Holy Shit: Der Beginn einer Toiletten-Revolution

Mit einem ungewöhnlichen Thema sorgt ein neuer Film für Aufmerksamkeit und heimste bereits mehrere Preise ein.

Bewundernd schaut so mancher auf Menschen, von denen es heißt, dass sie aus Mist Gold machen können. Doch wenn man das wörtlich nimmt, trägt jeder von uns mehrere Kilo „Gold" in seinem Darm mit sich, denn die darin befindlichen Nährstoffe eignen sich bestens zum Recyceln und Düngen, und das jeden Tag neu. Es ist üblich, dass Kuhdung und Pferdemist auf unsere Felder verteilt wird. Aber Kot von Menschen ist ein Tabu, das der aus Puerto Rico stammende Weltbürger und Dokumentarfilmer Rubén Abruña reiflich überdenkt und seine Erfahrungen in dem Film „Holy Shit – mit Scheiße die Welt retten" mit uns teilt. Wir sind so an unsere Wasserspülungen gewöhnt, dass wir uns vielfach keine Gedanken machen, was mit unseren Ausscheidungen danach passiert. Unsere Haufen bringen aber einen Haufen Probleme mit sich, können jedoch bei richtiger Aufbereitung einen Beitrag zu Wohlstand sowie für die Gesundheit und die Umwelt leisten.
 
Florian Augustin von der Trockentoiletten-Firma Finizio freut sich über den hochwertigen und geruchsfreien Humus. © FinizioDer ungehobene Schatz im Klärwerk
Abruña nimmt uns humorvoll auf eine filmische Reise rund um die Welt mit und führt den Beweis, dass eine Auseinandersetzung mit dem Thema förderlich und zukunftsfähig ist; denn es lässt sich heute schon ausrechnen, dass die Ressourcen für chemischen Dünger sich für künftige Generationen dem Ende zuneigen werden und die Entwicklung von Konzepten für die Zeit danach unabdingbar ist. Die Dokumentation stellt hochinteressante und erstaunliche Projekte in dieser Richtung vor, wobei der Filmemacher sich selbst nicht so ganz ernst nimmt, sein Anliegen aber sehr.

Schon vor dem Kinostart am 30. November 2023 heimste der Film Preise ein: Beim Darßer Naturfilmfestival wurde er als bester Film in der Kategorie „Mensch und Natur" ausgezeichnet und zusätzlich mit dem Publikumspreis geehrt, was davon zeugt, dass er das delikate Thema in annehmbarer Weise präsentiert hat. Dabei stellte sich Abruña erst einmal den unangenehmen Seiten. Unsere Ausscheidungen sind nach der Spülung nicht einfach weg, und das beweist er, indem er in die Kloaken von Paris heruntersteigt. In dem Gemisch befinden sich neben den natürlichen Stoffen auch Antibiotika, Hormone, Antidepressive etc., aber auch Schwermetalle, Mikroplastik und giftige Substanzen aus der Industrie. Wenn bei starken Regenfällen die Gullys überzulaufen drohen, wird ein Teil der Abwässer ungeklärt in die Seine abgelassen.

Die Folgen des ungeklärten Klärschlamms
Bei einem Besuch in einer der größten Kläranlagen der Welt, der Stickney Plant in Chicago, illustriert Abruña den Aufwand, der dort getrieben wird. Zuerst werden die festen Substanzen entfernt, danach wird Luft in die Flüssigkeit gepumpt, um das Wachstum von Mikroorganismen gegen krankmachende Keime zu fördern. Rückstände wie Antibiotika bleiben trotzdem erhalten. Wohl kaum einer der fünf Millionen Bewohner von Chicago mag sich beim Toilettengang bewusst sein, dass das geklärte Abwasser über den Mississippi im Golf von Mexiko landet: „Wir düngen also Flüsse und Ozeane statt unsere Felder. Das lässt Algen wachsen, die dem Wasser viel Sauerstoff entziehen, wodurch die Fische sterben", erklärt der Schauspieler Christoph Maria Herbst als Erzähler aus dem Off.

Der übrig gebliebene Klärschlamm verursacht seine ganz eigenen Probleme. In Chicago wird er entwässert und dann benutzt, um Felder zu düngen, schließlich sind die wichtigsten Elemente für die Düngung Stickstoff, Phosphat und Kali darin enthalten. Aber auch immer noch Schwermetalle und andere Giftstoffe. Der Klärschlamm wird an die Landwirte verschenkt – nicht verkauft – das ist billiger als Deponien. Wird er tatsächlich als Dünger ausgebracht, dann geraten auch die schädlichen Substanzen zurück in den Kreislauf. Das hatte in Arundel im US-Bundesstaat Maine fatale Folgen. Die Farmer nutzten jahrzehntelang Klärschlamm, der den Boden vergiftete und das Vieh und die Menschen sehr krank machte. Der Schlamm enthielt hohe Mengen des Industrieprodukts PFAS, das fast nicht abbaubar ist und sich im Boden ständig anreichert. Die Landwirte sind krank und können nun weder von ihrem Land noch von ihrem Vieh leben und bekommen von amtlicher Seite keine Wiedergutmachung.

