Für ein neues Zeitalter von Unternehmertum?! - Wege in ein Resonanz-Unternehmertum. 11. bis 13. Juni 2024

Der Wiederaufbau der Ukraine: Durch Hilfe zur Selbsthilfe

"Für den Wiederaufbau eines Landes ist soziales Unternehmertum ein wichtiges Instrument."

Der Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus will die Armut ins Museum verbannen. Mit Kleinkrediten fördert er erfolgreich das unternehmerische Engagement benachteiligter Bevölkerungsgruppen. Ein Konzept, in dem man auch einen entscheidenden Schlüssel für den Wiederaufbau der Ukraine sehen kann.

© elonias, pixabay.comVor ein paar Wochen hielt Nobelpreisträger Muhammad Yunus ein Online-Seminar an einer amerikanischen Universität. Es ging um das Thema, wie Social Business dazu beitragen kann, die globale Armut zu bekämpfen. Eine Kernaussage von Yunus war: Armut kann nicht durch Programme behoben werden, die Jobs schaffen, sondern durch Unternehmertum. Was meint Yunus damit? Er hat im Jahr 2006 für die Gründung der Grameen Bank den Friedensnobelpreis erhalten. Die Grameen Bank in Bang­ladesch vergibt Mikrokredite (20 bis 50 Euro) an Frauen, die sich in Fünfer Gruppen zusammentun und zwischen denen kein Verwandtschaftsverhältnis bestehen darf. Bei Neugründung solch einer Gruppe bekommen erst zwei der Mitglieder einen Kredit, bei Rückzahlung auch die anderen. Die Frauen machen sich mit einem kleinen Business selbstständig, kaufen eine Kuh, eine Nähmaschine, oder verkaufen Gemüse. Haben sie einen Kredit getilgt (ca. 20 Prozent Verzinsung im Jahr), können sie einen zusätzlichen bekommen. Die Frauen unterstützen sich dabei gegenseitig, ohne jedoch füreinander zu haften. Dieser positive Gruppendruck führt zu einer sehr hohen Rückzahlungsquote von weit über 90 Prozent. Yunus hatte zu Beginn meistens Männern Kredite gewährt, machte aber die Erfahrung, dass Frauen mit den Krediten im Sinne der Familie handeln, während Männer sie oft verspielten oder für Alkohol nutzten. Deshalb vergibt er fast ausschließlich Kredite an Frauen.

Professor Muhammad Yunus gilt als der Erfinder des Mikrokredits. Er hat damit Millionen von Menschen zu einem Kredit und damit in vielen Fällen zu einer massiven Verbesserung ihres Lebensstandards verholfen. Für diesen Beitrag zur weltweiten Armutsbekämpfung erhielt er im Jahr 2006 den Friedensnobelpreis. Sein Ansatz des Social Business ist ein weiterer Hebel zur Lösung von gesellschaftlichen Herausforderungen. © Thomas DashuberDie Frauen sind über Anteilscheine am Profit der Bank beteiligt, einige wenige Prozente gehören dem Staat. Die Bank ist also rein gemeinnützig und kann als Inkubator für Unternehmertum angesehen werden. Darüber hinaus hat Yunus noch andere gemeinnützige Unternehmen gegründet: Das Unternehmen Grameen Shakti bietet zum Beispiel über Mikrokredite finanzierte Solaranlagen für Hausdächer an (ca. zwei Millionen bis heute).

Sind alle Menschen Unternehmer?
Während man manchmal hört, dass nur wenige Menschen die Eigenschaft zum Unternehmer haben, sagt Yunus, dass jeder Mensch ein Unternehmer sei und dass man nur die entsprechende Infrastruktur zur Verfügung stellen müsse. Circa zehn Millionen Kreditnehmerinnen in Bangladesch scheinen ihm recht zu geben. Sein System von Fünfer Gruppen hat er mittlerweile auch nach Amerika transferiert. Grameen America unterstützt mittlerweile etwa 180.000 Frauen in den Vereinigten Staaten, ein Kredit beträgt hier 2.000 US-Dollar. Wenn Yunus recht hat, dass Armutsbekämpfung am besten durch einen gezielten Aufbau und die Ermöglichung von Unternehmertum gelingt, dann gilt dies auch für den Wiederaufbau der Ukraine.

