle, die dem Kunden durch die Herausarbeitung von Alleinstellungsmerkmalen einen einzigartigen Mehrwert bieten ein entscheidender Erfolgsfaktor. Derartige zirkuläre Geschäftsmodelle nutzen die Vorreiter der Kreislaufwirtschaft, indem sie darin enthaltene Kennzahlen mit strategischen Zielwerten versehen und in der Produktentwicklung zur Anwendung bringen. Beispielhafte Kennzahlen sind der CO?-Fußabdruck, die Recyclingrate oder die Sekundärrohstoffquote.

Darauf aufbauend adressiert der Wertstrom RESTRUCTURE Veränderungen in der Aufbau- und Ablaufstruktur von Unternehmen. Hier entstehen u.a. neue Rollen und Unterstützungsfunktionen für die veränderten Geschäftsmodelle. Der Wertstrom REDESIGN betrachtet Änderungen in der Produktentwicklung anhand von fünf Gestaltungsmerkmalen zukünftiger Produktarchitekturen. Mit dem Wertstrom REINFORM berücksichtigen Unternehmen die Bedeutung von Digitalisierung und Daten bei der Gestaltung kreislaufgerechter Produkte. Die hochgradig relevante Einstellung adressiert der Wertstrom REIMAGINE durch Erfolgsfaktoren wie eine zirkuläre Wachstumseinstellung, ganzheitliches Denken, zukunftssichernde Kompetenzen sowie portfolioübergreifende Kompatibilität der zukünftigen Produkte.

Eine Roadmap zur Reifesteigerung
Unternehmen, die das Potential der Kreislaufwirtschaft für sich erkannt haben, sollten die identifizierten R-Wertströme und Erfolgsfaktoren kritisch hinterfragen sowie auf ihren spezifischen Anwendungsfall anpassen:
  • Schritt 1 – Strategie: Aufsetzen einer integrierten Kreislaufstrategie unter Nutzung der R-Wertströme inklusive zielführender Kennzahlen und implementierbarer Roadmap (siehe Abbildung 3 – wichtigste Erfolgsfaktoren).
  • Schritt 2 – Alleinstellung: Durchbrechen der größten strategischen Herausforderungen mit innovativen Lösungsansätzen und Integration der Gestaltungsmerkmale kreislaufgerechter Produktarchitekturen in den Produktentstehungsprozess.
  • Schritt 3 – Einstellung: Gestalten der Aufbau-, Ablauf- und Kompetenzstruktur der Organisation entsprechend den herausgearbeiteten Erfolgsfaktoren.
Die Transformation hin zur Kreislaufwirtschaft muss mit einer robusten und sicheren IT-Bebauung sowie einem professionellen Change-Management begleitet werden. Unternehmen mit einer zirkulären Einstellung, zirkulären Alleinstellungsmerkmalen und einer konsequenten Verfolgung der R-Wertströme können sich so zu den zukünftigen Gewinnern der Kreislaufwirtschaft entwickeln.

Mehr Info in der Studie „Resiliente Produktentwicklung. Kreislaufgerechte Produktarchitekturen für zukunftsfähige Produkte und Unternehmen." Matthias Kreimeyer, Merlin Stölzle, Thilo Pfletschinger, Universität Stuttgart 2024 und unter www.COALAXY.com
 Roadmap kreislauffähiger Produktentwicklung © Universität Stuttgart / COALAXY
Prof. Dr. Matthias Kreimeyer leitet den Lehrstuhl für Produktentwicklung und Konstruktionstechnik an der Universität Stuttgart. Dabei fokussiert er sich auf Modelle, Methoden und Werkzeuge für die Planung und Entstehung moderner, komplexer und nachhaltiger Produkte und technischer Systeme.

Merlin Stölzle (M.Sc.) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Konstruktionstechnik und Technisches Design (IKTD) der Universität Stuttgart und beschäftigt sich mit der Kreislaufgerechtheit von Produktarchitekturen.

Dr. Thilo Pfletschinger ist geschäftsführender Gesellschafter von COALAXY, einem Beratungsunternehmen, das sich auf Strategie, Innovation und Mindset im Bereich der Produktnachhaltigkeit konzentriert. Er begleitet seit mehr als 20 Jahren Transformationen in Richtung Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft mit Fokus auf Produktentwicklung und Innovation.

Dieser Artikel ist in forum 04/2024 - Der Zauber des Wandels erschienen.



     
        
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