Die Lösungen liegen bereit
Dann widmet sich Abruña mehreren Projekten, die an einer Lösung arbeiten, darunter Wohnprojekte wie die Équilibre Cooperative in Genf, und die Jenfelder Au in Hamburg, in denen Trockentoiletten mit Anlagen zur Klärung und zur Kompostierung installiert sind. Das funktioniert gut, ist aber eine Ausnahme. Trockentoiletten eignen sich generell gut für ländliche Gegenden wie im schwedischen Ystad oder Orte, die keine Anbindung an die Kanalisation haben, wie Boomtown, wo alljährlich ein Festival mit 60.000 Besuchern stattfindet. Die Firma Natural Event ersetzt in mehreren Ländern die sonst üblichen Chemieklos bei Festivals durch Trockentoiletten.

Auch in Afrika gibt es Initiativen in dieser Richtung wie die von GiveLove. In Kampala, Uganda, haben die Menschen oft nicht das Geld, um künstlichen Dünger zu kaufen, sodass es Sinn macht, die eigenen Exkremente als solchen aufzubereiten. Wenn die Menschen ihre Notdurft im Freien verrichten, kann der Kot Krankheiten verursachen, besonders in Ballungsräumen wie in den Slums. Wenn er zentral gesammelt und der Geruch mit Sägespänen und Stroh gebunden wird, kann er kompostiert werden. Bei dem Prozess entsteht eine so starke Hitze, dass die Keime abgetötet werden und ein sicheres Produkt zur Düngung der Felder entsteht, wodurch die Ausscheidungen wieder in den natürlichen Kreislauf eingebunden werden. Das ist gesünder und umweltfreundlicher als chemischer Dünger, denn beim Abbau von Phosphat wird z. B. Radioaktivität freigesetzt und es entstehen giftige Abwässer. Laut UN leidet rund ein Drittel der Weltbevölkerung unter Wassermangel und hat keinen Zugang zu sicherem Trinkwasser. Laut dem begeisterten Patrick Mavo, der das Unterfangen im Slum fördert, könnte Afrika Vorreiter werden, indem es Trockentoiletten in großem Stil einführt und den Entwicklungsschritt teurer Kanalisation überspringt. Der Kompost-Techniker von GiveLove Modem Wizzy hat sogar einen Song komponiert, in dem er die Vorzüge der Kompostierung anpreist. Über 3 ½ Milliarden Menschen fehlt es weltweit an hygienischen Toiletten und ½ Milliarde Menschen verrichtet ihr Geschäft im Freien.

"Shitcoin" – die etwas andere Währung
In Deutschland ist es verboten, menschlichen Kot als Dünger außerhalb kontrollierter Projekte zu nutzen. Seit 2019 produziert die Firma Finizio hochwertigen Humus aus Trockentoiletten, mit entsprechenden Laboranalysen. Florian Augustin und sein Team arbeiten an vielen dezentralen Anlagen im ganzen Land, durch die der Nährstoffkreislauf wiederhergestellt wird, ausgelaugte Böden durch Humus verbessert werden können und langfristig der Chemiedünger ersetzt werden kann. Außerdem spart das jede Menge Trinkwasser.

Um die Nutzung von Trockentoiletten zu fördern, wurde in Ulsan, Südkorea, sogar eine eigene Währung als Belohnung eingeführt, die übersetzt Honig heißt, sie wird spaßeshalber aber „Shitcoin" genannt. Man kann damit bei Internetbestellungen bezahlen, wenn die Firmen dem Projekt angeschlossen sind. Das ist auf jeden Fall ein guter Anreiz.

Abruña stellt mit seinen Beispielen die Problematik, aber auch ein ganzes Füllhorn an Lösungsmöglichkeiten vor. Durch den Film führt er das Publikum humorvoll und allgemein verständlich an ein Tabu und Problemthema heran, das sich bei acht Milliarden Menschen auf der Erde zu einem Projekt der Zukunftsfähigkeit entwickeln könnte.

Ein Beitrag von Helga Fitzner

Umwelt | Ressourcen, 28.11.2023

     
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