"Für den Wiederaufbau eines Landes ist soziales Unternehmertum ein wichtiges Instrument."

Hilfsorganisationen und Social Business
In Städten wie Mariupol steht kein Stein mehr auf dem anderen. Was ist zu tun, um dort einen Wiederaufbau zu ermöglichen? Nun, es besteht kein Zweifel, dass zunächst einmal Hilfsorganisationen an den Start müssen, um die Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen. Vor ein paar Jahren führte ich im Rahmen meiner Dissertation ein Forschungsprojekt durch, das durch Interviews die Beziehung von Hilfsorganisationen und Social Businesses näher beleuchten sollte. Dabei kam heraus, dass in Fällen von Naturkatastrophen Hilfsorganisationen unmittelbare Hilfe leisten sollten und auch in Bezug auf ihre Erfahrung und ihre Netzwerke extrem wichtig seien. Danach aber, für den Wiederaufbau des Landes, sei der Ansatz des Social Business ein wichtiges Instrument. Dabei handelt es sich um Geschäftsmodelle, die eine soziale Zielsetzung haben, sich aber nicht durch Spenden, sondern durch Einnahmen tragen – wie die Grameen Bank. Ein Interviewpartner, der Sozialunternehmer Andreas Heinecke, betonte: Hilfsorganisationen und Social Businesses sind keine Wettstreiter, sie befruchten einander: Er verglich sie mit Bäumen und Bienen. Große, langlebige Hilfsorganisationen wie die Caritas könnten durch ihr Netzwerk den Sozialunternehmern helfen, während letztere frischen Wind in den sozialen Sektor bringen mit ihren Ideen und ihrem unternehmerischen Ansatz. Der Ansatz des Social Business kann also beim Wiederaufbau eines Landes einen entscheidenden Beitrag leisten: Sowohl das Unternehmertum als auch das soziale Unternehmertum sollten darin seinen festen Platz haben.

Wie gelingt der Aufbau einer Gründungskultur?
Der Entrepreneurship Forscher David Audretsch hielt vor ein paar Jahren an der Universität Wuppertal einen Vortrag darüber, wie es dazu kommen konnte, dass im Silicon Valley eine so beeindruckende Start-up Szene entstanden ist, wo es in anderen Städten ähnliche Bedingungen gab: eine Universität, eine Stadt, aber kein vergleichbares Ökosystem. Ein Punkt bleibt mir bis heute besonders im Gedächtnis: Er führte aus, dass sich die Computerfreaks nach getaner Arbeit immer in den gleichen Kneipen trafen und dort weiter fachsimpelten. Mit anderen Worten: Abends wurden die Ideen entwickelt, die tagsüber in die Tat umgesetzt wurden, und darüber hinaus wichtige Kontakte geknüpft. In vielen deutschen Städten gibt es schon sogenannte Gründer- oder Impact-Stammtische, die monatlich stattfinden. Um eine Gründungskultur noch zu verstärken, darf man beim Aufbau der Ukraine auch über die Gründung von lokalen Entrepreneurship-Cafés nachdenken. Darüber hinaus sollten städtische, kostenfreie Co-Working-Spaces zur Verfügung gestellt werden. Auch Universitäten könnten die Gründungskultur verstärken; aber nicht, indem sie Bachelor- und Masterabschlüsse anbieten. Studierende müssen dabei für einen Abschluss vieles lernen, was sie nie wieder brauchen; und auch vieles einfach nur auswendig. Nach einem Abschluss bewerben sie sich dann auf Jobs. Universitäten müssten stattdessen vermehrt Entrepreneurship Programme anbieten, in dem die Studierenden alles bekommen, was sie als Entrepreneur bräuchten: Kontakte zu anderen Studierenden (auch anderer Fachrichtungen, wie Design, Ingenieur…), praxisrelevantes Wissen und gegebenenfalls Finanzierung.

Gründen statt büffeln – kreativ statt repetitiv
Statt „Zentren der Kreativität" zu sein, sind unsere Wirtschaftsfakultäten insbesondere eins: Zeitverschwendung unserer kreativsten Köpfe. Das können wir uns auch als Gesellschaft nicht leisten! Ich empfehle jedem Studierenden, der ernsthaft erwägt, BWL oder sonstiges zu studieren, stattdessen lieber einen Gründerstammtisch zu besuchen; das Wissen, das man benötigt, kann man sich auch so aneignen. Für Sozialunternehmer ist der Besuch eines Impact Hub oder die Gründung eines 3zeroclubs möglicherweise eine gute Alternative. Die Universität Kiel hat mit Yooweedoo.org eine Plattform geschaffen, bei der man durch kostenlose, frei zugängliche Selbstlernkurse alles lernen kann, was man braucht, um eine soziale Projektidee zu verwirklichen. Man lernt im sogenannten „Changemaker Mooc" ohne Vorkenntnisse alles über Kostenplanung, Ideenentwicklung, Marketing usw. Mehr braucht man nicht, um ein Social Business Projekt zu starten. Dieser Kurs ist allerdings auch für alle angehenden Unternehmer interessant, die traditionell, also nicht im sozialen Bereich gründen möchten, denn die Methoden sind natürlich die gleichen – ob sozialer Unternehmer oder Unternehmer. Solch eine Plattform von Ukrainern in ukrainischer Sprache könnte die Gründungskultur dort entscheidend beflügeln. Zumindest aber sollte an den ukrainischen Universitäten und beim Wiederaufbau der Wirtschaft das Konzept des Entrepreneurships und vor allem auch des Social Business ins Bewusstsein der Gründer getragen werden. Das schon erwähnte Energie-Unternehmen Grameen Shakti könnte auch für den Aufbau der Ukraine ein gutes Vorbild sein.

Zinslose Kredite für Sozial-Unternehmer
Vielleicht sollte man hierbei Yunus‘ Rat befolgen, einen Fond aufzulegen, bei dem speziell Social Entrepreneure zinslose Kredite erhalten und nach einiger Zeit wieder in den Fond zurückzahlen. Auch wenn dies einen Inflationsverlust zur Folge hat, stünde das Geld wieder anderen Social Entrepreneurs zur Verfügung.

Mit all diesen Maßnahmen könnte man die Gründungskultur in der Ukraine ankurbeln: eine Bank nach dem Vorbild der Grameen Bank, Grameen Ukraine; eine Infrastruktur im städtischen Bereich und an den Universitäten, und alles, was erforderlich ist, um dem Einzelnen und der Einzelnen zu helfen, sich selbst zu helfen. Wir wissen selbst, wie wichtig Hilfe zu Selbsthilfe ist, der Marshall Plan nach dem Zweiten Weltkrieg hat den Deutschen nicht nur finanziell geholfen, sondern auch psychologisch. Aus meiner Sicht wäre die schnelle Aufnahme der Ukraine in die EU auch eine wirtschaftspsychologische Hilfe! Nach dem Marshall Plan war es vor allem die „Soziale Marktwirtschaft", die Deutschland vorangebracht hat. Nach heutigem Maßstab könnte für die Ukraine die öko-soziale Marktwirtschaft ein gutes Modell sein, das Land mit Unternehmergeist und sozialem Unternehmertum in eine gute Zukunft zu führen. Die Bundesregierung hat das Online-Portal Ukraine-Wiederaufbauen.de ins Leben gerufen. Ich glaube, sie sollte Yunus‘ Erkenntnisse beim Wiederaufbau beherzigen, denn die Millionen von Frauen in Bangladesch beweisen, dass er recht hat mit der These, dass jeder ein(e) UnternehmerIn sein kann. Machen wir es möglich, indem wir den Ukrainern und Ukrainerinnen helfen, sich selbst zu helfen!

Dr. Michael Wirtz studierte BWL und Soziologie. Er promovierte an der Bergischen Universität Wuppertal zum Thema „Social Business Innovations". Weitere Infos über seine Tätigkeiten und Veröffentlichungen, die diesem Beitrag zugrunde liegen, finden Sie unter www.isbi.online.

Gesellschaft | Pioniere & Visionen, 17.11.2023
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 04/2023 mit dem Schwerpunkt Innovationen & Lösungen - Innovationen und Lösungen für Klima und Umwelt erschienen.
     
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